TV-Film „Steirerwahn“: Alles muss therapiert werden
Auf dem Land gelten andere Gesetze als in der Stadt, aber im Landkrimi sind die Verhältnisse eigentlich immer ähnlich: Männer im Rausch, Frauen im Abseits, Klüngel an der Spitze. „Steirerwahn“ heißt die neue Folge der ORF-Landkrimi-Serie, die natürlich in der Steiermark angesiedelt ist, wo man prächtigen Wein keltert, wie den Schilcher, der außerdem ziemlich aggressiv machen kann. Diesmal ist es allerdings ein Schnaps, den man nicht so nennen darf, sonst werden die Brenner sauer, handelt es sich bei ihrem Erzeugnis doch um limitierte teure „Edelbrände“.
Ein Schnapsbrenner nach dem anderen kommt zu Tode
Exakt zehn Männer stellen diese hochprozentige Luxusspirituose her – und plötzlich sind es nur noch neun, nur noch acht . . . Wer ist auf dem Rachefeldzug und warum? Es muss ein starkes Motiv geben, denn wer zündet andere Menschen an, wie es hier geschieht? Oder ist der örtliche Pyromane unerwartet aktiv geworden? Für die Grazer Kommissare Sascha Bergmann und Anni Sulmtaler beginnen schwierige Ermittlungen, weil alle zusammenhalten – und alle irgendwie etwas zu verbergen haben. Wer plaudert, kriegt Probleme mit den anderen und ihren „Mafiamethoden“. Durch die Todesgefahr freilich, die eine feuerspuckende Drohne verursacht, bröckelt die Dorfgemeinschaft. Es kommen Sachen zum Vorschein, über die bisher mit Fremden nicht geredet wurde.
In der bewährten Regie von Wolfgang Murnberger, der zu „Steirerwahn“ mit seiner Frau Maria auch das Drehbuch – nach dem gleichnamigen Roman von Claudia Rossbacher – geschrieben hat, ist der Film gut besetzt und spannend erzählt. Neben Hary Prinz als Bergmann und Anna Unterberger als Sulmtaler spielt diesmal der Wiener Noch-„Tatort“-Ermittler Harald Krassnitzer als Anführer des alkoholreichen Männerbundes mit.
Die Lust, wieder einmal in die Rolle des Übeltäters schlüpfen zu können, ist ihm unterm gräulichen Bartgestrüpp deutlich anzumerken. Mit gefährlicher Sanftmut sorgt er dafür, dass der regionale Edelbrand – knapp 100 Euro für einen halben Liter – weiterhin nach einem geheimen mittelalterlichen Rezept produziert wird. Bei diesem Ritual ziehen sich die Brenner dunkle Kutten über, sehen wie Mitglieder des Ku-Klux-Klans aus und schließen sich tagelang in einem Keller ein, um das feine Tröpfchen zu destillieren. Das ist eine uralte Tradition – und die darf unter keinen Umständen geändert werden, selbst wenn der Geschmack der Zeit Bio-Obst verlangt. Aber was, wenn dann doch einer für Neues entflammt ist?

Betrachtet man die Personen genauer, wie sie die Kameramänner Peter von Haller und Thomas Benesch in aller sturen Rechtschaffenheit abbilden, wird gleich klar, dass dies in der Oststeiermark zumindest des ORF nicht ganz einfach werden wird. Vielleicht steht die von Petra Kern nachdrücklich gespielte Försterin deshalb so unter Druck, dass sie mit dem Kommissar in ihrem Geländewagen wie bei einer Rallye durchs Gelände rast. Überhaupt sind die Autofahrten stürmisch und die Wendemanöver waghalsig, ein bisschen Action in der ansonsten idyllischen Natur.
Der Kommissar ist zynisch und kalauert, dass offenbar jemand dabei sei, die Apfelbrenner zu Bratäpfeln zu machen. Die Kommissarin weist ihn prompt zurecht und ist auf ihre frische psychologische Achtsamkeit stolz. Anna Unterberger, die demnächst aus den Steirer-Krimis aussteigen wird, lässt die Konsonanten weich in die hübsche Landschaft kullern, wenn sie vom „Dadord“ spricht oder von „dödlich“. Mit schwarzem Humor gibt es überdies einige nette Flachwitze zum Thema Brand und Brennen – ob der Kommissar eine Mehlspeise namens „Scheiterhaufen“ genießt oder sich die Nachrichten „wie ein Lauffeuer“ verbreiten.
Obwohl die narrativen Ingredienzien nicht eben innovativ sind, ist die Geschichte mit ihren kleinen Rückblenden trotz des engen Rahmens inhaltlich ergiebig und die Lösung des Falls überraschend. Dieser apart abgeschiedene Wohlfühlkrimi mit seinem hohen Schauwert kommt gut über Stock und Stein und zeigt unangestrengt, wie sich die Welten bis hinter den sieben Bergen vermischen: Brauchtum hier, Drohne da. Der Kommissar nimmt’s lakonisch: „Alles muss therapiert werden.“ Auch die Äpfel? 8,5 Kilo benötigt man für einen Liter Edelbrand, heißt es, rund 50 Äpfel. Und das, nachdem uns vor langer Zeit schon ein einziger Apfel aus dem Paradies vertrieben hat.
Steirerwahn läuft am Donnerstag um 20.15 Uhr im Ersten und in der ARD-Mediathek.
Source: faz.net