„The Studio“: Und dann fällt dieser Regisseur in sich zusammen
Vor bald 20 Jahren haben Seth Rogen und Evan Goldberg die epochale Trashkomödie Superbad geschrieben, das Citizen Kane aller Leute, die noch immer auf Penis-, Sauf- und Einscheißwitze stehen. Beide haben danach Karriere gemacht als Autoren, Produzenten und Regisseure, Rogen außerdem als Schauspieler, Marihuana-Verkäufer und Fabrikant von Töpferwaren. Beide scheinen außerdem keinen einzigen Tag gealtert zu sein. The Studio heißt ihre neue gemeinsame Serie, die nun auf Apple TV+ zu sehen ist. Die Show über den Chef einer Filmproduktionsfirma aus Hollywood ist genauso albern wie Superbad, genauso haarsträubend und gemein zu ihren Figuren: Vorschulhumor von Männern um die 40. Sie ist aber auch genauso gut.
Der Producer Matt Remick (Rogen) wird darin zum Präsidenten des Unternehmens Continental Studios und tritt seinen Job mit der selten blöden Vorstellung an, Scorsese-Filme drehen und gleichzeitig Marvel-Umsätze eintüten zu können. Fast noch bescheuerter: Remick möchte gemocht werden von den Schauspielern, Autorinnen und Regisseuren, den Kreativen also, die er eigentlich auf Studiolinie bringen müsste. Er sei doch nicht etwa einer dieser komischen Vögel, die Kino für Kunst hielten, sagt sein letzter Vorgesetzter Griffin Mill (Bryan Cranston aus Breaking Bad) in der ersten Folge der Serie zu Remick. Der versucht sich rauszureden und verschüttet vor lauter Gewiesel fast seinen grünen Smoothie.
The Studio besteht aus acht Folgen, die für Remick jeweils den peinlichsten und schmerzhaftesten aller möglichen Ausgänge nehmen. Darin ähnelt die Serie Humorvorbildern wie The Office oder Curb Your Enthusiasm. Die Wege in den Abgrund sind jedoch so originell und liebevoll ausgestaltet, dass man The Studio niemals als Rip-off versteht. Gleich in der ersten Folge, beim Versuch, einen Blockbuster über den Softdrink Kool-Aid zu produzieren, verscherzt es sich Remick auf undenkbar absurde Weise mit seinem Vorbild Martin Scorsese, der sich in The Studio selbst spielt. Das letzte Herzensprojekt des Starregisseurs zerplatzt, Scorsese beginnt zu weinen und fällt regelrecht in sich zusammen. Später versaut Remick durch seinen Besuch am Filmset einer Continental-Produktion auch noch eine komplizierte Szene, die als One-Shot gedreht werden sollte – in einer Episode von The Studio, die selbst als komplizierte One-Shot-Szene angelegt ist.
Die Kamera von Adam Newport-Berra demonstriert tatsächlich Kunstwillen: In der beschriebenen One-Shot-Folge von The Studio gleitet sie virtuos und bei bestem Licht durch einen Midcentury-Bungalow in den Hollywood Hills. Im Continental-Büro fängt sie hingegen die ständige Überforderung von Remick und seinen Kolleginnen ein, ist verwackelt bis an den Rand des Erträglichen und fuchtelt den Figuren immerzu im Gesicht herum. Zusammen mit den wahnsinnig schnellen Dialogen und dem perkussiven Soundtrack von Antonio Sánchez entsteht eine hektische Arbeitsatmosphäre, die sich auch auf das Streamingpublikum überträgt. The Studio ist die erste Serie seit The Bear, die einen beim Zugucken ins Schwitzen bringt.
Nur knapp schrammt die Inszenierung von Rogen und Goldberg am Angeberischen vorbei. Für eine Serie, in der sich fast alle Figuren fast ausschließlich dämlich verhalten, dient sie aber doch einem überraschend ehrenwerten Zweck. The Studio ist als Hommage an ein bedrohtes, vielleicht sogar schon vergangenes Hollywood gedacht, an Filme, die noch für große Leinwände gedreht wurden, von Leuten, die sich mit ihren Studiobossen zerstritten wegen Lichteffekten, Kameraeinstellungen oder Actionszenen. Durch die Schönheit ihrer Bilder heben die Regisseure diese Botschaft auch auf eine ästhetische Ebene.
Dort ist sie besser aufgehoben als in den Gesprächen zwischen Remick und jenen vermeintlichen Kulturbanausen, die seinen Alltag pflastern. Allzu gratismutig wirken die wiederholten Verteidigungen der Kunstform Film durch den Studioboss, gerade weil die – von Apple produzierte – Show weder subversiv noch selbstironisch mit ihrer Heimat bei einem jener Techkonzerne umgeht, die das Filmgeschäft gerade auseinandernehmen. Sarkastisch blickt The Studio vor allem auf Branchenklischees, die genauso alt sind wie das Hollywood, dem die Serie hinterhertrauert. Regisseure sind Sensibelchen und Autorinnen Kontrollfreaks, Schauspieler nehmen sich zu ernst und Produzentinnen zu viele Drogen.
Rütteln will The Studio an diesen Klischees nicht: Als Satire ohne Veränderungsdrang bleibt die Serie ein harmloses Projekt, MeToo-Themen etwa streift sie nur auf unverbindliche Weise. Lustig ist sie trotzdem, vor allem wegen der zahlreichen Gaststars, die entweder sich selbst oder Parodien vermeintlich typischer Hollywoodfiguren spielen. Bryan Cranston wird als Continental-CEO zum jähzornigen Esoteriker mit Perlenkettchen aus dem letzten Indien-Retreat. Kathryn Hahn spielt die Marketingexpertin Maya so übergeschnappt, als wäre sie von drei Social-Media-Algorithmen gleichzeitig ausgekotzt worden. Zoë Kravitz tritt als furchterregend nette Version von Zoë Kravitz auf, und Adam Scott holt alles nach, was in der zweiten Staffel seiner Serie Severance an Comedy gefehlt hat.
Am Ende von The Studio treffen viele der fiktiven und fiktionalisierten Figuren noch einmal aufeinander, erst bei der Verleihung der Golden Globes, dann auf einer Kinomesse in Las Vegas. Ein „old school Hollywood buffet“ (alles außer Nadeln) steht den Angestellten und Schauspielern von Continental dort zur Verfügung, die Serie verabschiedet sich mit dessen Verköstigung endgültig auf die letztmögliche Eskalationsstufe. Als hoffnungslos zugedröhnte Varianten ihrer selbst werden die Gaststars aus The Studio wieder zu Kleinkindern. Oder, wie Seth Rogen und Evan Goldberg vielleicht sagen würden: zu Leuten, mit denen man arbeiten kann.
Die zehn Folgen von „The Studio“ erscheinen bei Apple TV+. Neue Episoden sind jeweils mittwochs verfügbar.