TV-Kritik: Caren Miosga: Der melancholische Herr Wadephul

Stürzt jetzt das Regime in Iran? So lautete die Leitfrage bei Caren Miosga. Eine Antwort wurde im Studio erwartungsgemäß nicht gegeben. Aber ein Umstand machte sich immerhin positiv bemerkbar: Nach dem Regierungswechsel in Berlin vor knapp einem Jahr ist der deutsche Talkshow-Zuschauer in Sendungen zu welthistorischen Anlässen nicht mehr mit Annalena Baerbock konfrontiert. Der erschütternde Auftritt der einstigen Außenministerin bei Maischberger vor ein paar Tagen hat in Erinnerung gerufen, wie deplatziert ihr hektisch-alertes, beflissen-belehrendes Auftreten auf der Weltbühne war, wo sie in ihrem Narzissmus auf den diplomatischen Pfaden der Vergangenheit wandelte, die nirgendwohin führen.

Wie anders das Auftreten ihres Nachfolgers Johann Wadephul. Wenn auch kaum erfreulicher: Die hilflose Rolle, in der sich die deutsche Außenpolitik befindet, verkörpert der ins Studio zugeschaltete CDU-Mann mit dem gebotenen melancholischen Unterton. Der Frage von Miosga, ob die gezielte Tötung von Religionsführer Ali Khamenei am Samstag denn gerecht gewesen sei, beantwortete er mit der Bemerkung, dass das eine fast schon philosophische Frage sei, er sich aber an die Realität halten wolle.

„Philosophisch“ trifft es allerdings nicht recht. Eher geht es hier um eine völkerrechtliche Frage. Und zu der hatte Wadephul tags zuvor auf andere Weise ausweichend gesagt, dass sie vielleicht später beantwortet werden könne. Dieses Ausweichen wiederum hängt mit eben jener „Realität“ zusammen, die laut Wadephuls Bekenntnis darin besteht, dass die Deutschen und die Europäer nicht die Möglichkeit haben, militärisch einzugreifen.

Johann Wadephul war der Gesprächsrunde zugeschaltet.
Johann Wadephul war der Gesprächsrunde zugeschaltet.NDR/Thomas Ernst

Man habe immer an einer Verhandlungslösung mit dem ruchlosen Regime in Teheran gearbeitet, sei damit aber nicht erfolgreich gewesen. Und nun, so wiederholte er ein Kanzlerwort vom Wochenende, sei man eben nicht in der Position, andere zu belehren.

Bedeutungsverlust des Auswärtigen Amtes

Bemerkenswert auch, dass Wadephul wie nebenbei den hierzulande keineswegs populären Satz aussprach, die Amerikaner seien der engste Alliierte Deutschlands. Das hörte sich nach einer Distanzierung von dem sogenannten E-3-Statement an, in dem Friedrich Merz gemeinsam mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron und dem britischen Premier Keir Stamer am Samstag zu einer Wiederaufnahme der Verhandlungen zwischen den USA und Iran aufgerufen hatte. Kritische Äußerungen aus Washington über den Zwischenruf aus Europa scheinen ihre Wirkung zumindest in Berlin nicht verfehlt zu haben. Deutschland sitzt jetzt selbst am Katzentisch zwischen den Stühlen.

Wenn das so weiter geht mit unserem Bedeutungsverlust, wird die Tätigkeit des einst so stolzen Auswärtigen Amtes bald vor allem darin bestehen, sich um das Wohlergehen von Landsleuten zu kümmern, die als Geschäftsreisende oder Touristen in den vielen Krisenregionen der Welt stranden. Diese Rolle hat Wadephul allerdings noch nicht recht verinnerlicht. Beinahe verärgert äußerte er sich auf die Frage von Miosga, wie man den Reisenden helfen werde, die nicht mehr aus jenen Ländern im Nahen Osten herauskämen, in denen der Flugverkehr eingestellt wurde: Man habe in den vergangenen vier Wochen mehrfach auf die Zuspitzung der Situation in der Region hingewiesen und Reisewarnungen ausgesprochen.

Fast widerwillig fügte der Außenminister hinzu, man tue, was möglich sei, um den Gestrandeten zu helfen, ließ aber gleichzeitig keinen Zweifel daran, dass er die Reiseverkehrsunternehmen in der Pflicht sieht, die Rückflüge zu organisieren.

Omid Nouripour wurde in Teheran geboren.
Omid Nouripour wurde in Teheran geboren.NDR/Thomas Ernst

Es war dann für den Grünen-Politiker Omid Nouripour ein Leichtes, im Anschluss an das Interview mit Wadephul daran zu erinnern, dass es sich um eine staatliche Aufgabe handele, den eigenen Bürgern zu helfen. „Selbst schuld“ zu rufen, sei jedenfalls keine hinreichende Reaktion.

