Trumps Zolldrohungen: Deutsche Manager verzweifeln an Amerika

Die neuerlichen Zollankündigungen des amerikanischen Präsidenten haben selbst den Verband der chemischen Industrie (VCI) für kurze Zeit sprachlos gemacht. Man habe sich kurz nach den Hiobsbotschaften aus Amerika zusammengesetzt und gefragt, was überhaupt man dazu noch sagen könne, heißt es von dem sonst so lautstarken Interessenvertreter der Industrie.

Der VCI ist nicht allein. Die Unsicherheit in der Industrie ist mit Händen zu greifen, selbst der einflussreiche Automobilverband VDA äußert sich auf die jüngsten Trump-Ankündigungen nur auf Nachfrage. Dabei zeichnet sich allerdings eine bemerkenswerte Wende ab: Die Ratlosigkeit in der Wirtschaft angesichts der gebrochenen Zusagen weicht an immer mehr Stellen Wut: Verbände fordern erstmals klare Gegenmaßnahmen der EU, selbst der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) zeigt dafür Verständnis.

Das mit der EU gerade beschlossene Zollabkommen jedenfalls ist schon wieder Makulatur. Die EU selbst hat es auf Eis gelegt, nachdem Donald Trump am Samstag wegen des Streits um Grönland Strafzölle gegen Deutschland und sieben andere europäische Länder angekündigt hat. Solange die USA die zu Dänemark gehörende Insel nicht kaufen könnten, sollten Deutschland, Dänemark, Norwegen, Schweden, Frankreich, Großbritannien, die Niederlande und Finnland von Februar an zusätzliche Zölle von zehn Prozent auf alle Einfuhren in die USA zahlen. Von Juni an würden diese Zölle auf 25 Prozent erhöht.

Niemand weiß mehr, wie lange Rahmenbedingungen gelten

Selbst das Mindestmaß an Sicherheit, die jede große Investitionsentscheidung von Unternehmen braucht, ist damit weg. Wieder muss neu kalkuliert werden, wieder mit neuen Variablen gerechnet. Niemand weiß, wie lange sie dieses Mal gelten. Trump hat nicht nur die regelbasierte Ordnung gekippt, er hat den Unternehmen die Planbarkeit genommen. Mit Verweis auf die vielen offenen Fragen, möglichen Gegenreaktionen der EU und einer Lage, die sich von Stunde zu Stunde verändern kann, sagen die meisten Unternehmen deshalb gar nichts mehr dazu: Ob RWE, DHL oder SAP – man bittet um Verzeihung: kein Kommentar.

Auch große Unternehmensverbände äußerten sich nur auf Anfrage und belassen es bei Appellen: VDA-Präsidentin Hildegard Müller bezeichnete die Zolldrohung als „erneute und schwerwiegende Belastung der transatlantischen Beziehungen“. Entscheidend sei eine „kluge, strategische und mit den betroffenen Ländern abgestimmte Reaktion aus Brüssel“. Schnellschüsse führten nur zu einer Eskalation und einer möglichen Spirale, die nur Verlierer produziere.

„Die Kommission sollte jetzt handeln“

Andere, vorneweg die Maschinenbauer und Elektrounternehmen, haben die Nase jetzt allerdings voll. VDMA-Präsident Bertram Kawlath sagte, Europa dürfe sich nicht erpressen lassen, auch nicht von den Vereinigten Staaten. Grönland sei Teil Europas und müsse es auch bleiben. „Wenn die EU hier nachgibt, wird es den amerikanischen Präsidenten nur ermutigen, die nächste aberwitzige Forderung zu stellen und mit weiteren Zöllen zu drohen.“ Der oberste Maschinenbauvertreter fordert, dass die EU-Kommission den Einsatz der Bazooka prüft – es handelt sich um das Anti-Coercion-Instrument (ACI), das der EU weitreichende Gegenmaßnahmen bis hin zu Einschränkungen bei öffentlichen Aufträgen ermöglicht.

