Trump will Grönland: Ein Präsident im Machtrausch

Die 13 Bundeswehrsoldaten, die nach Grönland geflogen sind, würden eine amerikanische Invasion so wenig aufhalten können wie die französischen Diplomaten, die dort ein Generalkonsulat eröffnen und länger bleiben sollen als der deutsche Erkundungstrupp. Das ist aber auch nicht die Aufgabe der Entsandten. Die Regierungen in Berlin, Paris und weiteren europäischen Hauptstädten wollen mit ihren politischen und militärischen Aktivitäten zeigen, dass auch sie die im Zuge des Klimawandels noch gewachsene strategische Bedeutung der größten Insel der Welt kennen. Und dass sie künftig viel mehr dazu beitragen wollen, die sicherheitspolitischen Interessen der NATO auch in der Arktis zu wahren.

Doch stößt man in diesem Fall nicht nur auf Bedrohungen von außen, sondern auch auf eine noch nie da gewesene Gefahr für das Bündnis von innen. Sie geht von der Führungsmacht der Allianz aus. Deren Präsident erklärt, dass Grönland den Vereinigten Staaten von Amerika gehören müsse. Er tut das mit einer imperialen Kompromisslosigkeit und in einer Tonlage, die man in heutiger Zeit nur von Putin gewohnt ist, wenn der über die territorialen Ansprüche Russlands spricht.

Trump begründet seine Forderung sicherheitspolitisch: Es sei essenziell für die Sicherheit der USA, dass Grönland nicht in die Hand Russlands oder Chinas falle. Dänemark könne sich aber nicht gegen Moskau und Peking behaupten. Das könnten nur die USA, weswegen sie in den Besitz Grönlands kommen müssten.

Wo Russland für Trump eine große Gefahr ist

Während Trump, wenn es um die Ukraine geht, seinem „Freund“ Putin aus der Hand frisst, stellt er Russland in der Causa Grönland als große Gefahr für die USA dar. Tatsächlich ist Moskau nicht nur, aber vor allem der Seewege halber sehr an Grönland interessiert. Anders als von Trump behauptet, wimmelt es vor den Küsten aber noch nicht von russischen und chinesischen Kriegsschiffen.

Die größte Invasionsgefahr für Grönland geht derzeit tatsächlich von der Führungsmacht der NATO aus. Käme es zu einer militärischen Übernahme, die Trump weiter nicht ausschließt, stellte das die Geschäftsgrundlage des atlantischen Bündnisses infrage. Ein größerer Akt der Selbstzerstörung als die Anwendung militärischer Gewalt zur Eroberung des Territoriums eines Bündnispartners durch einen anderen Verbündeten ist nicht vorstellbar. Auch kein absurderer.

Denn die USA haben schon jetzt alle Möglichkeiten, ihre Militärpräsenz auf Grönland, die sie über die Jahre selbst reduziert haben, wieder massiv auszuweiten, auch für ihren noch nicht existierenden Raketenabwehrschirm „Golden Dome“. Die Europäer wollen sich stärker als bisher um die Überwachung des Luftraums und des Ozeans kümmern und sogar Landstreitkräfte in Grönland stationieren. Um seine Sicherheitsinteressen wahren zu können, müsste Washington Grönland also weder kaufen noch erobern.

Was Trump antreibt? Sein Ego

Trumps Hauptargument ist auch in diesem Fall ein vorgeschobenes. Was treibt ihn in Wirklichkeit an? Man muss auch in diesem Fall vermuten: sein Ego – und der Rausch, in dem es sich spätestens seit dem Handstreich in Venezuela befindet. Trump hält sich für allwissend und für unaufhaltbar, gebunden von nichts außer von seinen eigenen „moralischen“ Vorstellungen. In seinem eigenen Land stößt er nur noch auf wenig Widerstand, wenn doch, dann versucht er ihn mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln zu brechen.

In der Außenpolitik gilt für Trump und seine Anhänger erst recht nur das Recht des Stärkeren. Und der Stärkere nimmt sich, was er sich nehmen will und kann. Die Schwachen, also jene mit den „schlechten Karten“, müssen sich fügen, da können sie sich auf das Völkerrecht berufen, wie sie wollen. Trump hat seinen Wählern versprochen, Amerika nicht nur wieder zu einem großartigen und mächtigen Land zu machen, sondern auch geographisch zu vergrößern. Auch mit dieser Agenda erinnert er an Putin. Und mit mehr als zwei Millionen Quadratkilometern ist Grönland gut dreimal so groß wie die Ukraine.

Mit einem solchen Beutezug würde Trump aber nicht nur das Ansehen seines Landes massiv beschädigen, sondern auch die NATO sprengen, die den Amerikanern in einer Weise nützt, die Trump wohl nie begreifen wird. In der Trump-Administration und im Kongress scheint es aber auch noch Politiker zu geben, die noch bei Verstand sind. Die können nun ihren Präsidenten darauf hinweisen, dass die Europäer viel mehr zur Überwachung und Abschreckung Russlands und Chinas auch im Nordatlantik tun werden als bisher. Trump könnte sich mit einigem Recht rühmen, dass abermals er es gewesen sei, der die Europäer dazu genötigt habe, mehr Präsenz in der Arktis zu zeigen. Einen solchen Ausgang der Grönland-Krise könnte man mit viel gutem Willen als Ergebnis einer rationalen Politik verstehen, die sich an mit Vernunft definierten nationalen Interessen orientiert. Trumps erratische Politik folgt aber zumeist ganz anderen Beweggründen.

Source: faz.net