„Timmy“, welcher Wolf – und welcher Kitsch welcher Großstädter
Tagelang verfolgen die Menschen das Schicksal eines Wales und eines Wolfes. Gerade städtische Milieus neigen dabei zur Romantisierung. Aber Wildnis bedeutet immer auch Grausamkeit und Brutalität.
Großstädter haben ein kurioses Verhältnis zu Tieren. Sie lassen ihre Wuschelwesen in ihren Boxspringbetten schlafen, basteln ihnen Leckerlis zum Geburtstag und ziehen sie angeleint über vielbefahrene Straßen. Sie nennen sich Tierschützer, während sie ihre „besten Freunde“ auf 60 Quadratmetern einsperren und von der Natur fernhalten. Für Städter ist dieses Verhalten nicht widersprüchlich. Sie halten die Natur für beherrschbar und für ein Ausflugsziel am Wochenende. Und so schauen die Städter gerade auf zwei wilde Tierstars, über die seit Tagen berichtet wird: Es geht um das Schicksal eines namenlosen Wolfes und um Buckelwal „Timmy“.
Der Nahe Osten brennt, Donald Trump denkt über einen Nato-Austritt nach, und ein Ex-Dschihadist wird vom Bundespräsidenten hofiert. Doch nichts produziert mehr Buzz als die Schnüffelroute des Wolfes ohne Namen in Hamburg, nichts erregt mehr Seufzer als „Timmys“ Gesundheitszustand: „Alle vier Minuten ein Atemzug“ oder „Minister schließt Euthanasie aktuell aus“, heißt es da.
Dem Wolf war von der Umweltbehörde Hamburg zunächst „ein stark ausgeprägtes Fluchtverhalten“ attestiert worden, von dem „keine unmittelbare Bedrohung für Menschen ausgehe“. Was richtig war bis zu jenem blutigen Moment, als der Wolf ohne Namen einer Hamburgerin ins Gesicht biss. Kurze Zeit später wurde er am Jungfernstieg an der Binnenalster gefangen.
Noch mehr Medienspektakel löst nur die Ostsee-Odyssee von „Timmy“ aus. Der Buckelwal strandete mehrmals auf Sandbänken vor Timmendorf, Wismar und Poel, konnte von Behörden und Wissenschaftlern immer wieder ins Wasser begleitet werden. Der Boulevard livetickert seit Tagen den „Krimi um Timmy“. Am Mittwoch trat Till Backhaus, Landwirtschaftsminister von Mecklenburg-Vorpommern, mit brüchiger Stimme vor die Presse und sagte: „Es ist ein sehr emotionaler Tag.“ Die Hilfsbemühungen würden eingestellt, der Wal brauche Ruhe. „Er muss sich selbst helfen können. Er muss es wollen.“ Der Minister äußerte „absolute Hochachtung“ vor dem Tier. Man hat selten einen Politiker aus Norddeutschland so emotional gesehen.
Die Aufregung um die beiden Tiere ist weniger eine Geschichte über die Natur, sie ist eher ein Spiegel. Die Gesellschaft erlebt die Rückkehr des Unverfügbaren und eine Wildnis mit Grausamkeit und Brutalität.
Im Fiebern um den Wal offenbart sich ein städtischer Hang zu Kitsch und Romantisierung. Das Lechzen nach einem Hollywood-Happy-End erinnert an den 90er-Jahre Film „Free Willy“, in dem sich ein Kind mit einem Orka anfreundet, ihn befreit. Am Ende des Films springt das Tier über den Jungen ins freie Gewässer, ein tierischer Moment der Auferstehung und Emanzipation.
Danach sieht es bei „Timmy“ nicht mehr aus. Die „Bild“-Zeitung bat kürzlich bei Greenpeace um fachmännische Schätzung: „Wie lange dauert Timmys Todeskampf?“. Die Antwort war wenig eindeutig und kam im Duktus echter Experten: „Es kann einige Tage, aber es kann auch noch länger dauern. Es ist ganz, ganz schwer abzuschätzen.“
Sollten Wölfe gejagt werden?
Was aber nach all den Rettungsversuchen und Wasserstandsmeldungen der Ostsee deutlich wird: Der Tod oder Todeswunsch eines Lebewesens wird kaum noch als natürlicher Bestandteil des Lebens akzeptiert.
Auch der Wolf wird romantisch verklärt und dabei geradezu verharmlost. Die Hamburger Behörde sprach mit beachtlicher Gewissheit davon, dass Wölfe den Kontakt zu Menschen und Hunden „grundsätzlich“ meiden. Wer jedoch unvermittelt auf den Wolf treffe, solle stehen bleiben, durch Klatschen auf sich aufmerksam machen und dem Tier die Möglichkeit geben, sich zurückzuziehen.
Diese Verharmlosung lässt sich auch in politischen Entscheidungen erkennen. SPD und Grüne hatten neulich in der Hamburger Bürgerschaft einen CDU-Antrag abgelehnt, den Wolf in das Hamburger Jagdrecht aufzunehmen. Bei der Abstimmung im Bundesrat, wenige Tage vor dem Vorfall in der Hansestadt, hat ausgerechnet Hamburg die Aufnahme des Wolfs in das Bundesjagdgesetz blockiert.
Während die Stadt noch klatscht, hat das Land längst gelernt. Die Rückkehr der Wildnis im Allgemeinen und des Wolfes im Speziellen hat wenig Idyllisches an sich, sondern ist eine Frage der Ordnung. Unter Jägern und Landwirten gilt es als allgemein vertretbar, den Wolf zu „bejagen“. Also auf ihn schießen zu dürfen, um Schafe und andere Weidetiere zu schützen. Dabei geht es nicht um Ausrottung, sondern um sogenanntes „Bestandsmanagement“.
Die urbane Begeisterung für Tierschutz ist oft ein ästhetisches Projekt. In Altbauwohnungen in München-Haidhausen oder Hamburg-Winterhude lassen sich leicht Petitionen des Nabu gegen die kontrollierte Wolfsjagd unterschreiben und poetisch klingende Sätze veröffentlichen, wie das der Verein „Unsere Hände für viele Pfoten“ kürzlich tat: „Der Wolf tötet, um zu leben. Der Mensch dagegen tötet häufig, obwohl er es nicht müsste.“ Doch wer einmal ein gerissenes Schaf gesehen hat, der begreift Natur nicht als Zoo oder Safaripark, sondern als Austragungsort von Grausamkeiten, an dem keine Regeln aus Anti-Aggressions-Seminaren gelten.
Über die Zukunft des Wolfes ohne Namen entscheiden nun Menschen, über „Timmys“ Schicksal wird Gott richten. Oder wie es Minister Backhaus sagte: „Ich bin evangelisch erzogen. Sie wissen, was Ostern ist. Da ist man in Gottes Hand.“ Free „Timmy“!
Source: welt.de