Deutlich fällt auch die Reaktion des ZVEI aus: Geschäftsführer Wolfgang Weber forderte eine entschiedene Antwort der EU. „Dass es bei den Zöllen schon lange nicht mehr nur um Handelspolitik geht, dürfte nun endgültig klar sein.“ Die Zolldrohungen kompromittierten das ohnehin schon stark angeschlagene Vertrauen in die USA als zuverlässigen Partner. „Die Kommission sollte jetzt handeln und nach Möglichkeit ihren Vorschlag für den Industry Accelerator Act am 29. Januar nutzen, um eine klare Antwort zu geben.“

Weniger drastisch, aber klar im Trend äußert sich nach der neuesten Eskalation auch der BDI. Wichtig sei, dass Europa nun einig und selbstbewusst agiere. So sei es nachvollziehbar, dass das EU-Parlament die Abstimmung über das bereits verhandelte Handelsabkommen mit den USA aufschiebe. Auch, dass die EU Gegenzölle erwäge, und den Einsatz des ACI „halten wir in der aktuellen Phase für plausibel“. Zugleich plädiert der BDI nach wie vor für Deeskalation.

Die Stahlbranche ist entsetzt

Wie viel auf dem Spiel steht, zeigt die Reaktion der ohnehin angeschlagenen Stahlkocher. „Für eine Branche, die bereits massiv von bestehenden Zollmaßnahmen betroffen ist, wären die angekündigten Maßnahmen ein erneuter harter Schlag durch eine zunehmend unberechenbare US-Handelspolitik“, sagt Kerstin-Maria Rippel, Hauptgeschäftsführerin der Wirtschaftsvereinigung Stahl. Eurostat zufolge lag die Exportmenge von Stahlprodukten wie Blechen, Rohren und Ähnlichem aus der EU in die USA zwischen Januar und Oktober 2025 satte 30 Prozent niedriger als im Vergleichszeitraum 2018. Besonders stark war der Rückgang vergangenes Jahr. Vergleicht man den Oktober 2025 mit dem Oktober 2024, betrug der Einbruch zwölf Prozent.

Schon heute unterliegen EU-Exporte von Stahl und Stahlprodukten in die USA einem Zollsatz von 50 Prozent. Die neuen Strafzölle kämen noch obendrauf, rechnet Rippel vor: „Ab dem 1. Februar 2026 würde der Zollsatz für Lieferungen von Stahl- und Stahlderivaten, also stahlintensiven Gütern wie Maschinen, auf 60 Prozent steigen, ab dem 1. Juni 2026 sogar auf 75 Prozent.“ Die Folge seien „steigende Kosten, gestörte Lieferketten und eine weitere Schwächung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit“. US-Zölle wirken für die hiesigen Hersteller auch deshalb negativ, weil der globale Stahlmarkt unter Überkapazitäten und geringen Preisen leidet. „Für die EU-Politik muss nun umso mehr das Ziel gelten, der Stahlindustrie konsequent zur Seite zu stehen und das von der Europäischen Kommission vorgeschlagene neue EU-Handelsschutzinstrument unverzüglich auf den Weg zu bringen“, so Rippel.

Die Kommission will die bisherigen EU-Einfuhrmengen von der Jahresmitte an halbieren und auf Mengen, die das Kontingent überschreiten, Einfuhrzölle von 50 Prozent erheben. Schlimmes fürchtet auch Christian Vietmeyer, Hauptgeschäftsführer des Wirtschaftsverbands Stahl- und Metallverarbeitung. Er bezeichnet noch höhere US-Stahlzölle als für die Branche „nicht mehr tragbar“. Seine Mitgliedsunternehmen bräuchten dann sofort „einen umfassenden Schutz gegen Billigimporte und die vollständige Herstellung der Wettbewerbsfähigkeit am Produktionsstandort Deutschland“.