Türkische Industrielle: „Wir wahrnehmen uns von jener EU hintergangen“

In Deutschland und der EU frohlocken Wirtschaftsvertreter über den zur „Mutter aller Handelsverträge“ hochstilisierten Freihandelsvertrag der EU mit Indien. Doch in der Türkei, die über eine Zollunion mit der EU verbunden ist, führt er zu langen Gesichtern. „Das ist ungerecht und muss von der EU korrigiert werden, wir fühlen uns tatsächlich hintergangen“, sagt Alper Kanca, Unternehmer und Sprecher der Autoindustrie im größten türkischen Wirtschaftsverband TÜSIAD, der F.A.Z.
Kanca klagt nicht allein. Mustafa Gültepe, Chef der Vereinigung türkischer Exporteure, formuliert es etwas vorsichtiger. Die EU als wichtigster Exportmarkt der Türkei sende eine Botschaft an die Türkei: „Du bist mir wichtig, aber du bist nicht unentbehrlich.“
Türkische Wirtschaftsvertreter befürchten einen Kollateralschaden als Folge neuer Freihandelsabkommen der EU, die damit auf Donald Trumps erratische Zollpolitik reagiert. Ausgerechnet die Zollunion mit der EU, vor 30 Jahren begonnen und gedacht als exklusives Instrument wirtschaftlicher Annäherung auf dem Weg zur heute illusorischen EU-Mitgliedschaft, erweist sich als Stolperstein.
„Asymmetrische Struktur“ der Zollunion
Das liege, sagt Meyrem Gökten, Türkeispezialistin am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW), an der „asymmetrischen Struktur“ der Zollunion. Denn wenn die EU ein Freihandelsabkommen schließt, ist die Türkei seither automatisch mit im Boot. Allerdings sitzt sie nicht mit am Tisch, und gefragt wird sie auch nicht.
Doch das sei nicht das größte Problem, sagt Ökonomin Gökten: „Das große Problem für die Türkei ist, dass sie den Markt für diese Länder öffnen muss, aber diese Länder müssen ihren Markt nicht für die türkischen Produkte öffnen.“ Will die Türkei gleichziehen und Nachteile vermeiden, muss sie hinterherverhandeln. Doch bisher habe sie dies nur mit 24 jener knapp 80 Staaten getan, mit denen die EU freien Handel verabredet habe.
Nun deckt die Zollunion nur den Industriebereich ab. Agrarprodukte, digitale Dienste oder das öffentliche Auftragswesen gehören nicht dazu. Deshalb sind die Sorgen vor negativen Folgen eines Freihandels der EU mit den südamerikanischen Mercosur-Staaten am Bosporus eher gering: Deren Exporte aus Landwirtschaft, Aquakulturen oder Bergbau stellten für die Türkei keine Beeinträchtigung dar, sagte Gültepe der türkischen Wirtschaftszeitung „Ekonomim“.
Türkei im Nachteil gegenüber Indien
Anders sei das im Falle Indiens: „Indien ist ein Land, das unsere Exporte in die EU negativ beeinflussen kann, nicht nur bei Chemikalien, sondern auch in der Hochtechnologie.“ Wirtschaftswissenschaftlerin Gökten verweist zudem auf die starke indische Textilindustrie, die die schon angeschlagene türkische Bekleidungsindustrie noch mehr in Bedrängnis bringen könnte. Auch wenn die Veränderungen nur schrittweise kämen, sei die Türkei gegenüber der EU aktuell „in einer schlechteren Position als Indien. Über Indien macht man sich in der Türkei wirklich Sorgen.“
Das gilt erst recht, weil die politischen Beziehungen traditionell nicht die besten sind und die Türkei eher mit dem muslimisch geprägten Pakistan, dem Erzrivalen Indiens, enge Beziehungen unterhält. Schon spekulieren türkische Medien darüber, ob der Vertrag zwischen Brüssel und Delhi die Pläne Ankaras für einen Bau eines Logistikkorridors von irakischen Häfen am Persischen Golf bis nach Istanbul torpedieren könnte. Denn der 2023 mit der EU vorgestellte Indien-Nahost-Europa-Wirtschaftskorridor lässt die Türkei außen vor. Allerdings hat man seither auch wenig davon gehört.
