Toxizität | Toxische Männer und Gewalt in jener Ehe: Eva Schüttpelz’ beklemmender Roman „Grüne Welle“

Ihr erster Roman Ohne mich ist vielfach ausgezeichnet worden: Die Schriftstellerin Esther Schüttpelz ist eine der zahlreichen Dichterjuristinnen und Dichterjuristen, die die deutsche Literatur kennt. Goethe, Franz Kafka, Bernhard Schlink, Juli Zeh … Narrative und juristische Verfahren haben mehr miteinander zu tun, als man gemeinhin glaubt. Schon Jurisprudenz stellt immer auch die Frage, was wie in welchem Rahmen ein Fall werden kann.

Eine ähnliche Frage stellt Schüttpelz in ihrem zweiten Roman Grüne Welle. Hier geht es um den Fall einer durch Gewalt geprägten Ehe. Unvermittelt betritt der Leser, die Leserin die erzählte Welt. Die Protagonistin, deren „Alter sich in der Dunkelheit schlecht bestimmen ließ“, steht vor einem VW Golf, der „eindeutig in die Jahre gekommen ist“, und will nach einem Kinobesuch mit einer Freundin nach Hause fahren. So weit, so normal.

Das Ungewöhnliche, mit dem niemand rechnen konnte und das die Erzählstruktur der Novelle auszeichnet, ist in Schüttpelz’ Fall die Sperrung bekannter Heimwege, auf denen sie „normalerweise“ nach Hause fährt. Dieses unerwartete Ereignis setzt die Geschichte in Gang, da es nun unmöglich wird, auf direktem Weg nach Hause zu fahren. Sie verpasst Ausfahrt um Ausfahrt, entfernt sich immer weiter von ihrem Zuhause, wo ihr Mann auf sie wartet, der sich im Laufe der Erzählung als toxisch-gewalttätiger Ehemann entpuppt. Grüne Welle heißt der Roman, weil die Protagonistin atemlos unterwegs ist.

Stand Kafka etwa Pate für Esther Schüttpelz’ Roman?

Der Titel ist metaphorisch, weil ihr Ziel kein Ort ist, sondern eine Bewegung. Vielleicht hat hier Kafkas Parabel Der Aufbruch Pate gestanden. Dort heißt es: „‚Ich weiß es nicht‘, sagte ich, ‚nur weg von hier, nur weg von hier. Immerfort weg von hier, nur so kann ich mein Ziel erreichen.‘“ Da ist eine grüne Welle von Vorteil.

Schüttpelz kombiniert mehrere Erzählmodi, indem sie passagenweise ihre Protagonistin bei inneren Monologen beobachtet. Dann wieder scheint der Erzähler mehr zu wissen als die von ihm erfundenen Figuren. So heißt es: „Es stimmte aber, dass die Frau sich hier auskannte.“ Mal sind wir in den Köpfen der Figuren, bei ihren Gedanken und zuweilen auch Gefühlen. Mal im Außen der Landschaft und der Straßen, dann wieder beim Blick der ebenfalls namenlos bleibenden Freundin der Frau auf die Ehe ihrer Freundin.

Die erzählte Welt in Grüne Welle entsteht aus verschiedenen Perspektiven, was dem Sujet entspricht, das so realistisch dargeboten wird: Es entsteht das „offene Geheimnis“ der Gewalt in ihrer Ehe. Es ist eingeschlossen in die erzählte Welt und gleichzeitig als Thema von Konversationen ausgeschlossen. Diese „Toxizität von Beziehungen“, wie sie etwa in Terézia Moras Muna erzählt worden ist, entsteht in gesellschaftlichen und geschlechterpolitischen Kontexten und ist niemals nur privat. Sie gehört zu unserer Beziehungsgegenwart, auf die literarisches Schreiben, das als gegenwärtig gelesen werden will, zugreift.

Die erzählte Welt in „Grüne Welle“ entsteht aus verschiedenen Perspektiven

Auf einer Landstraße überfährt die Protagonistin ein Reh, das sie symbolisch als ihr früheres Ich betrachtet. Sie lässt das Reh nicht auf der Straße liegen, sondern packt es in den Kofferraum. Nach einer Nacht und dem folgenden Tag sowie einigen Begegnungen mit Vertreterinnen der Generation Z wird der Frau immer klarer: Vielleicht wäre es besser, wenn sie nie wieder zu ihm zurückkehren würde.

Die „blauen Flecke“ an den Unterarmen, auf die die beiden Anhalterinnen aufmerksam werden, sind starke Zeichen. Der Versuch, ihr altes Ich, das geschlagene, geschundene und in einer toxischen Beziehung lebende Ich, symbolisch in Gestalt des überfahrenen Rehs zu begraben, schlägt fehl und damit auch ihr Versuch der Befreiung.

Die Protagonistin ist bildende Künstlerin, leidlich erfolgreich, aber ihr Ruhm ist verblasst. Ihre Obsession ist der, wie es im Text heißt, „Rahmen“. Das ist alles andere als zufällig. Vielmehr kann man diesen Rahmen als erzählerisches Symbol deuten, das den Leser, die Leserin durch den Text führt und die Darstellung strukturiert.

Die Verschiebung der Rahmenfunktion von der Kunst auf das Leben

Ein Rahmen verbindet die Geschichte mit anderen Geschichten, anderen Kontexten. In Bezug auf Schüttpelz’ Text stellt sich natürlich die Frage, wie die gewaltvollen Ereignisse in der Ehe der Protagonistin überhaupt in Form gebracht werden können. „Ich gehe davon aus“, heißt es in Erving Goffmans grundlegendem Werk Rahmen-Analyse. Ein Versuch über die Organisation von Alltagserfahrungen, „dass wir gemäß gewissen Organisationsprinzipien für Ereignisse – zumindest für soziale – und für unsere persönliche Anteilnahme an ihnen Definitionen einer Situation aufstellen: Diese Elemente, soweit mir ihre Herausarbeitung gelingt, nenne ich ‚Rahmen‘“.

Obwohl die Protagonistin als avantgardistische Künstlerin mit dem Rahmen spielt, gelingt es ihr im Leben nicht, dem gewaltvollen Erleben in ihrer Ehe eine Form zu geben. Darum geht es in diesem Buch. Die Verschiebung der Rahmenfunktion von der Kunst auf das Leben der Protagonistin, die Schüttpelz vornimmt, zeigt, dass die Kommunikation von Gewalterfahrung einen Rahmen braucht, von dem man nicht weiß, wie er aussehen könnte.

Schüttpelz schafft es souverän, den von ihr erzählten Stoff in eine Form zu bringen, die dem, was sie erzählt, entspricht. Das ist in der Gegenwartsliteratur selten.

Grüne Welle Esther Schüttpelz Diogenes 2026, 208 S., 25 €