Tod von „El Mencho“: „Der Angriff ist ohne den Druck welcher USA nicht zu exemplifizieren“

Gestrichene Flüge, brennende Busse, Plünderungen, Angst und Schrecken in der Bevölkerung und bei Touristen: Verschiedene Regionen Mexikos befinden sich seit Sonntag in Alarmbereitschaft. Die Gewaltausbrüche nach dem Tod von Nemesio „El Mencho“ Oseguera Cervantes während einer Militäroperation am Sonntag zeigen, wie mächtig der bisherige Anführer des Cártel de Jalisco Nueva Generación (CJNG) war – und wie gefährlich und schlagkräftig das Kartell weiterhin ist.

Das CJNG, das im großen Stil Rauschgift in die Vereinigten Staaten schmuggelt und deswegen von Washington als Terrororganisation eingestuft wird, ist laut der Einschätzung der US-Drogenbehörde DEA die „mächtigste und rücksichtsloseste kriminelle Organisation“ in Mexiko. Nun hat es einen schweren Schlag erlitten.

Die von verschiedenen Einheiten der mexikanischen Armee durchgeführte Operation fand laut Angaben der mexikanischen Behörden in der Stadt Tapalpa statt, rund 80 Kilometer südlich von Guadalajara, der Hauptstadt des Bundesstaates Jalisco. „El Mencho“ sei beim Einsatz verletzt worden und auf dem Flug nach Mexiko-Stadt gestorben, teilte die Armee mit. Bei der Festnahme und anschließenden Kämpfen zwischen Sicherheitskräften und Verdächtigen sind laut dem Sicherheitsminister mindestens 74 Menschen ums Leben gekommen. Darunter seien auch 25 Beamte der Nationalgarde, sagte Omar García Harfuch.

Die Operation gilt als schwerster Schlag gegen die mexikanischen Drogenkartelle seit der Festnahme der Bosse Joaquín „El Chapo“ Guzmán und Ismael Zambada García, die in die Vereinigten Staaten ausgeliefert wurden. Seither galt „El Mencho“ als der meistgesuchte Verbrecher Mexikos. Für Hinweise, die zu seiner Ergreifung führen, war eine Belohnung von 15 Millionen Dollar ausgesetzt.

Trump setzt Sheinbaum seit seinem Amtsantritt unter Druck

Dennoch kam der Schlag überraschend. In gerade einmal vier Monaten beginnt die Fußballweltmeisterschaft, die neben den USA und Kanada auch in Mexiko ausgetragen wird, unter anderem auch mit vier Spielen in Guadalajara.

Innenpolitisch ergebe die Operation in der gegenwärtigen Situation wenig Sinn, sagt der Sicherheitsexperte Falko Ernst, der sich seit Langem intensiv mit dem organisierten Verbrechen in Mexiko auseinandersetzt und über ein weites Kontaktnetz verfügt. Ernst verweist auf die Situation im Bundesstaat Sinaloa, wo die mexikanischen Sicherheitskräfte seit Monaten im Kampf mit anderen Kartellen stehen. „Der Angriff auf ‚El Mencho‘ und das CJNG ist ohne den Druck der USA nicht zu erklären.“

US-Präsident Donald Trump setzt seine mexikanische Amtskollegin Claudia Sheinbaum seit seinem Amtsbeginn unter Druck, ihre Offensive gegen die mexikanischen Kartelle zu intensivieren, die für die Herstellung und den Schmuggel von Rauschgift, insbesondere das synthetische Opioid Fentanyl, verantwortlich gemacht werden.

Unter der Androhung von Strafzöllen hat Sheinbaum bisher sehr große Kooperationsbereitschaft gezeigt, zahlreiche Kartellmitglieder an die Vereinigten Staaten ausgeliefert und verschiedene Militäroperationen autorisiert. Einen Einsatz von US-Sicherheitskräften auf mexikanischem Territorium, wie Trump wiederholt vorgeschlagen hat, lehnt Sheinbaum jedoch vehement ab.

Die USA sollen Informationen für die Operation geliefert haben

Dennoch arbeiten die beiden Länder eng zusammen. So soll eine im Januar von den US-Behörden ins Leben gerufene Arbeitsgruppe eine wesentliche Rolle bei der Militäroperation gegen „El Mencho“ gespielt haben, wie das Weiße Haus bestätigte.

Die sogenannte „Joint Interagency Task Force-Counter Cartel“, an der mehrere US-Regierungsbehörden beteiligt sind, hat den Auftrag, Netzwerke von Kartellmitgliedern auf beiden Seiten der Grenze aufzudecken und die mexikanischen Behörden mit den entsprechenden Informationen zu versorgen. Wie ein ehemaliger US-Beamter der Agentur Reuters sagte, wurde der mexikanischen Regierung ein detailliertes Dossier über „El Mencho“ zur Verfügung gestellt.

Oseguera, dessen Alias „El Mencho“ eine Ableitung des Vornamens Nemesio ist, war den US-Behörden kein Fremder. 1966 im Bundesstaat Michoacán geboren, zog er als junger Mann in die Vereinigten Staaten, wo er 1994 in Kalifornien wegen Verschwörung zum Rauschgifthandel verurteilt wurde und drei Jahre im Gefängnis saß.

Nach seiner Rückkehr nach Mexiko arbeitete er als Polizist im Bundesstaat Jalisco, wo er jedoch bald seine kriminellen Aktivitäten wieder aufnahm und seine Dienste anderen Kartellen zur Verfügung stellte, unter anderem als Sicherheitschef des Sinaloa-Kartells. Das CJNG entstand im Laufe des letzten Jahrzehnts aus den Überresten des Milenio-Kartells, dessen Anführer 2009 festgenommen worden war.

Die Tötung von „El Mencho“ ist jedoch nicht gleichbedeutend mit der Zerschlagung des CJNG. Das Kartell sei sehr dezentralisiert, da es sich um eine Art Franchisemodell mit einer Vielzahl von relativ autonomen Fraktionen handle, erklärt Ernst. Das mache es sehr widerstandsfähig. Auch die Nachfolgefrage sei deswegen sehr komplex. „Innerhalb des Kartells gibt es viele Anwärter und ein großes gegenseitiges Misstrauen.“ Schon vor Osegueras Tod wurde wegen dessen Gesundheitszustand über mögliche Nachfolger spekuliert.

Nach Einschätzung von Ernst birgt jedoch genau diese Frage ein großes Eskalationspotential für die kommenden Jahre. Die Vergangenheit habe gezeigt, dass die Ausschaltung eines Anführers zu einer Fragmentierung führen könne, was in der Regel immer von einem Anstieg der Gewalt begleitet werde.

Auch an der Dynamik des Rauschgifthandels werde sich durch den Schlag wenig ändern, sagt Ernst. „,El Mencho‘ war lediglich ein einzelner Punkt in einem weiten Netz.“

Source: faz.net