Mehr noch als die fehlende Marktöffnung in den Drittstaaten machen türkischen Industriellen der verschärfte Wettbewerbsdruck und die Angst vor Marktanteilsverlusten Sorge. Denn die EU ist der mit Abstand wichtigste Handelspartner der Türkei, innerhalb der EU ist es Deutschland. Bei einem gleichbleibenden Importanteil von 31,7 Prozent wuchsen die Exporte in die Union im vergangenen Jahr (letzte Daten bis November) sogar um beinahe sechs Prozent auf 43,5 Prozent der Gesamtausfuhr. China kam 2025 bei den Importen als größtes Lieferland auf einen Anteil von 13,6 Prozent vor dem Energielieferanten Russland mit 10,2 Prozent. In der Exportgrafik des türkischen Statistikamtes kommen beide hingegen unter „ferner liefen“. Der Handel mit Deutschland erreichte indes neue Rekordmarken: Bis November führte die Türkei Güter für 20,4 Milliarden Dollar nach Deutschland aus und Waren für umgerechnet 27,9 Milliarden Dollar ein.
Erdoğan mit Brief nach Brüssel
Wie wichtig die EU für die Türkei ist, zeigt der Brief, den Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan im Dezember nach Brüssel schickte. Darin drängt er laut Medienberichten darauf, die Türkei einzubeziehen, falls die EU bei Bestellungen der öffentlichen Hand künftig Autos „made in Europe“ bevorzuge. Die Autoexporte der Türkei in die EU beliefen sich 2025 auf 30 Milliarden Dollar. Der wichtigste türkische Industriezweig schickt 70 Prozent seiner Exporte in die EU.
Entsprechend groß ist die Sorge in Istanbul, die Türkei gerate ins Hintertreffen, wenn die EU türkischen Konkurrenten ihre Tore öffne. Das treibt auch deutsche Unternehmen um, die in der Türkei produzieren. „Tatsächlich sorgen sich hier auch deutsche Unternehmensvertreter vor einem wachsenden Ungleichgewicht und einem Wettbewerbsnachteil, nicht nur, aber auch unter Automobilzulieferern“, sagt Burkhardt Hellemann, Vorstand der deutsch-türkischen Industrie- und Handelskammer in Istanbul.
Unter den aktuellen Bedingungen, sagt Gültepe vom Verband der Exporteure, habe die Türkei etwa bei Textilien „keine Chance, mit Indien beim Preis konkurrieren zu können“. Alper Ücok, der TÜSIAD-Vertreter in Berlin, weist auf das Fallbeispiel Vietnam hin. Seitdem die EU im Jahre 2020 mit Hanoi ein Freihandelsabkommen geschlossen habe, seien der Handel mit und europäische Direktinvestitionen in dem Land stark gewachsen.
Um die Auswirkungen der EU-Handelspolitik auf ihr Land abzumildern, verlangen türkische Geschäftsleute wie der Präsident der Istanbuler Handelskammer, Şekib Avdagiç, schon lange eine Modernisierung und Ausweitung der Zollunion. Hellemann hält das für „längst überfällig“. Auch solle die EU die Türkei „frühzeitig und verbindlich in EU-Freihandelsprozesse einbinden, damit Ankara parallel verhandeln und zeitgleich vergleichbare Präferenzen sichern kann“, sagt Kanca.
Doch die Realität sieht anders aus. Trotz vieler Lippenbekenntnisse kommen sich Ankara und Brüssel bei der Modernisierung und Erweiterung der Zollunion nicht näher. Im Gegenteil. Um sich gegen die als unfair empfundene einseitige Marktöffnung durch die EU zu wehren, belegt die Türkei die Einfuhr solcher Produkte aus Drittländern mit Extraabgaben. Die EU mahne das immer wieder als Vertragsbruch an, könne es aber nicht unterbinden, sagt die Ökonomin Gökten, die über die Zollunion geforscht hat. Die Folge sei, dass die Zollunion „jedes Jahr ein bisschen weniger funktioniert“.