Trotz hoher RecyclingQuote: Mülltrennung einsam reicht nicht

Wer seinen Hausmüll richtig trennt, leistet einen wichtigen Beitrag, um Ressourcen zu schonen. Mehr als 70 Prozent der Kunststoffverpackungen, die in der Gelben Tonne oder im Gelben Sack landen, werden nach neuen offiziellen Zahlen dem klassischen Recycling zugeführt: Joghurtbecher, Folien und Shampooflaschen aus dem Gelben Sack werden mechanisch aufbereitet, damit sie wieder als Rohstoffe für neue Produkte genutzt werden können. „Den Irrglauben, es würde sowieso alles verbrannt, können wir damit eindrucksvoll widerlegen“, sagte die für Kreislaufwirtschaft zuständige Vertreterin des Umweltbundesamtes (UBA), Bettina Rechenberg, am Dienstag auf einer Pressekonferenz. Gemeinsam mit der Zentralen Stelle Verpackungsregister (ZSVR), der Überwachungsbehörde für das Verpackungsrecycling, stellte das UBA die neuen Zahlen vor.

Die Fortschritte im Recycling von Kunststoffen führte Rechenberg vor allem auf zwei Faktoren zurück: Hersteller achteten beim Verpackungsdesign stärker auf Wiederverwertbarkeit. Außerdem habe sich die Sortiertechnologie weiterentwickelt. Die Recyclingquote für Kunststoffabfälle aus der Gelben Tonne ist seit 2018 um nahezu 30 Prozentpunkte gestiegen. Gegenüber dem Vorjahr waren es knapp 1,9 Prozentpunkte. Die gesetzlich vorgeschriebene Zielquote von 63 Prozent für Kunststoffverpackungen wurde damit 2024, wie schon im Vorjahr, übertroffen. Sie entspricht schon gegenwärtig der 70-Prozent-Marke, die von 2028 an nach dem neuen Verpackungsgesetz verpflichtend sein soll. Das Gesetz, mit dem Vorgaben der EU-Verpackungsverordnung in deutsches Recht überführt werden sollen, befindet sich derzeit im parlamentarischen Verfahren.

Weniger Altglascontainer

Betrachtet man alle Verpackungsabfälle, die parallel zur kommunalen Müllabfuhr gesammelt werden, ergibt sich im Vergleich zum Vorjahr ein recht konstantes Bild. „Die Recyclingquoten sind stabil“, heißt es in der gemeinsamen Mitteilung von UBA und ZSVR. Wie schon im Vorjahr seien 2024 auch die Quoten für Aluminium- und Weißblechabfälle im Gelben Sack sowie die Quoten für Papier, Pappe und Karton (Blaue Tonne) erfüllt oder übertroffen worden. Stabil bleiben allerdings auch die Verfehlungen: Die Recyclingquoten für Glas, Getränkekartons und Verbundverpackungen seien abermals „deutlich“ verfehlt worden, teilten die Behörden mit.

Die 90-Prozent-Zielmarke für Glas wurde um gut sieben Prozentpunkte verpasst, die 80-Prozent-Marke für Getränkekartons um mehr als 10 Prozentpunkte und die 70-Prozent-Quote für Verbundpackungen wie Kaffee-Vakuumverpackungen um mehr als acht Prozent. Das Glasrecycling werde dadurch erschwert, dass Altglascontainer abgebaut worden und viele Standorte zu wenig verbraucherfreundlich seien, erläuterte Bettina Rechenberg vom UBA. Außerdem landeten noch zu viele Glasbehälter im Hausmüll. Die Expertin für Kreislaufwirtschaft appellierte an die Verbraucher, Abfälle noch sorgfältiger zu trennen, um mehr Recycling zu ermöglichen. Dazu gehöre auch, die Altglas nach Farben zu sortieren.

Von den Abfällen aus der gelben Tonne, konnten im Berichtsjahr 2024 insgesamt 61 Prozent recycelt werden. Um diesen Anteil weiter zu erhöhen, seien auch die Hersteller gefordert. So leistungsfähig Sortier- und Recyclinganlagen auch sind, sie können nicht ausgleichen, was beim Verpackungsdesign versäumt wird“, mahnte die Chefin der ZSVR, Gunda Rachut. Künftig gelten strengere Vorgaben. Von 2030 an müssen nach EU-Recht Verpackungen zu mindestens 70 Prozent wiederverwertbar sein.

Mehr Recyclingkapazitäten gefordert

Doch reiche es für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft nicht, nur auf die gelbe Tonne zu schauen, mahnt der Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung (BVSE). Das Angebot an hochwertigen Rezyklaten, also an Kunststoffen aus dem Recycling, werde absehbar nicht ausreichen, um die Quoten nach EU-Recht zu erfüllen. Nicht nur die Verpackungsindustrie, auch die Automobilindustrie wird verpflichtet, Rezyklate zu verwenden. Die Menge an Kunststoffabfällen für das Recycling müsse deutlich erhöht werden, auch aus Gewerbeabfällen und dem öffentlichen Bereich, fordern die Fachverbände. Nach einer Studie der Kunststoffindustrie werden von 5,5 Millionen Tonnen Kunststoffabfällen nur 3,2 Millionen Tonnen für das Recycling erfasst.

Zur Stärkung der Kreislaufwirtschaft müssten außerdem die Recyclingkapazitäten ausgebaut werden. Doch das Gegenteil geschieht. Durch Insolvenzen, Betriebsschließungen und Stilllegungen seien in der EU in den vergangenen drei Jahren Recyclingkapazitäten von rund einer Million Tonnen verloren gegangen, heißt es in einer Studie des Verbandes Plastics Europe. Der Entsorgungskonzern Veolia hat Ende 2025 zwei Anlagen in Bernburg (Sachsen-Anhalt) geschlossen.

Die wirtschaftliche Lage der Kunststoffrecycler in Deutschland sei äußerst angespannt, warnen die Branchenverbände. Grund dafür seien unter anderem hohe Energie- und Betriebskosten. Hinzu komme ein massiver Preiswettbewerb mit neuen Kunststoffen sowie der Importdruck durch häufig günstigere Rezyklate aus Nicht-EU-Staaten, schreibt der Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Kreislaufwirtschaft (BDE). Beides drücke die Nachfrage nach Rezyklaten aus der EU.

Bei Ausschreibungen der öffentlichen Hand müsse der Einsatz von Rezyklaten verbindlich vorgegeben werden, forderte Herbert Snell, Vizepräsident Fachverband Kunststoffrecycling beim BVSE, gegenüber der F.A.Z. Außerdem seien verstärkte Maßnahmen erforderlich, um falsch deklarierte und damit illegale Rezyklat-Importe wirksam abzuwehren. Würden Recyclingkapazitäten weiter abgebaut, weil die Politik nicht gegensteuere, „drohen wir in eine Verbrennungsfalle zu geraten“, mahnte Snell. Sei Recycling nicht mehr wirtschaftlich, bleibe Verbrennung häufig die einzige logistische Option. Eine solche Entwicklung steht jedoch in direktem Widerspruch zu den Klimazielen und dem Aufbau der Kreislaufwirtschaft, warnte der Verbandsvertreter.