Unklare Mehrheitsverhältnisse in der iranischen Bevölkerung

Nouripour war der prominenteste Studiogast bei Miosga. Man glaubte, dem in Teheran geborenen Vizepräsidenten des Bundestags und prominentem Mitglied des schrumpfenden Realo-Stamms in seiner Partei, die Erschütterung über die Ereignisse in seinem Herkunftsland anzusehen. Obwohl er in den vergangenen zwei Tagen sehr viele Gespräche mit Iranern geführt habe, wage er keine Einschätzung, wie die Mehrheitsverhältnisse zwischen Anhängern und Gegner des Regimes seien. Klar sei nur, dass es nicht mehr so weiter gehe wie bisher. Die Menschen seien erschöpft.

Hoffnung zieht Nouripour aus dem Umstand, dass das Regime schwächer werde, weil die Führungspersönlichkeiten, die von den USA und Israel getötet würden, nicht gleichwertig ersetzt werden könnten.

Azadeh Zamirirad von der Stiftung Wissenschaft und Politik äußerte sich da zurückhaltender. Sie fiel in der kurzfristig einberufenen Runde mit besonders kenntnisreichen Analysen auf; man wünschte sich öfter Experten in Talkshows, die so differenziert und zugleich allgemeinverständlich formulieren können und bei klarer Sympathie für eine Seite doch den kühlen Blick auf das Ganze wahren.

Azadeh Zamirirad erklärte und bewertete die Situation in Iran.
Azadeh Zamirirad erklärte und bewertete die Situation in Iran.NDR/Thomas Ernst

Die iranischstämmige Politologin äußerte sich skeptisch, dass das Regime durch die Enthauptung der Führung und weitere militärische Schläge zu Fall gebracht werde, indem die Bevölkerung die Gelegenheit nutzt, um den Rest zu erledigen. Im Gegenteil, die Tötung Khameneis führe eher zu einer Stabilisierung des Systems, weil auch Zweifler nun um ihren Führer trauerten, konstatierte sie.

Ein aussichtsreicherer Ansatz für einen Umsturz in Iran wäre es laut Zamirirad, diejenigen, die vom Regime enttäuscht seien, in ihren Zweifeln zu bestärken und etwa Sicherheitskräfte dazu zu bringen, auf die Anwendung von Gewalt zu verzichten. Teile der Protestbewegung hätten das erkannt. Aber offenbar nicht Trump, konnte sich der Zuhörer an dieser Stelle denken.

Einigkeit in den USA?

Annett Meiritz, Internationale Korrespondentin des „Handelsblatts“ zeigte sich dagegen angetan vom Vorgehen des amerikanischen Präsidenten, für den der bisherige Kriegsverlauf eine Erfolg sei. Es werde hierzulande unterschätzt, wieviel parteiübergreifende Einigkeit es in den USA zum Thema Iran gebe. Der Angriff auf den Iran sei nur der nächste logische Schritt nach dem Sturz des Regimes in Syrien und dem Schlag gegen das iranische Atomprogramm im vorigen Jahr. Meiritz meinte, Trump sei mit einem klaren Plan in die Gespräche mit Iran gezogen, in denen der islamischen Republik vieles angeboten, von ihr aber nichts angenommen worden sei.

Es gibt allerdings amerikanisches Sicherheitsexperten, die genau das Gegenteil behaupten: dass nämlich Iran den Amerikanern ein weitgehendes Entgegenkommen signalisiert habe, Trump aber von vornherein dazu entschlossen gewesen sei, das Land anzugreifen. Zu dieser Sicht auf die Dinge passte, was ARD-Israelkorrespondentin Sophie von der Tann in einer Live-Schalte berichtete: Demnach hat man sich in Israel schon seit Wochen nicht mehr gefragt, ob es einen Angriff auf Iran gegen werde, sondern nur noch, wann dieser stattfinden werde.

Zamirirad als überzeugendste Stimme in der Runde zeigte sich nicht besonders optimistisch zum Ausgang des Krieges. Man solle nicht unterschätzen, über welche Kapazitäten das iranische System noch verfüge. Sollte es zu einem für die Machthaber gesichtswahrenden Ende des mit hohen Verlusten verbundenen Kriegs kommen, bei dem sich die USA und Israel mit Zugeständnissen hinsichtlich Raketen- und Atomprogramm begnügen, könnte das Regime sogar gestärkt aus dem Konflikt hervorgehen. Das hoffnungsvolle Szenario sei nicht das wahrscheinlichste. Es klang nicht resignativ, nur nüchtern.

Source: faz.net