Türkei | Iran-Krieg: Am Ende die Türkei dieser geopolitische Sieger sein

Wenn man türkischen Politikern, allen voran Präsident Recep Tayyip Erdoğan, glauben darf, dann haben sie den Krieg Israels und der USA gegen den Iran um jeden Preis vermeiden wollen. Bereits während des zwölftägigen Bombardements der Islamischen Republik durch beide Staaten im Juni 2025 hatte Ankara auf ein sofortiges Ende der Angriffe gedrängt.

Vor dem jetzigen Krieg versuchte Außenminister Hakan Fidan die USA davon zu überzeugen, dass ein Waffengang den Angreifern mehr Schaden als Nutzen bringen würde. Genau das ist eingetreten, die Türkei könnte am Ende davon profitieren, auch wenn sie im Augenblick zu den in mehrerer Hinsicht Geschädigten zählt. Da das Land selbst über keine nennenswerten fossilen Energiequellen verfügt, machen die steigenden Öl- und Gaspreise zu schaffen. Sie treiben eine ohnehin galoppierende Inflation von 30 Prozent noch einmal an.

Regime Change herbeifantasiert

Bereits drei iranische Raketen hat die US-Flugabwehr abgefangen, die im Auftrag der NATO türkischen Luftraum schützt. Betroffen war jeweils der Süden des Landes, nicht allzu weit entfernt von Antalya, dem Zentrum des Massentourismus. Kein gutes Omen für die kommende Saison. Für die größte Angst sorgt die ungewisse Zukunft des Iran. Ankara hat sich nie leichtfertigen Spekulationen auf einen kontrollierbaren Regime Change in Teheran hingegeben, wie den Tel Aviv und Washington, aber ebenso blauäugige Politiker in Brüssel und Berlin zu Kriegsbeginn herbeifantasiert haben.

Mit dem Irak und Syrien hat die Türkei bereits zwei Nachbarstaaten kollabieren sehen, entscheidend ausgelöst durch westliche Interventionen. Die Folgen waren Staatszerfall, marodierende Warlords, religiöse Radikalisierung, Flüchtlingsströme und ethnische Konflikte. Was heißt das für den Iran, in dem die Perser nur 60 Prozent der Bevölkerung ausmachen? Was soll bei einem Kollaps des Regimes die Kurden im Westen, die Aseris im Norden und die Belutschen im Süden zusammenhalten?

Je schwächer eine iranische Zentralmacht, desto mehr verschafft das iranischen Kurden Auftrieb, wird in Ankara befürchtet. Seit den Protesten von 2022 hat sich die politische und kulturelle Repression Teherans in Iranisch-Kurdistan verstärkt. Die Region war in den letzten Jahren eines der Zentren von Protesten und verzeichnete zusammen mit Belutschistan die höchsten Opferzahlen. Im Februar 2026 vereinbarten sechs iranisch-kurdische Parteien – vom PKK-Ableger PJAK bis zur sozialdemokratischen Komalah – mehr Kooperation und waren drauf und dran, sich von den USA als Bodentruppen einspannen zu lassen.

Die Grenze zum Iran gleicht einem betonierten Schützengraben

Noch fliehen nur wenige aus dem Iran. Sollte aber das Land in einen Bürgerkrieg abtauchen, wird sich das schnell ändern. Eine Politik der offenen Grenzen wie zu Beginn des Bürgerkriegs in Syrien 2011 wird Ankara dann garantiert nicht verfolgen. 380 der 560 Kilometer langen Grenze zum Iran sind schon vor Jahren mit einer Betonmauer versehen worden. Entlang so gut wie der gesamten Demarkationslinie zieht sich ein einziger Schützengraben. Hunderte mit moderner Technik ausgestattete Wachtürme sollen irreguläre Fluchtbewegungen verhindern.

In einem nicht-öffentlichen Briefing des türkischen Außenministeriums für Abgeordnete wurden bereits Ende Januar Pläne für eine Pufferzone auf iranischem Gebiet vorgestellt. Doch kann man im Fall des Falles auch türkischsprachige Aseris zurückweisen? Wird doch stets von Türken und Aseris als zwei Teilen einer Nation gesprochen, nur die Launen der Geschichte hätten ihnen verschiedene Staaten zugewiesen.

Erdoğan zeigt mit diesem Krieg einmal mehr, wie gut er sein politisches Handwerk beherrscht. So hat er den Iranern zum Tode Ali Chameneis, des religiösen Führers und mächtigsten Manns in Teheran, sein Beileid bekundet und damit der eigenen Bevölkerung aus dem Herzen gesprochen. Zugleich meidet er jegliche Kritik an Donald Trump und seiner Politik. Ein Urteil wie das von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der Feldzug verletze Völkerrecht, ist aus Ankara nicht zu hören. Was nichts daran ändert, dass sowohl für die politische Führung wie die öffentliche Meinung der Türkei Israel die Hauptverantwortung für diese Aggression trägt.

Die Türkei zieht ihre eigenen Schlüsse aus dem Krieg

Ob nun regierungs- oder oppositionsnah, türkische Medien berichteten zustimmend von Äußerungen Joe Kents, Direktor des Nationalen Zentrums für Terrorismusbekämpfung (NCTC) der USA, das die Terrorabwehr der 18 US-Geheimdienste koordiniert. Kent, von Trump auf seinen Posten gehievt, erklärte, es hätten keinerlei Beweise dafür vorgelegen, dass der Iran die USA angreifen wollte.

Mehr noch, Kent deutete an, Trump sei unter dem Einfluss Netanjahus in den Krieg gezogen. Mit viel Verve zitieren türkische Blätter den demokratischen Senator Chris Van Hollen. Der sagt, Netanjahu hätte jahrzehntelang auf einen US-Präsidenten gewartet, der mit ihm zusammen den Iran angreifen würde. Mit Donald Trump habe er nun einen gefunden, „der dumm genug ist, das zu tun“.

Je mehr sich die Regierung Erdoğan auf Israel und Netanjahu einschießt, desto weniger fragt sich ihr Anhang, warum sie Donald Trump ausnimmt. Auch wenn Ankara die USA nicht öffentlich kritisiert, ist hinter den Kulissen das Vertrauen passé. Die riesigen Schäden in den Golfstaaten versinnbildlichen, dass sich der Schutz, den man sich von den USA erhoffte, als brüchig erwiesen hat.

Schließlich sind relevante Sicherheitspartner in der Region gefragt

Ankara zieht daraus mindestens drei Schlüsse: Priorität genießt eine eigene Raketenabwehr. Man muss darüber nachdenken, sich womöglich nuklear zu bewaffnen. Schließlich sind relevante Sicherheitspartner in der Region gefragt. Im September 2025 haben Saudi-Arabien und die Atommacht Pakistan ein Abkommen zur gegenseitigen Verteidigung geschlossen. Warum sollte man sich daran nicht beteiligen und zudem die militärische wie Rüstungszusammenarbeit mit den Golfstaaten kräftig ausweiten?

Bei Kriegsende, wie immer das aussehen wird, dürften die Vereinigten Staaten ihre Dominanz im Nahen und Mittleren Osten mit Israel teilen müssen. So siegreich sich das dann auch geben mag – es wird für die Länder der Region wenig vertrauenswürdig sein. Bleibt die Türkei.