Trenčín Kulturhauptstadt Europas: Die Jugend soll bleiben, die Touristen sollen kommen
Wäre nicht Frýdlant in Böhmen höchstwahrscheinlich Kafkas Burg der Wahl für seinen Roman „Das Schloss“ gewesen, müsste es die nordslowakische Feste Trenčín sein. Über den gesamten Bergrücken des hoch über der Stadt aufragenden Massivs zieht sich über Hunderte von Metern die Burg mit ihren Wällen und Mauerringen. Es gibt in Trenčín keinen Ort, von dem aus die Festung nicht zu sehen wäre – und einen selbst mit ihren gesichtsartigen Fenstern und Schießscharten beäugen würde.
Die vom 11. Jahrhundert an errichtete Grenzfeste – aus dieser frühen Zeit stammt noch eine in ihren Grundzügen ergrabene Rotunde – und ihre Vorgänger kontrollierten seit Bronze- und Römerzeit komfortabel Stadt, Land und Fluss, wobei die Vah (gesprochen: „Vach“, deutsch „die Waag“) der längste Strom der Slowakei ist. Als Trenčín unter Matúč Čák noch zum ungarischen Großreich gehörte, wurde das Schloss weitläufig ausgebaut und ist daher nun logischer Mittel- und Ausgangspunkt von Drohnenballett und Licht-Shows wie „Burg in Flammen“.
Der die Burgsilhouette bestimmende Barbara-Trakt in Frührenaissanceformen wiederum ist nach der 1451 gestorbenen Deutschen Barbara von Cilli benannt, der zweiten Frau Kaiser Sigismunds. Am Bau der Burg wirkten wie beinahe überall in Osteuropa auch Italiener mit, im Fall von Trenčín der Comescer Baumeister Pietro Ferrabosco. Sie mischten sich lange problemlos unter die slowakischen, polnischen, deutschen, ungarischen, tschechischen und jüdischen Bevölkerungsteile, ein wahrlich europäisches Völkergemisch, das eine reiche Kultur hervorbrachte.

Seit der drei Tage dauernden Eröffnungszeremonie am Wochenende ist Trenčín im Nordwesten der Slowakei nun offiziell eine der beiden Kulturhauptstädte Europas. Der EU-Bildungskommissar Normunds Popens aus Lettland brachte nicht nur die Ernennungsurkunde, Geld und wohlwollende Worte mit. In seiner launigen Rede auf der Burg mit weitem Blick bis in die Trenčín im Norden einrahmenden, weißen Kalkstein-Karpaten betonte er die vier prägenden „M“ der Stadt: Marc Aurel, von dessen 179 nach Christus überwinternder Legion eine riesige, in den Fels gemeißelte Inschrift am Fuß der Burg zeugt, die bei einem kakanischen Kaffee im Hotel Elisabeth besichtigt werden kann; das „M“ für Manifest (der immer noch kultisch verehrte Alexander Dubček ist unweit von Trenčín geboren, sein und zugleich auch des Kultautors und Schöpfers der slowakischen Schriftsprache Ludovit Sturs Geburtshaus sind heute Museum); das „M“ für „Most“, das slowakische Wort für Brücke, das sich auf die als eiffelturmhafte Horizontalkonstruktion ebenso geliebte wie marode Eisenbahnbrücke bezieht, die bis in den Sommer saniert und dann nach dem New Yorker Vorbild der High Line bepflanzt und nach einer großen „Fiesta Most“ begehbar sein wird; sowie, scherzhaft, das „M“ für Melina Mercouri als Kulturengel, nach der der mit 1,5 Millionen Euro dotierte und nun an Trenčín vergebene EU-Kulturpreis benannt ist.
