Trotz Millionenumskorrodieren: Warum Apotheker streiken

Der Volksmund kennt das: Apotheken gibt es wie Sand am Meer und teure Geschäfte nennt man „Apotheken“. Doch nun sind die Apotheker im Ausstand, das zweite Mal binnen drei Jahren, das letzte Mal streikten die Pillendreher im Juni 2023.

Wofür? Für mehr Geld natürlich. Und gegen unlautere Konkurrenz. Und weil sie sich als Stand bedroht sehen. Solidarisch glauben sie sich mit den Patient:innen, die auf sie angewiesen sind, wenn sie ein Medikament oder andere Gesundheitsleistungen benötigen. Denn im Unterschied zu anderen Ländern dürfen verschreibungspflichtige Medikamente bislang nur in Läden abgegeben werden, in denen ein approbierter Apotheker bzw. eine Apothekerin hinter der Theke steht.

Alleine vergangenes Jahr haben 500 Apotheken geschlossen

Meine wohnortnäheste Apotheke, rund 300 Meter entfernt, hat vor ungefähr einem Jahr dichtgemacht. Zur nächsten ist es etwa doppelt so weit, im Ein-Kilometer-Radius gibt es mindestens noch einmal zwei Anlaufstellen. Ich bin also gut versorgt, obwohl auch ich in meinem Umfeld in Berlin Leerstände wahrnehme. Gab es 2010 republikweit noch 21.441 Apotheken, ist ihre Zahl 2025 auf 16.601 gesunken, alleine vergangenes Jahr schlossen rund 500 Versorger ihre Pforten.

Zwischen 2020 und 2025 haben dagegen nur 771 Apotheker einen neuen Standort eröffnet. Zweifellos hat der sprunghafte Anstieg der Online-Apotheken mit ihrer aggressiven Werbung maßgeblich zu dieser Entwicklung beigetragen.

In ländlichen Gegenden kann das richtig hart sein, weil vielerorts überhaupt nur noch eine einzige Apotheke existiert: Im brandenburgischen Havelland etwa mussten sich im Jahr 2023 100.000 Einwohner 17,7 Apotheken teilen, im Barnim waren es 16,2. Im niedersächsischen Osterholz kommen sogar nur 14,6 Apotheken auf 100.000 Einwohner. Wie unterschiedlich die Verteilung regional ist, zeigen folgende Zahlen: Während in Berlin 18,2 Apotheken 100.000 Bewohner versorgen, ist die Prignitz mit 30,2 Apotheken ausgesprochen gut ausgestattet.

Dennoch kann von fußläufiger Erreichbarkeit in manchen Gegenden keine Rede mehr sein. Eine neue Studie des IGes-Instituts kommt zwar zum Ergebnis, dass auch in weniger versorgten Regionen notwendige Medikamente innerhalb von 15 Autominuten zu beschaffen sind, doch 1,7 Millionen Menschen ist das zu Fuß nicht mehr möglich. Ähnliches gilt allerdings auch für Bäckereien und andere Läden des täglichen Bedarfs. Das ist nicht schön, aber eben auch keine Besonderheit des pharmazeutischen Standes.

Seit 13 Jahren ohne Anstieg der Vergütung?

Neben der Ausdünnung der Standorte sind die Apotheker unzufrieden mit ihrer Vergütung, die, so Thomas Preis von der Apothekervereinigung Abda, seit 13 Jahren nicht mehr gestiegen sei. 2013 war das Fixum für ein Medikament von 8,10 Euro auf 8,35 Euro angehoben worden. Dazu kommt ein Zuschlag von drei Prozent auf den Einkaufspreis, was bei hochpreisigen Arzneimitteln eine ganze Menge ist.

Die Gesetzlichen Krankenkassen verlangen von den Apotheken wiederum einen Abschlag, der seit Februar 2025 bei 1,77 Euro liegt. Dazu kommen weitere Vergütungen für besondere Leistungen, Notfall- und Nachtdienste und übrigens auch für neu an die Apotheker:innen delegierte Leistungen wie etwa das Impfen, das Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) sogar ausweiten will. Wie sie den Honorarforderungen im Übrigen offen gegenübersteht – unter Finanzierungsvorbehalt.

Die Apotheker argumentieren nun, dass die Erhöhung der Vergütungen (bezogen auf die Einzelleistung) in keinem Verhältnis stünde zu den steigenden Betriebskosten, seit 2013 rund 65 Prozent, rechnen sie vor. Gar nicht zu reden vom steigenden Zeitaufwand, der durch das Management von Lieferengpässen oder Dokumentationspflichten entsteht.

Dem widersprechen die Krankenkassen vehement. Stefanie Stoff-Ahnis, Vizepräsidentin des Spitzenverbands der Gesetzlichen Krankenkassen, verweist darauf, dass die Vergütung der Apotheker zwischen 2013 und 2024 um 1,5 Milliarden Euro auf 7,1 Milliarden gestiegen sei, aufgrund steigender Arzneimittelpreise und mehr Verschreibungen. Und nebenbei auch durch die Corona-Pandemie, die sie nicht erwähnt. Neu hinzugekommene Leistungen wie das Impfen sind dabei noch gar nicht berücksichtigt.

Vom Volumen her sieht sie angesichts der defizitären Situation der Krankenkassen keinen Spielraum für die Apotheken, wohl aber bei der Verteilung. Apotheken in Ballungsräumen mit hohen Umsätzen benötigten keine zusätzliche Vergütung, wohl aber kleine Anbieter in ländlichen Gebieten mit wenig Absatz, die jedoch viel mehr Mühe haben, die Versorgung aufrechtzuerhalten.

Altehrwürdige Standesrechte werden verteidigt

Ein Dorn im Auge der Apotheker ist auch der Plan der Bundesregierung, künftig pharmazeutisch-technische Angestellte (PTA) als Vertretung in die Apothekenleitung einzubeziehen, wie im Apothekenweiterentwicklungsgesetz als Modellprojekt vorgesehen.

Hier geht es an die Grundfeste und die Verteidigung altehrwürdiger Standesrechte. So werden die einschlägigen Verbände nicht müde, den Alleinstellungsauftrag der Apotheker und Apothekerinnen zu betonen. Sie machen sich zwar für die Weiterqualifizierung ihres Fachpersonals stark und wollen ihm mehr Kompetenzen einräumen – ersetzt sehen wollen sie sich von ihren PTAs allerdings nicht.

Gemessen an einem Durchschnittsbruttoeinkommen von jährlich knapp 174.000 Euro – so beziffert es die einschlägige apo-Bank – nagen deutsche Apotheker:innen auch heute noch nicht am Hungertuch. Die Konkurrenz mag härter geworden sein durch Online-Anbieter, die sich dem Beratungsgeschäft entziehen, aber das gilt für viele andere Branchen auch. Richtig ist, dass Apotheken wenig Möglichkeiten der Preis- und Vergütungsgestaltung haben, dagegen bringen sie ja ihr nichtmedizinisches Angebot in Anschlag mit sprichwörtlichen „Apothekenpreisen“.

Und es gibt eine ungute Allianz zwischen Arzneimittelherstellern und Apothekern, denn treibende Preise spülen Umsatz in die Apothekenkasse, zu Lasten der Versicherten.

Gerade mit Blick auf die galoppierenden, im europäischen Vergleich exorbitanten Arzneimittelpreise hätte Warken ein Spielfeld mit vielen Möglichkeiten – wenn sie es denn ernst nähme, Ausgaben zu senken, und nicht vor allem Versicherten und Patient:innen in die Tasche zu greifen.