Tourismus hinauf dem Wasser: TUI will mit Kreuzfahrten die deutschen Flüsse erobern

Das „versteckte Deutschland“ wolle sie Urlaubern zeigen, sagt Katy Berzins. Nicht Elbphilharmonie, Brandenburger Tor und Schloss Neuschwanstein, sondern Loreleyfelsen, Cochemer Reichsburg, Dom von Speyer. Dort schippern die Flusskreuzfahrtschiffe vorbei, die Berzins für den Reisekonzern TUI auf deutsche Flüsse schickt. Und das werden mehr. Gerade ließ Berzins mit der „TUI Aria“ am Mainufer vor der Frankfurter Hochhauskulisse Schiff Nummer sechs taufen, 2028 will sie schon das zehnte Schiff losschicken.
Zur Taufe sprach Berzins von einem erreichten „Meilenstein“. TUI will nicht mehr nur vorhandene Schiffe übernehmen und modernisieren, sondern auch zwei neue bauen lassen. Das Flussprojekt des Konzerns schippert aus seiner Startphase heraus, es schwimmt sich quasi frei. Das gelingt TUI allerdings erst im zweiten Anlauf. 2011 ging es schon einmal um Flüsse, 2015 war aber bereits wieder Schluss, mangels wirtschaftlicher Perspektiven. Darüber wird zur diesjährigen Taufe wenig geredet. Lieber spricht Berzins über „fünf Jahre voller Innovationen, voller Durchhaltevermögen und Ambitionen“. Das zweite Flussprojekt war 2021 mitten in der Corona-Pandemie aufgelegt worden.
Damit die neuen Törns nicht abermals jäh enden, wird einiges anders gemacht. Für die Fahrt durch das „versteckte Deutschland“ lässt man deutsche Kunden an Land. Bei TUI River Cruise fahren hauptsächlich Briten mit. Ihr Anteil liegt über 80 Prozent. Eine wachsende Zahl an Südeuropäern und Amerikanern soll ebenso an Bord sein. Diese Gäste zahlen allesamt mehr als der Durchschnittsdeutsche. Als TUI 2011 unter dem Namen „Flussgenuss“ losfuhr, waren vornehmlich deutsche Gäste an Bord. Die Zahl der Buchungen soll zufriedenstellend gewesen sein, die wirtschaftliche Bilanz war es wohl eher nicht. Hochwasser und Streiks in der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung kamen noch belastend dazu.
TUI voll im Trend
Mit dem Fokus auf Gäste aus dem Ausland fährt TUI keineswegs einen Sonderkurs, sondern schwimmt im Trend mit. Nach Daten der europäischen Organisation IG River Cruise stammen branchenweit nur 18 Prozent der Gäste auf europäischen Flussschiffen aus dem deutschsprachigen Raum. Jeder zehnte Gast reist aus den USA oder aus Kanada an, um an der Festung Ehrenbreitstein in Koblenz oder an der Rüdesheimer Drosselgasse vorbeizuschippern. Und von Buchungen deutschsprachiger Kunden war etwa die Hälfte in die Preissegmente Budget oder Standard einzusortieren. In der Nachfrage aus Großbritannien erreichen die Segmente Premium, Luxus und Ultra-Luxus zusammen einen Anteil von mehr als 80 Prozent. Unter Amerikanern ist der Luxusanteil noch höher. „Das Volumen stammt aus Europa, die Wertschöpfung aus entfernten Märkten“, hieß es in einer Präsentation der IG River Cruise zur diesjährigen Reisemesse ITB.
Mircea Tudose, TUI-Verantwortlicher für Expansionsfelder, nennt die Flussschiffe einen „aufstrebenden Stern“ im Reisegeschäft. Es wäre kein Problem, statt bald zehn Schiffen eines Tages 50 zu füllen. Laut IG River Cruise waren zum Jahreswechsel 386 Urlauberschiffe mit 58.200 Betten unterwegs – die meisten auf Rhein, Main und Donau. Kleinere Flotten gibt es auf dem Duoro in Portugal sowie auf Seine und Rhone in Frankreich.
Bis 2031 werden 58 weitere Schiffe erwartet, die ältere ersetzen oder Flotten vergrößern. Es könnten noch mehr werden. Das Expansionstempo müsse nicht derart lange im Voraus bestimmt werden wie bei Hochseeschiffen, sagt Tudose. Da es für diese wenige spezialisierte Werften gibt, werden aktuelle Bestellungen 2032 oder später ausgeliefert. Die eigenen bis 2028 erwarteten Neubauten habe TUI erst vor wenigen Monaten geordert.
TUI-Schiffe nur für Erwachsene
Ein Stück weit erledigt hat sich im zweiten Anlauf für die TUI-Flussschiffe die Idee, deutlich jüngere Passagiere oder gar Familien mit Kindern an Bord zu holen. Daran arbeitet seit Langem der deutsche Wettbewerber Arosa. Auf den TUI-Schiffen gilt: nur für Erwachsene. Mit einem Durchschnittsalter von 50 Jahren auf Wintertouren und 60 Jahren im Sommer blieb TUI aber schon deutlich unter dem Branchenschnitt, der eher im Rentenalter liegt. Feste Tischzeiten hat man abgeschafft. „Wir wollten alles flexibler haben“, sagt Berzins. Abends spielt kein Alleinunterhalter auf, stattdessen gibt es Silent-Disco-Veranstaltungen, bei denen Urlauber mit aufgesetzten Kopfhörern tanzen. „Nach Reisen auf anderen Schiffen sagen die Urlauber, dass das Essen und die Betten gut gewesen seien, bei uns sagen sie, dass sie Spaß hatten“, sagt Tudose.
Der Erwachsenenfokus hat technische und wirtschaftliche Gründe: Für Kinderspielbereiche wäre der Platz an Bord knapp. Schon für die zweite Bar auf der „TUI Aria“ war Improvisationstalent nötig. Wo tagsüber ein Schwimmbecken ist, kann abends der Poolboden hochgefahren werden, sodass er das Wasser verdeckt und Platz für Tische schafft. Während Ozeankreuzer immer größer geraten, begrenzen bei Flussschiffen Brücken die mögliche Höhe, Fahrrinnen die Breite, natürliche Flusskurven die Länge. Jeder zusätzliche Vergnügungsraum nähme Platz für Kabinen weg; weniger Kabinen bedeuteten weniger zahlende Gäste. Ohnehin sind alle TUI-Flussschiffe für weniger als 200 Passagiere ausgelegt, auf Hochseeschiffen sind mehr als 2000 Standard.
Die Konzentration auf britische Gäste wird nicht bleiben. „Je mehr Schiffe wir haben, desto stärker müssen wir auch neue Quellmärkte erschließen“, sagt Tudose. TUI hat zunächst den internationalen Kurs eingeschlagen, ein speziell auf den deutschen Markt zugeschnittenes Angebot will der Reisemanager aber nicht ausschließen. Passend zu einer TUI-Hotelmarke sei durchaus denkbar, dass der Konzern eine Art des „Robinson Clubs“ auf den Fluss schicke.