Trotz Engpässen im Netz: Reiche: Einheitliche deutsche Strompreiszone bleibt erhalten

Die schwedische Energieministerin Ebba Busch ist immer noch sauer auf die deutsche Bundesregierung. Sie sei „nicht überrascht, aber auch nicht glücklich“ über Berlins Haltung, die einheitliche deutsch-luxemburgische Strompreiszone aufrechterhalten zu wollen, sagte Busch am Montag am Rande des Energieministertreffens in Brüssel. Aus ihrer Sicht sorgen die bestehenden Engpässe im deutschen Stromnetz zu oft für hohe Preise in Südschweden.

Doch wenige Stunden später erteilte Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) Forderungen nach einer Teilung der deutschen Stromgebotszone endgültig eine Absage. In einem „Aktionsplan Gebotszone“ benennt ihr Haus eine Reihe von Maßnahmen, die innerhalb Deutschlands bestehende Netzengpässe reduzieren sollen. So werde das Übertragungsnetz in den kommenden Jahren „signifikant weiterentwickelt und verstärkt“, etwa durch den Bau großer Hochspannungs-Übertragungs-Leitungen. Demnach soll beispielsweise Ultranet 2026, A-Nord und Südostlink 2027 und Südlink 2028 in Betrieb gehen. Außerdem seien Planungs- und Genehmigungsverfahren beschleunigt sowie bestehende Trassen optimiert und verstärkt worden.

Auch die vorwiegend im Süden geplante Ansiedlung neuer Gaskraftwerke sowie die geplante Reform der Netzentgelte („Agnes“) werden als Maßnahmen zur Linderung von Netzengpässen erwähnt. Letztere könnte dazu führen, dass Netzentgelte dynamisiert werden, künftig also räumlich und zeitlich variieren könnten. Der Prozess liegt allerdings nicht in den Händen des Bundeswirtschaftsministeriums, sondern der Bundesnetzagentur.

Derzeit kostet Strom in Deutschland immer gleich viel

Der nun vorgelegte und an die EU-Kommission übermittelte Bericht ist der Versuch, einen Schlussstrich unter die schon lange schwellende Debatte zu ziehen. Ende April hatten die europäischen Übertragungsnetzbetreiber (Entso-e) empfohlen, die deutsch-luxemburgische Strompreiszone in fünf Zonen aufzuteilen, da dies mit Wohlfahrtsgewinnen verbunden sei. Im Anschluss wurden allerdings Teile der Methodik bemängelt. Das Wirtschaftsministerium argumentiert nun, die von den Betreibern simulierten Wohlfahrtsgewinne seien „um ein Vielfaches geringer“ als die Kosten, die mit einer Neuaufteilung der Gebotszone verbunden wären. Außerdem fürchtet Reiches Haus regionale Kostenunterschiede für Endverbraucher sowie den Umstand, dass sich die Ansiedlung von Erzeugungsanlagen in einigen Regionen künftig nicht mehr lohnen könnte.

Viele Energieökonomen würden genau diese Effekte allerdings begrüßen. Denn schon heute kann das Netz den vielen EE-Strom oft nicht abtransportieren – auch, weil der Preis an der Strombörse für ganz Deutschland immer gleich ist, unabhängig davon, wie wertvoll der Strom an einem bestimmten Ort ist. Der Markt gibt sich der Illusion hin, es gäbe immer ausreichend Kapazitäten, um den Strom von A nach B zu transportieren. Tatsächlich ist das oft nicht der Fall, und Erzeugung und Verbrauch müssen nachträglich angepasst werden – was mit Kosten verbunden ist.

„Schlicht nicht vorstellbar“

Und das Problem dürfte künftig noch größer werden. Viele glaubten, „wir können einfach weitermachen mit einem liberalisierten Strommarkt, mehr Flexibilitäten und einem immer liquideren Kurzfristhandel. Ich fürchte, sie irren sich“, schrieb Lion Hirth von der Berliner Hertie School vor wenigen Tagen auf der Plattform „Linkedin“. „Entweder werden wir die Preiszone teilen – oder wir werden eine ganze Reihe von Instrumenten, Regularien und Vorschriften bekommen, die den Dispatch von Kraftwerken, Speichern, Erneuerbaren und flexible Verbraucher immer mehr einschränken.“ Mit „Dispatch“ ist der Einsatz der jeweiligen Technologien gemeint. Es sei „schlicht nicht vorstellbar“, dass „hunderte Gigawatt Wind- und Solarenergie, dutzende Gigawatt Großbatterien und Millionen von Elektroautos in Sekundenschnelle auf Intraday-Preissignale reagieren und dabei völlig blind fürs Netz sind“.

Auch die prominent besetzte Expertenkommission zum Energiewende-Monitoring, bestehend aus Andreas Löschel, Veronika Grimm, Felix Matthes und Anke Weidlich, hatte in ihrem vergangene Woche vorgelegten Gutachten eine Aufteilung befürwortet und „signifikant“ niedrigere Kosten für Engpassmanagement und Netzausbau sowie effizientere lokale Preissignale als Gründe genannt.

Die EU-Strombinnenmarktverordnung schreibt eigentlich seit 2019 vor, dass Netzbetreiber bis Ende 2025 jeweils mindestens 70 Prozent der verfügbaren Übertragungskapazität für den europäischen Stromhandel bereitstellen müssen. Deutschland habe dafür schon viel getan, heißt es nun in dem Bericht. Ob das Ziel bis zum Jahresende tatsächlich erreicht wird, bleibt allerdings offen.