Tiny House: „In attraktiver Lage sind Tiny Houses Verschwendung“
Heidelberg schafft, wovon Tiny-House-Fans träumen. Auf einem städtischen Grundstück im Stadtteil Kirchheim entsteht ein Wohnpark mit 36 Wohnmodulen. Schon im Sommer können die Bewohner einziehen. Bisher sind solche Siedlung in deutschen Großstädten rar. Tiny-House-Parks gibt es bisher eher abseits der Ballungszentren, oft als touristische Anlagen.
So sehr die Wohnform als Idee begeistert, in der Realität folgten keine massenhaften Umzüge in die Minihäuser. In Städten, wo sie eine innovative Lösung für fehlenden Wohnraum sein könnten, findet man sie höchstens als Einzelexemplare. Das größte Hemmnis für Siedlungen war bisher das Baurecht. Seit Ende Oktober das „Bau-Turbo-Gesetz“ in Kraft getreten ist, können Kommunen jedoch von bestehenden Bauplänen abweichen und Wohnprojekte schneller genehmigen. Oft mangelt es allerdings auch an geeigneten Flächen. Und dann ist da noch die Sorge, dass solche Siedlungen eine sozial schwierige Bewohnerschaft anziehen könnten. Heidelberg wagt das Experiment. Die Stadt wolle zeigen, wie ein solches Projekt gelingen kann, sagt Eckart Würzner (parteilos), der Oberbürgermeister der Stadt.
Herr Würzner, warum haben Sie sich in Heidelberg ausgerechnet für eine Tiny-House-Siedlung entschieden?
Überall gibt es einen riesigen Bedarf an bezahlbarem Wohnraum – auch bei uns. In Heidelberg sind wir deshalb als Stadt selbst zum Entwickler geworden. Gleichzeitig merken wir, es gibt Areale, die wir perspektivisch entwickeln könnten – etwa ehemalige Industrie- oder Parkplatzflächen, die wir in den nächsten Jahren aber nicht sofort in die Umsetzung bekommen, weil parallel andere große Entwicklungsgebiete Priorität haben. Und genau hier setzt die Idee an: diese Flächen interimsmäßig sinnvoll zu nutzen.
Es ist also weniger eine Alternative zu herkömmlichen Projekten, sondern eine Übergangslösung?
Genau. Unsere Tiny-House-Konzepte entstehen auf Flächen, die langfristig Potential für eine höhere Verdichtung haben, zum Beispiel im Geschosswohnungsbau. Bis dahin kann man dort aber bereits Wohnraum schaffen – relativ schnell und pragmatisch. Aber man darf das Modell auch nicht verklären. Ein Tiny House ist in einer attraktiven Lage eigentlich eine Platzverschwendung.

Wie meinen Sie das?
Wenn ich heute sofort auf einer zentralen Fläche hochverdichtet bauen könnte, etwa vier- oder fünfgeschossig, wäre das in vielen Fällen städtebaulich effizienter und würde natürlich mehr Wohnraum schaffen. Aber zehn Jahre sind zehn Jahre. Wenn eine Fläche ohnehin erst später hochverdichtet entwickelt werden kann, ist es sinnvoll, diese Zeit nicht ungenutzt verstreichen zu lassen.
Der Wohnungsmarkt wird sich dadurch nicht entspannen.
Das ist auch nicht unser Ziel. Dafür ist die Zahl der Einheiten zu gering. Aber wenn wir ergänzend Wohnraum schaffen, zählt jeder Quadratmeter. Außerdem ermöglicht das Projekt neue Wohnformen, die für viele attraktiv sind und dezentral in den Quartieren entstehen können.
Wie groß ist denn das Interesse?
Sehr groß. Wir haben dazu eine Umfrage gemacht und über 700 Registrierungen bekommen. Das können wir in der Menge gar nicht bedienen, aber es zeigt deutlich: Der Bedarf ist enorm, und viele Menschen können sich dieses Wohnmodell für eine Lebensphase gut vorstellen.

Und was sagen die Anwohner? Nachverdichtung ist ja ein durchaus heikles Thema.
Bisher ist die Rückmeldung überwiegend positiv. Wir gehen nicht in hochwertige Grünanlagen, sondern vor allem auf Brachflächen wie ehemalige Werksparkplätze oder Industrieflächen.
Wer zieht dort nun ein?
Wir haben einen Querschnitt von jung bis alt und aus unterschiedlichen Lebensphasen. Zum Beispiel ältere Menschen, die derzeit allein leben und sagen: Ich brauche das große Haus nicht mehr, möchte aber in ein neues soziales Umfeld ziehen, in dem Begegnung leichter entsteht. Es gibt aber auch junge Haushalte, Menschen, die nach Heidelberg ziehen und nur schwer bezahlbaren Wohnraum finden. Studierende, die schon wissen, dass sie nur für eine begrenzte Zeit in der Stadt leben werden. Und auch Auszubildende, die häufig weniger eigene Wohnangebote haben als Studierende. Auch kleine Familien können dort einziehen.
