Theater | Neu im Rampenlicht: Sonja Anders und ihre Vision pro dasjenige Thalia Theater

Im Hamburger Thalia Theater hat man es gerne muckelig. In seinem Wohnzimmer erwartet das hanseatische Bürgertum gehobene, gut gemachte Unterhaltung, die gerne auch mal kritisch sein darf – aber bitte nicht zu doll! Intendant Joachim Lux ist mit diesem Rezept 16 Jahre gut gefahren.

Nach einer schnodderig-frechen Benjamin-von-Stuckrad-Barre-Bearbeitung kam dann halt was künstlerisch Ambitioniertes von Kirill Serebrennikov. Mit Sonja Anders übernimmt nun zum ersten Mal eine Frau die Leitung des renommierten Hauses. Dass sie es kann, hat Anders zuletzt als Intendantin des Schauspiels Hannover gezeigt, neu am Thalia ist sie auch nicht – von 2000 bis 2009 war sie am Alstertor als Dramaturgin beschäftigt.

In den vergangenen Wochen ersetzten bunte Plakate mit einem neuen Logo, das aussieht wie ein dezent variiertes Gender-Sternchen, die alte, etwas fad gewordene Corporate Identity, mit der betont unorthodoxen Wörtertrennung. Man wolle mehr Farbe und Diversität ins Haus bringen, heißt es. Und mehr Feminismus! Mit der Regisseurin Anne Lenk und der Chefdramaturgin Nora Khuon bildet Sonja Anders die erste weibliche Thalia-Spitze seit Gründung des Hauses 1843.

Das ist toll – aber musste man die Spielzeit 2025/26 ausgerechnet mit einer Shakespeare-Komödie eröffnen? Der Titel Was ihr wollt hat ja sogar etwas augenzwinkernd Programmatisches. In einer Zeit, in der Krieg und Völkermord die Schlagzeilen bestimmen und die USA zunehmend in Richtung evangelikale Autokratie abdriften, verteilt das Thalia Kuscheldecken in Gestalt eines neu interpretierten Klassikers.

Eine Woche vor Beginn der neuen Spielzeit lief man sich schon mal warm und baute auf dem angrenzenden Gerhard-Hauptmann-Platz eine Art improvisierte Arena auf, bespielt mit Chören, Diskussionen, Puppentheater und dem Münchner Rapper Fatoni. Nach einer Antrittsrede der neuen Intendantin folgte am Freitag das gutwillige, zu einer Polonaise aufgereihte Publikum einem Trommler ins Innere des Theaters. So ähnlich hatte man sich als Kind den Rattenfänger von Hameln vorgestellt.

Sexueller Schabernack

Als sich im bis unters Dach ausverkauften Saal der Vorhang hebt, sieht man zunächst sieben Musiker des Hannoveraner Treppenhausorchesters, eingepasst in eine mehrere Etagen hohe Holzkonstruktion (Bühne: Judith Oswald). Im Vordergrund eine gigantische Plüsch-Pflaume und ein ebenso großer, ebenfalls weich und einladend aussehender Pfirsich – bereit für späteren, sexuell konnotierten Schabernack. Und schon taucht die reizende Viola auf, Königskind und Opfer eines Schiffsbruchs, der sie an die Küste Illyriens gespült hat, einnehmend gespielt von Gloria Odosi, eine der vielen neuen Schauspieler:innen, die heute die Bühne bevölkern.

Bald schon verliebt sich Viola in den Herzog Orsino (Jannik Hinsch), der wiederum ein Auge auf die selbstbewusste Gräfin Olivia (Franziska Machens) geworfen hat, welche sich allerdings deutlich mehr für die inzwischen als Mann verkleidete Viola interessiert. Eine Komödie der Irrungen und Wirrungen, bekanntermaßen, die die Regisseurin Anne Lenk in deutlich queerere Gefilde lenkt, als im 16. Jahrhundert vom Dichter intendiert. Gut so – aber muss die Neuinterpretation wirklich so platt und derbe ausfallen?

Aus der Nebenrolle Malvolio, Haushofmeister der Gräfin Olivia, macht Regisseurin Anne Lenk eine an Friedrich Merz angelehnte Witzfigur, die „Rambo Zambo“ brüllt und das Internet ausschalten will, als ihr die Party zu laut wird. Eine Steilvorlage für Jeremy Mockridge, der die Rolle mit großem Körpereinsatz ausfüllt, dabei aber gefährlich nahe bei Louis de Funes aufschlägt.

Wer ein umgestülptes Fass über dem Kopf trägt und dabei ruft, „Ich kann nichts sehen, ich kann nichts sehen“, hat in Hamburg die Lacher dennoch auf seiner Seite. Die Stimmung im Publikum ist aufgekratzt und begeistert. Ein Lacher geht immer noch, etwa wenn das Bäumchen-wechsel-dich-Spiel mit einem alten NDW-Hit von Trio kommentiert wird: Da da da, ich lieb dich nicht, du liebst mich nicht.

