Theaterpremiere Berlin: Witzige Wechseljahre
Nimmt jemand Anstoß daran, wenn ein Mann aus dem Ruhrgebiet Fan von Borussia Dortmund wird? Natürlich nicht. Aber was sollen Frauen tun, die im Theater textlich und spiegelbildlich nach ihrem BVB suchen, um sich damit identifizieren, um mitfiebern und mitleiden zu können? Höchst unwahrscheinlich, dass sie bei klassischen Dramen fündig werden. Aus dem historischen Kontext heraus gelesen, ist da niemandem ein Vorwurf zu machen, Männer hatten eben lange das Kommando auf der Bühne und auch sonst.
Wenn sich das inzwischen mancherorts geändert hat, heißt das keineswegs, dass frühere Generationen Unrecht hatten oder dass ihre Werke heutigen Bedürfnissen und Erwartungen in jeder Hinsicht entsprechen müssten. Zu Themen wie Klimakrise, Identitätspolitik oder Digitalisierung konnte Johann Wolfgang von Goethe beim bestem Willen nichts sagen. Deshalb durchkämmen Regisseurinnen und Regisseure unserer Tage oft andere künstlerische Areale nach Stoffen, die dem näher sind, was sie ausdrücken wollen – und dramatisieren Romane oder Filme. Die Botschaft ist ihnen wichtiger als die Form.
Nicht harmoniesüchtig
Friedrich Schiller und Henrik Ibsen können die Regieführenden trotzdem schätzen, doch praktisch auseinandersetzen wollen sie sich lieber mit „Die Welt im Rücken“, „Die Jahre“ oder „Dogville“ – oder mit der 1974 geborenen US-amerikanischen Autorin, Performancekünstlerin und Filmemacherin Miranda July. In ihren beiden Romanen spricht sie explizit aus einer weiblichen Perspektive und von einer feministischen Position aus. Sie tut dies nicht wütend und nicht harmoniesüchtig, sondern mit einer verblüffenden Selbstverständlichkeit. Dadurch wird ihre Literatur weder besser noch schlechter als die von Männern, aber für die Leserinnen interessant, weil sie bei aller Differenz durchaus Gemeinsamkeiten in der Lebenspraxis entdecken können – so skurril Julys Bücher auch sein mögen.
Zwei Produktionen in Berlin zeigen dies nun kunstvoll. In den sophiensaelen, einer freien Spielstätte, haben die Regisseurinnen Sabine Auf der Heyde und Holle Münster den Roman „Auf allen Vieren“ (2024) dramatisiert. Dem Buch wurde despektierlich das Etikett „Wechseljahreroman“ aufgeklebt, worum es sich tatsächlich dreht, zumal um die Perimenopause. In erster Linie erzählt July allerdings von Frauen mittleren Alters: Davon, wie sie sich wahrnehmen und wie dies andere tun. In der Literatur ist diese Personengruppe kaum vertreten und bildet eine narrative Leerstelle, und die wollte das rein weibliche Produktionsteam besetzen.
Er will keinen Sex mit ihr
Die Hauptfigur, eine Künstlerin von 45 Jahren mit Ehemann und nonbinärem Kind, gönnt sich eine dreiwöchige Auszeit von ihrem Alltag und quartiert sich allein in einem Motel ein. Dort lässt sie ihr Zimmer aufwendig umdekorieren, verliebt sich in einen über zehn Jahre jüngeren Mann, der keinen Sex mit ihr will, welchen sie später mit einer älteren Frau genießen wird. Jetzt mal ehrlich: Welches Stück hätte das leisten können? Und so kam‘s in Sachen Empowerment von Frauen zu „Auf allen Vieren“.

Für diese Romanadaption stehen in den sophiensaelen lose ein paar Betten und Wandelemente herum. Es dominieren die Farben Gelb und Flieder, die dem offenen Bühnenbild von Hanna Roxane Scherwinski eine mädchenhafte Atmosphäre verleihen. Das Buch wurde radikal von 416 auf 32 Seiten gekürzt, aber die Fassung macht den Selbstfindungsprozess der Protagonistin mit charmanter Lakonie nachvollziehbar.
Die Schauspielerinnen Fritzi Haberlandt und Meike Droste teilen sich den Text auf, wechseln fließend Rollen und Szenen. Mit Grazie und Chuzpe wird mehr gesprochen als gespielt. Obwohl ein Hauch von Barbie in der Luft liegt, werden die Probleme der Frau in den mittleren Jahren, die nun – mit schönen Grüßen an Virginia Woolf – einen Raum für sich allein hat, nicht weggelächelt. Die hinreißenden Darstellerinnen tragen helle Hotpants, Jacketts und kniehohe Stiefel, kichern, singen, tanzen, haben permanent gute Laune. Und dann berichten sie von der Großmutter und von der Tante, die mit Mitte Fünfzig aus dem Fenster gesprungen sind, weil sie als zu alt galten. Plötzlich wird der Erzählerin klar, „dass ich die Nächste in dieser matriarchalen Linie war“. Das ist die Spannweite dieses „Wechseljahreromans“: Freiheit und Repression, Leben und Tod. All dies bringt die schwungvoll-komödiantische Inszenierung frech und vergnügt und mit strahlender Empathie auf die Bühne.
Wohl und Wehe der Frauen
Um problematische Beziehungen im Spannungsfeld von Realität und Fantasie geht es auch in Miranda Julys Debütroman „Der erste fiese Typ“ (2015): Die Mittvierzigerin Cheryl tagträumt sich durch die Welt, ohne glücklich zu werden. Als die viel jüngere Clee bei ihr einzieht, verliert Cheryl die Kontrolle – und ist begeistert. Am Schluss überlässt ihr Clee ihr Baby (Vater unbekannt) und verschwindet. Über dieses inhaltliche Wimmelbild wird offenherzig, sinnenfreudig und amüsant fabuliert, dabei immer mit dem Akzent auf dem Wohl und Wehe der Frauen, die freilich keinem konventionellen Muster entsprechen.

In den Kammerspielen des Deutschen Theaters führt Maren Eggert das über 300 Seiten starke Buch nun in knapp zwei Stunden als verdichteten Monolog auf. Unter der Regie von Sarah Kurze richtet sie sich juvenil aufgekratzt an das Publikum, versorgt es mit Details und Intimitäten über Cheryl. Das Bühnenbild von Diana Berndt zeigt einen eisernen Vorhang mit Türen, Fenstern und Schubladen, aus denen Eggert die Requisiten holt. Die Inszenierung hat ein vital beschwingtes Tempo und eine latent herzige Atmosphäre. Sie verniedlicht jedoch nicht, wie Frauen um ihre Sichtbarkeit und Geltung jenseits traditioneller Zuschreibungen kämpfen. Hier sind sie unverheiratet, putzen und kochen ungern, haben deftige sexuelle Visionen und prügeln einander in erotisch grundierten Rollenspielen, damit sie sich von ihren Schutzpanzern befreien.
Für die fabelhafte Maren Eggert sind dies grandiose Herausforderungen, um ihr Können facettenreich zu entfalten. So liefert sie auch einen überzeugenden Beweis, warum Miranda Julys Romane häufig ins Theater kommen: Sie sind systemkritisch, anarchisch, entspannt feministisch, haben etwas zu sagen – und machen Spaß.
Source: faz.net