Trump verfolgt andere Ziele: „Für Israel spielt es keine große Rolle, was nach den Angriffen im Iran folgt“

Trump verfolgt andere Ziele„Für Israel spielt es keine große Rolle, was nach den Angriffen im Iran folgt“

03.03.2026, 19:27 Uhr

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„Der Krieg ist verknüpft mit Netanjahus Rolle, seiner Selbstdarstellung in Israel und seinem Wahlkampf“, sagt Experte Lintl. (Foto: picture alliance/dpa)

Regimewechsel oder nicht? Diese Frage beantwortet die US-Regierung nicht eindeutig, wenn sie über ihre Kriegsziele im Iran spricht. Generell schmiede Trump nicht die gleichen Pläne wie Netanjahu, sagt Nahost-Experte Lintl. Das habe mit der geopolitischen Rolle der USA zu tun.

ntv.de: Außenminister Marco Rubio hat gesagt, die US-Regierung habe von den israelischen Plänen gewusst und sich deshalb zum Angriff auf den Iran gezwungen gesehen, auch wegen der Sorge um US-Soldaten in den Golfstaaten. Es klingt ein wenig danach, als hätte Israel den Iran in den Krieg hineingezogen. Ist das so?

Peter Lintl: Mehrere Stimmen haben nach Rubios Interview die Behauptung zurückgewiesen, Israel hätte die USA in den Krieg hineingezogen. Was für mich schlüssiger erscheint: Der gemeinsame Angriff fand statt, weil es Geheimdienstinformationen gab, wonach sich viele Angehörige der iranischen Elite in einem Gebäude befanden. US-Präsident Donald Trump hatte zuvor seit geraumer Zeit ein Eigeninteresse formuliert, die Möglichkeit eines Angriffs auf den Iran in den Raum gestellt und ja auch schon eine enorme Zahl von Truppen.

Trump verfolgte also sein Eigeninteresse an der Auslöschung der Elite des iranischen Mullah-Regimes?

Man muss unterscheiden zwischen den US-amerikanischen und den israelischen Interessen. Das US-Interesse zielt auf das Jonglieren zwischen unterschiedlichen Kriegszielen: Einerseits soll der Iran, auch als Partner Chinas, geschwächt werden – andererseits spielt die US-Regierung mit der Idee eines Regimewechsels. Auch Israel spricht von einem Regimewechsel. Aber Trump scheint dies zumindest für eine Weile ernsthaft verfolgt zu haben, für die Netanjahu ist das trotz dessen Verlautbarungen nachrangig.

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Der Politologe Peter Lintl studierte und forschte unter anderem in Haifa und Tel Aviv. Bei der Stiftung Wissenschaft und Politik leitet er ein Forschungsprojekt zur israelischen Sicherheitspolitik. (Foto: SWP)

Was ist den Israelis wichtig?

Den Israelis ist eine militärische Schwächung des Irans viel wichtiger als ein Regimewechsel in Teheran. Im Gegensatz zu den USA spielt es für Israel keine große Rolle, was nach diesen Angriffen im Iran folgen wird, ob das Regime implodiert oder es Angriffe auf Nachbarstaaten gibt. Solche Fragen sind für die USA viel wichtiger, weil Trump versprochen hatte, keine endlosen Kriege mehr zu führen und dies auch Auswirkungen auf die Weltwirtschaft und damit auf die USA hat. Jetzt besteht aber die Gefahr eines endlosen Kriegs – und im Gegensatz zu den Israelis haben die Amerikaner dann eine Ordnungsaufgabe.

Wäre Israel also jedes Szenario recht – auch ein führungsloser und chaotischer Iran?

Seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 hat sich in Israel die Überzeugung manifestiert: Im Nahen Osten kann es nicht mehr um Diplomatie gehen und Friedensverhandlungen sind nicht der richtige Weg. Die Israelis sehen sich von einem feindlichen Nahen Osten umgeben mit Akteuren, die sie militärisch besiegen müssen. Diese Sichtweise teilt das gesamte Kabinett Netanjahus und wenigstens hinsichtlich des iranischen Regimes auch ein überwiegender Teil der israelischen Bevölkerung.

Wie stellt sich die israelische Regierung einen Sieg vor?

Die Zielsetzungen der Israelis: Sie wollen das iranische Atom- und Raketenarsenal samt Marine und Abschussrampen zerstören sowie das ganze Bollwerk von Irans Verbündeten zerschlagen, darunter die Hisbollah. Wenn dabei auch ein Regime Change rumkommt, so wie es viele Exil Iraner hoffen, ist es für die Israelis schöner, hat aber keine Priorität. Die israelische Denkweise ist: „Frieden durch Stärke“ – diesen Slogan haben die Amerikaner übernommen. Dabei ist das Ziel nicht wirklicher Frieden, sondern eine Befriedung. Das heißt, die Gegner werden durch militärische Dominanz so stark geschwächt, dass sie Israel nicht mehr angreifen können oder wollen.

Ist der Unterschied der Ziele auch im Umstand begründet, dass der Krieg im Iran Trump innenpolitisch eher schaden und Netanjahu eher nutzen könnte?

Ich will nicht so weit gehen, dass Netanjahu diesen Krieg aus innenpolitischen Motiven führt. Aber Netanjahu ist sich mit Sicherheit bewusst, wie sehr ein erfolgreicher Krieg ihm innenpolitisch helfen wird. Netanjahu stellt sich bislang dar als der Garant für Israels Sicherheit, als ob er allein Israels Feinde besiegen könne. Insofern ist der Krieg verknüpft mit Netanjahus Rolle, seiner Selbstdarstellung in Israel und seinem Wahlkampf. Das lässt sich gar nicht voneinander trennen.

Der israelische Botschafter in Deutschland unterstützt einen Regimesturz im Iran, räumt aber ein, es gebe keine konkreten Pläne für die Zeit danach. Ein Wandel im Iran könne nur „von innen“ kommen. Wie finden Sie das?

Es ist ein bisschen wohlfeil, zu sagen: Wir bombardieren, den Rest sollen andere machen. Das ist verantwortungsethisch keine gute Position, weil so niemand die Verantwortung für die eigenen Handlungen übernimmt. Ähnliches hört man auch oft in Deutschland: Das Regime ist böse, es muss weg. Die Forderung, das Regime in Teheran müsse abgelöst werden, kann man natürlich unterstützen. Nur bleibt die Frage: Welche Risiken sind damit verbunden? Wer sich diese Frage nicht stellt, denkt nicht genug über die Konsequenzen nach.

Da sich die USA als Ordnungsmacht diese Frage ja stellen müssen: Welche geopolitischen Auswirkungen hat ein Krieg im Iran, der eventuell doch lange geführt werden muss?

Was wir schon sehen, sind wirtschaftliche Konsequenzen. Seestraßen wie die Straße von Hormus oder der Suezkanal sind gar nicht mehr oder nur stark eingeschränkt passierbar. Das heißt, Lieferketten werden komplett unterbrochen oder die Lieferungen dauern wesentlich länger. Dadurch steigen Preise für Produkte immer stärker an, allen voran der Ölpreis. Der Druck auf die Börsen wird weiter steigen, je nachdem, wie lange dieser Krieg noch dauern wird und zu welchem Ergebnis er kommt. Mit Blick auf einen Regimewechsel in Teheran wissen wir ja noch nicht, ob dieser Krieg erfolgreich sein wird oder nicht.

Mit Peter Lintl sprach Lea Verstl

Quelle: ntv.de

Source: n-tv.de