Am Ende haben sich alle lieb

Das vorab als Bereicherung angepriesene Treppenhausorchester entpuppt sich als enervierende Dauerbeschallung. Irgendetwas streicht, klimpert oder klopft immer, bevorzugt rhythmisch akzentuiert – egal ob gerade gesprochen wird oder nicht. Auch die Schauspieler, die in barock ausladenden, herbstlaubbunten Kostümen stecken, finden oft nicht wirklich zueinander. Oda Thormeyer als Maria und ihre Tochter Rosa Thormeyer als Olivias Nichte ragen mit klar akzentuiertem Spiel heraus. Und am Ende haben sich alle lieb, egal ob gay oder hetero.

Auch die zweite Inszenierung des Eröffnungswochenendes lässt einen etwas ratlos zurück. Marschlande, nach einem Roman der Autorin Jarka Kubsova, in einer Dramatisierung von Hannah Zufall, beschäftigt sich mit der Bäuerin Abelke Bleken, die 1583 in Hamburg als Hexe verbrannt wurde. Ein interessantes Thema: Tausende von Frauen wurden drei Jahrhunderte lang zur Personifizierung der „Feindin im Inneren“ und des absoluten Bösen gemacht.

Das galt insbesondere für ältere Frauen, die das Gros der Beschuldigten ausmachten. „Frauen wurden der Hexerei bezichtigt, weil die Umstrukturierung des ländlichen Europas zum Beginn des Kapitalismus ihre Lebensgrundlage und die Basis ihrer sozialen Macht zerstörte“, schreibt Silvia Federici, emeritierte Professorin für politische Philosophie in Analyse & Kritik. Jarka Kubsova verbindet dieses dunkle Kapitel mit der Geschichte der promovierten Geografin Britta Stoever (Cathérine Seifert), die mit Mann Philipp (Torben Kessler) und Tochter Mascha (Edda Maack) in die Marschlande zieht – „nur eine halbe Stunde von der Innenstadt entfernt“.

Doch das erhoffte Glück am Elbstrand lässt auf sich warten, die ehemalige Mitarbeiterin eines Instituts für Geografie wird von ihrem Ehemann zunehmend in eine Hausfrauen-Ecke gedrängt. Schnell vermischen sich die beiden Handlungsstränge und die Neu-Marschländerin beginnt leidenschaftlich die Lebensgeschichte der vermeintlichen Hexe zu recherchieren.

Hexenjagd und Haushalt

Das alles spielt sich ab, vor, in und neben einem grell ausgeleuchteten Neubau mit bodentiefen Fenstern, der – weil die Drehbühne kaputt ist – gelegentlich von den Schauspielern gedreht und geschoben wird. Im Verlauf des Abends erscheint immer wieder eine in viel Glitzer gekleidete Schwarze Frau (Florence Adjidome), die Tierstimmen imitiert und in blumigen Worten behauptet, sie sei das Wasser, die Bäume und das Land. Für die Familie Stoever ist dieser Geist unsichtbar, als Zuschauer fragt man sich, ob die Entscheidung, ausgerechnet eine schwarze Schauspielerin als Mutter Natur zu besetzen, nicht vielleicht doch ein Geschmäckle hat.

Aber da betreten auch schon Abelke Bleken (Nellie Fischer-Benson) und ihre Freundin Aneke Wenten (Maike Knirsch) in Bäuerinnentracht die Bühne. Ein enorm lebendiges, vergnügtes Gespann – nicht zuletzt durch die großartige Präsenz von Knirsch. Doch schon bald nimmt die Tragödie ihren Lauf. Die Allerheiligenflut von 1570 setzt den Deich der Marschlande so lange unter Wasser, bis er bricht. Eine Reparatur, wie vom Vogt Derek Kleater (Bernd Grawert) verlangt, kann sich die alleinlebende Bäuerin nicht leisten. Das Dorf-Establishment rät Abelke Bleken ihren Hof zu verkaufen, als sie sich weigert, klagt man sie als Hexe an.

Diese grausam wahre Geschichte inszeniert Jorinde Dröse betont didaktisch. Sogar ein fiktives „Archiv der unerhörten Frauen“ wird aufgemacht, mit allerlei konkreten Namen im Schnelldurchlauf. Die Stadtflucht der Hamburger Familie wirkt dagegen eher banal. Wenn Britta Stoevers Tochter Mascha in der Schule gemobbt wird, ist das sicher schlimm – aber noch lange keine Hexenjagd. Und dass die Männer im Stück durchweg böswillige Pappkameraden sind, egal ob sie Hexen foltern oder einfach nicht genug im Haushalt helfen, wirkt auch etwas unterkomplex.

Es ist erfreulich, dass im Thalia jetzt Theater aus feministischer Perspektive gemacht wird und es stehen noch eine ganze Reihe spannender Premieren an. Beim Eröffnungs-Wochenende blieben Sonja Anders und ihr Team allerdings noch unter ihren Möglichkeiten.