Also geht es Ihnen bewusst um Durchmischung, nicht um eine Siedlung nur für eine bestimmte Zielgruppe?
Genau. Wichtig ist, es sind nicht nur Überzeugungstäter, die ihren ökologischen Fußabdruck reduzieren wollen – auch wenn es die gibt. Wir sehen ebenso Menschen, die das Angebot aus ganz praktischen Gründen nutzen möchten. Und wir wollen das für eine große Bandbreite der Stadtgesellschaft öffnen – für Menschen aus unterschiedlichen Sozialmilieus und Lebensphasen. Also nicht nur für ein Milieu ein eigenes „Cluster“ schaffen, sondern ein Angebot, das möglichst viele erreicht und diese Milieus auch miteinander in Kontakt bringt. Denn wir erleben ja, dass sich viele immer stärker nur noch im eigenen Milieu bewegen. Diese Offenheit wieder zu stärken – also Akzeptanz für andere Lebensmodelle –, ist aus meiner Sicht wichtig.
Für viele verschiedene Menschen braucht es vermutlich auch verschiedene Häuser. Tiny heißt also nicht gleich Tiny. Wie kann man sich die verschiedenen Häuser vorstellen?
Es handelt sich zwar immer um vollständig ausgestattete Wohnungen mit Küchenzeile und Badmodul. Aber es gibt unterschiedliche Typen: Zweizimmerwohnungen für meist zwei Personen, kleinere Apartments für Singles, zwei WG-Häuser mit jeweils drei voll ausgestatteten Zimmern und Bungalows, die etwa 60 Quadratmeter groß sind und auch für kleine Familien denkbar sind. Außerdem gibt es Gemeinschaftsräume, einen gemeinsamen Garten mit Kräuterbeeten und eine Sauna.
In diesem sozialen Miteinander haben die Bewohner auch die Möglichkeit, durch Mitarbeit ihre Miete zu senken. Wie funktioniert das?
Die Idee ist: Wer helfen kann und möchte – etwa bei Aufgaben rund um Gemeinschaftsflächen, bei der Reinigung gemeinsamer Bereiche oder bei Gartenarbeit –, kann dafür eine kleine Mietreduktion bekommen. Das hat auch den Vorteil, dass Menschen, die das nicht leisten können, zum Beispiel ältere Bewohnerinnen und Bewohner, sich darum nicht kümmern müssen. Das entspricht dem Gedanken eines kleinen Dorfs. Gemeinschaft funktioniert, wenn sich Aufgaben verteilen – und wenn Mitmachen auch praktisch anerkannt wird.
Lassen Sie uns konkreter über die Miete sprechen. In einer Pressemitteilung heißt es, Sie orientieren sich an „ortsüblichen Mieten für kleine Apartments“. In Heidelberg heißt das nicht automatisch bezahlbar.
Entscheidend ist nicht nur der Quadratmeterpreis, sondern der Gesamtbetrag, den man monatlich zahlen muss, inklusive Bad und Küche. Die genauen Mietpreise werden durch die Projektentwickler noch festgelegt. Diese können für viele machbar sein. Es ist ausdrücklich kein freier Marktpreis, sondern aus unserer Sicht ein fairer, vergleichbarer Preis im Rahmen ähnlicher kleiner Wohnangebote geplant.
Blicken wir nach vorn. Was passiert in zehn Jahren mit den Häusern?
Das Modell ist so gedacht, dass es weiterwandern kann. Vereinfacht gesagt: Nach einigen Jahren können sie auf eine andere geeignete Fläche umgesetzt werden, wenn der heutige Standort für eine höher verdichtete Bebauung gebraucht wird.
Es handelt sich also um ein Zuhause mit Ablaufdatum.
Ja. Es ist bewusst kein Modell, bei dem jemand ein Häuschen in attraktiver Lage „für immer“ bekommt. Es soll für verschiedene Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen immer wieder neu möglich werden. Und es bleibt, wie gesagt, eine Ergänzung – kein Ersatz des klassischen Wohnungsangebots.
Wie geht es jetzt weiter?
Wir sind bereits dabei, weitere Standorte zu prüfen. Wir orchestrieren das als Stadt, über städtische Flächen, aber zunehmend auch gemeinsam mit privaten Eigentümern, die für eine gewisse Zeit mitgehen wollen. Darüber hinaus, unabhängig von Tiny Houses, müssen wir auf Bundesebene wieder stärker über Eigentumsförderung sprechen. Wenn junge Menschen kaum noch Eigentum bilden können, verschiebt sich gesellschaftlich massiv, wer überhaupt Vermögen und Sicherheit aufbauen kann. Das ist langfristig politisch und sozial heikel.
Die Fragen stellte Mina Marschall.