Breitseiten in Richtung der rechtsnationalen Regierung in Bratislava
Die zwei Hoffnungen, die sich die nur mehr 56.000 Einwohner zählende, einst wegen ihrer Textilindustrie europaweit bekannte Stadt macht, sind kein Geheimnis: Zum einen soll die massive Abwanderung der Jugend in die Welt und vor allem in die Hauptstadt Bratislava gestoppt werden, die jede Investition in Trenčín bislang konterkariert; zum anderen soll der Tourismus gefördert werden für eine Stadt, die mit vielen Zugverbindungen täglich nur zwei Stunden von Wien entfernt ist. Unter anderem den Wienern will man die ohnehin zu vielen Touristen dort abluchsen, die in der Region eine Fülle von traumschönen Heilbädern finden.
Von den Regionalpolitikern wie auch vom Oberbürgermeister gingen derbe Breitseiten in Richtung der rechtsnationalen Regierung in Bratislava aus, was das klare, von allen geforderte Bekenntnis zu Europa und zur Unterstützung der Ukraine anlangt, entgegen der Pro-Putin-Haltung dort. Äußerst amüsant zu beobachten war auch – ähnlich wie in einem „Don Camillo und Peppone“-Film der Fünfziger, in dem die Kommunisten jedes offizielle Gesehenwerden mit dem Priester vermeiden wollen –, wie alle Trenčíner Politiker schon am Tag zuvor laut überlegten, wie sie es anstellen würden, tunlichst nicht mit der Kultusministerin Martina Šimkovičová gesehen zu werden. Zu sagen, die von Kultur völlig unbeleckte Ministerin sei unbeliebt, wäre eine Untertreibung. Konsequenterweise sprach die ehemalige Fernsehmoderatorin dann auch nicht auf den Eröffnungszeremonien.
Was aber erfährt man nun im Rahmen der Europäischen Kulturhauptstadt Trenčín über die Kultur von Stadt und Region? Eine Menge, und zwar klugerweise immer auf den konkreten Ort und seine häufig jahrhundertealten Schichtungen von Geschichte bezogen. Allein auf der Burg reagieren drei Installation auf diese und die Stadt. Die portugiesische Künstlerin Carla Rebelo webt als Arachne der Moderne schon seit Längerem den roten Faden einer für die sozialen Kontexte aufgeschlossenen Textilkunst weiter in Richtung zeitgenössische Kunst. Mit dieser Vorgeschichte schien für sie ein intensives Befassen mit dem riesigen Merina-Komplex geradezu unabdingbar. Es handelt sich dabei um einen der drei größten Merino-Wolle – im Trenčíner Fall importiert aus Neuseeland – verarbeitenden Betriebe in Europa im 20. Jahrhundert, den die jüdisch-französische Familie Tiberghien 1907 gründete und für die vor 100 Jahren atemnehmende Fabrikgebäude im Stil des Neuen Bauens errichtet wurden.
In der platonischen Höhle
Nach dem Niedergang von Trenčíns Textilindustrie seit den Neunzigern wurden und werden diese zum Teil abgerissen – etwas, was die Kulturhauptstadt dringend beenden muss, denn diese Bauhaus-Juwelen würden einer Stadt wie Dessau die Tränen in die Augen treiben. Rebelo jedenfalls baut mit den in den aufgelassenen Gebäuden gefundenen Überbleibseln einen hochsymbolischen Webstuhl in einem der imposantesten Schlossräume nach. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durfte sich ein Architekt an der freien Rekonstruktion des beim Brand von 1790 zerstörten spätgotischen Gewölbes austoben und nutzte diese Carte blanche, um eine futuristische Wabendecke in der Tradition des tschechischen Kubismus aufstuckieren zu lassen, wie sie ein Meister der Spätgotik und einer der Moderne wie Frank Gehry, dessen Familie aus dem nahen Polen stammt, stolz gemacht hätte.
