TV-Film „Polizei“: „Ich hasse jetzt achtsamer“

Was geschah am 1. Mai 2021? An manches kann sich Anton (Levy Rico Arcos), die Hauptfigur in Laila Stielers Spielfilm „Polizei“, erinnern, an anderes nicht. Zwei Jahre sind vergangen, zwei Jahre sind eine lange Zeit, wenn man jung ist. Klar ist, dass Anton damals 18 war und seine Eltern sich trennten. Zur Wut fehlte ihm die Energie. Das Abitur hatte er geschmissen, wusste nicht, was ihm die Zukunft bringen sollte, außer weiteren seltsamen Freunden, die noch weniger auf die Reihe bekamen als er. Unzuverlässige Freunde wie den unter Dauerstrom stehenden Drogendealer Jonas (Florian Geißelmann) und eine Freundin, Emma (Katharina Hirschberg), die sich nach bewusster Nacht mit jemand anderem einließ. Seitdem hat Anton beide nicht mehr gesehen.

Was er noch weiß: Es war das erste Mal seit dem staatlich verordneten Corona-Lockdown, dass sie alle draußen feierten. Sie waren gut drauf, vielleicht ein bisschen wild, definitiv betrunken und selig nach Wochen im Kinderzimmer, die sich wie Knast anfühlten. Zwei Jahre später sitzt Anton im Büro eines Mitarbeiters der Jugendgerichtshilfe (Andreas Anke). Mit dem Brief vom Gericht, der die Strafanzeige und die Ladung als Angeklagter enthält. Antons Leben läuft gerade besser. Mit seiner neuen Freundin Rosa (Jamilah Bagdach) lebt er in einer Gartenlaube, schaut den Brennnesseln beim Wachsen zu oder Forellen, die er mag, beim Schwimmen in der Badewanne. Die Kochlehre bei Otto (Michael A. Grimm), der ein guter Chef ist und die üblichen Reibereien zwischen Auszubildenden mit klaren Ansagen und Verständnis löst, entspricht Antons neu gefundenen Wünschen. Mit seiner Mutter Katja (Petra Schmidt-Schaller) und Vater Gregor (Alexander Hörbe) steht er noch auf Kriegsfuß.

Das ist ein „Brummer“, sagt der Jugendgerichtshelfer

Für Anton zeichnen sich Perspektiven ab – bis jetzt. Ein ziemlicher „Brummer“ sei das, was ihm vorgeworfen wird, sagt der Jugendgerichtshelfer: „Schwerer Landfriedensbruch“, „Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte“. Bei einer Verurteilung könnte Anton als Gewalttäter vorbestraft sein, vielleicht muss er ins Gefängnis. Bierflasche und Pflasterstein habe Anton geworfen und sich mit Gewalt widersetzt, als man ihn auf einer nicht genehmigten Demo festnehmen wollte, so die Zeugenaussagen der Beamten. Diese klingen freilich wie abgesprochen, ordnet seine Anwältin Sabine Langweg (Luise Helm) ein. An was erinnert sich Anton? An nichts. Wer kann für ihn sprechen? Niemand. Außer dieser Film.

DSGVO Platzhalter

Vor 25 Jahren hat sein Gegenstück, Laila Stielers von Andreas Dresen inszenierter Film „Die Polizistin“ (2000), viele Preise gewonnen. Realitätsnah und ungeschönt erzählt er von Anne (Gabriela Maria Schmeide), die als junge Streifenpolizistin ihren Dienst in einem Rostocker Problembezirk antritt. Anne sieht sich mit Aggressionen und Respektlosigkeit konfrontiert, inner- und außerhalb des Reviers. Sie versucht, ihren Weg zu finden, „Freund und Helfer“ und empathisch zu bleiben und sich nicht entmutigen zu lassen. Was ihr gelingt, gewissermaßen.

25 Jahre später nimmt „Polizei“ eindeutig Partei für Anton. Denn dieses Mal geht es nicht um die Rolle einer Polizistin in einer verrohenden Gesellschaft, sondern um einen jungen Mann, der, wie sich herausstellt, kein Täter ist, sondern selbst brutaler Polizeigewalt ausgesetzt war und dessen Nicht-Erinnern sich als psychischer Schutzmechanismus herausstellt. Oder ist er nur ein Vertreter der als zart beschriebenen Generation, die jeder Windhauch sofort zu Boden drückt?

Wenn dieser ruhig erzählte, vorzüglich von der Regisseurin Buket Alakus inszenierte und vom Kameramann Falko Lachmund genau beobachtete Film eine Schwäche haben sollte, dann sind es die gegensätzlich stereotypen Ansichten von Erwachsenen wie Mutter Katja („Er musste um nichts kämpfen, was für eine fragile Generation“) und Vater Gregor („weiße männliche Jugendliche, am Ende der Nahrungskette“). Was wissen diese, von Beruf Business Coach und Kardiologe, wirklich von Antons Jugend während Corona? Im Lauf des Films werden die demonstrativen Klischees ad absurdum geführt, zugunsten Antons, den Levy Rico Arcos ausgezeichnet spielt; mit Blick auf seine aufkommenden Panikattacken, seine Suche, seine Wiederannäherung an seine Mutter. Merle (Antonia Breidenbach), eine Aktivistin, die damals dabei war, hilft ihm bei der Rekonstruktion. Erinnerungen kommen auf, mit dem mächtigen Gefühl der Ohnmacht.

Bezeichnenderweise spart der Film die eigentliche Verhandlung aus, er konzen­triert sich auf das Vorher und Nachher. Hier gibt es keine Gerichtsdramatik, keinen erleichternden Sieg der Gerechtigkeit oder bloß einen halben. Katja, vor der Tür des Yogastudios, wo sie eben noch zu meditieren suchte, fragt Anton, wie es war und was nun ist. Ob die Wahrheit herauskam. „Ich hasse jetzt achtsamer“, sagt Anton. Man kann denken, dass das witzig gemeint ist. Oder nicht.

Polizei läuft am Mittwoch um 20.15 Uhr im Ersten und in der ARD-Mediathek.

Source: faz.net