Die kunstvolle Stuckdecke jedenfalls fügt sich kongenial zu der geometrischen Raumzeichnung aus 1500 Fäden, die Rebelo auf dem am Boden des großen Schlosssaals montierten Webrahmen des geretteten Stabholzparketts der Fabrik aufgezogen hat. Diagonal durch den Saal laufen nun die Reihen der Kett- und Schussfäden, durch die geschickte Lichtregie der Künstlerin aber eben auch als Schatten über die kubistisch gebrochenen Waben der Decke. In dieser platonischen Höhle – der Saal ist fensterlos – wird angesichts der gebrochenen Schattenlinien unmittelbar anschaulich, dass der lange Erzählfaden der textilen Geschichte Trenčíns gewissermaßen gerissen ist. Die Schatten der Besucher irrlichtern verloren zwischen dem Gespinst umher. Indem aber selbst die jüngere Trenčíner Besuchergeneration dieser Arbeit Rebelos mindestens ein Familienmitglied wie Tante oder Großmutter hat, die in der Merina arbeiteten, wird das Garn der Erzählung hier als „oral history“ weitergesponnen.

Aufgenommen wird der Faden auch durch eine Initiative junger Designerinnen der Stadt, die sich unter dem Label Lumó der ästhetisch ansprechenden Wieder- und Weiterverwendung gebrauchter Textilien verschrieben haben. Sie sagen damit zugleich der vergilbten Flut von nicht mehr zu gebrauchenden und das Grundwasser mit Mikroplastik belastenden Einwegbilligtextilien aus China und anderen Niedriglohnländern den Goliaths-Kampf an, hoffentlich auch über die Kulturhauptstadtzeit hinaus mit nachhaltigem Erfolg.
Der temporäre Lumó-Pavillon liegt gegenüber der Synagoge Trenčíns, die integraler Teil des Kulturhauptstadtprogramms mit einer Ausstellung zur Geschichte der Gemeinde und Klezmerkonzerten ist. Das 1913 vom jüdischen Architekten Rudolf Scheibner errichtete Gebäude ist in mehrfacher Hinsicht ein Wunder. Es ist eine von nur drei erhaltenen Großsynagogen der Slowakei und kunsthistorisch eine der bemerkenswertesten in ganz Europa. Von Weitem wirkt sie mit ihrem Kuppeltambour wie eine verkleinerte Version der Hagia Sophia in Istanbul, in den architektonischen Details ist sie eine aufregend krude Mischung aus neoromanischen und orientalischen Elementen, die man durch ein ägyptisierendes Portal mit Palmettenkapitellen betritt.
Von den nur etwa sechzig Überlebenden der vor dem Holocaust 1600 jüdischen Gemeindemitglieder in den vergangenen Jahren mit norwegischem Geld im Innern mustergültig saniert, strahlt nun um den Thoraschrein herum ein Lebensbaum in traditionell slowakischen Folkloreformen in Blau, Grün und Gelb neben aufwendigen Alhambra-Motiven aus Granada sowie Frührenaissance-Sgraffito und Art-déco-Mustern, während der Kuppelbogen darüber mit einem bestirnten Bühnenbild-Nachthimmel Schinkels für Mozarts Zauberflöte bekrönt wird.
Bei einer Führung in der Synagoge setzte sich die massive Kritik des Generaldirektors der Burg und der historischen Museen der Stadt an der Regierungspartei fort, die Trenčíns Bürgermeister bei der Eröffnung begonnen hatte. Als Historiker und Humanisten sei ihm zutiefst zuwider, zwei den Holocaust leugnende Europaabgeordnete als Repräsentanten der Slowakei in Brüssel zu wissen – angesichts der einzigartigen Mixtur aus Stilen und Kulturen, die einen in der Synagoge umgibt, eine wichtige Botschaft, die von den allermeisten Trenčínern geteilt wird.
Der mitreißende Klezmer dort wurde auf Jiddisch vorgetragen, Schillers „Ode an die Freude“ zu Beethovens Neunter als Eurohymne zum Abschluss des Eröffnungsabends auf Deutsch – und das allerletzte Lied, ein politischer Untergrund-Song mit dem Bürgermeister höchstpersönlich am Schlagzeug auf Slowakisch. Angesichts von weiteren zwei Dutzend Konzerten für die Jugend und eines ganzjährig dichten Kulturprogramms muss man sich zumindest um deren Bleiben in der Kulturhauptstadt im Jahr 2026 keine Sorgen machen.
Source: faz.net