„THAT Dress 2.0“ – Sydney Sweeney trägt dies Kleid des Jahres
Rund um Halloween beherrscht Heidi Klum oft die Bilder im Netz. Gegen Sydney Sweeney, in vielem die Frau des Jahres, war sie diesmal chancenlos. Deren halbtransparentes Kleid erinnert in der Wirkung an ein berühmtes Kleid von Liz Hurley.
Laut einer Marktanalyse werden im Jahr etwas mehr als 50.000 Haute-Couture-Kleider entworfen. Es sind nicht wenige dabei, die fantastisch geschnitten sind, und einige, die zudem innovativ sind. An kaum eins kann man sich eine Saison später erinnern, an die meisten nicht einmal am nächsten Tag. Nur ganz wenige – höchstens – schaffen es ins Langzeitgedächtnis der Fashionistas, ganz zu schweigen von denen, die es ins Gedächtnis aller schaffen. Dazu müssen Kleid, Trägerin und Zeitgeist das perfekte „Match“ ergeben.
Bestes Beispiel für so ein „perfect match“ war etwa das schwarze Kleid aus Lycrastoff, im Dekolleté tief ausgeschnitten und an den Seiten nur von überdimensionalen goldenen Sicherheitsnadeln zusammengehalten, welches sich 1994 das relativ unbekannte Model Liz Hurley bei Versace auslieh, um ihren damaligen Freund Hugh Grant zur Premiere von dessen Film „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“ zu begleiten.
Am nächsten Tag war Hurley weltberühmt, bildete zusammen mit Grant das heißeste Promipärchen überhaupt und wird bis heute als die Frau bezeichnet, die „THAT Dress“ trug. Nebenbei bescherte sie dem Haus Versace völlig ungeplant einen der größten PR-Erfolge seiner Geschichte.
Das Kleid des bis vergangenen Mittwoch nur sehr an Mode interessierten Menschen bekannten britischen Designers Christian Cowan, 29, welches die Schauspielerin Sydney Sweeney in Beverly Hills bei der „Power of Women“-Gala des Magazins „Variety“ trug, hat ebenfalls gute Chancen, es in diese Kategorie zu schaffen. Es ist hochgeschlossen und bodenlang, aus einem weich fallenden silberfarbenen Stoff, welches gezielt alle Blicke auf die halbtransparente Brustpartie der Trägerin lenkt. Die perfekt in Form gebrachten Kurven der Schauspielerin verdankt es einem Korsett, das der darin meisterhafte Nachwuchsdesigner Elias Matso, 23, zu dieser Kollaboration beisteuerte. Es ist – Stand jetzt – das Kleid des Jahres 2025 – zumindest, was die weltweite Aufmerksamkeit und Wirkung betrifft.
Keine bis über den Kopf vermummte Kim Kardashian, kein Supermodel bei den vielen Designerpremieren der großen Modehäuser in diesem Herbst, nicht einmal Bella Hadid als finaler Engel bei der Victoria’s Secret-Unterwäscheschau oder nun Heidi Klum, die sich viele Stunden in ein echsenartiges Wesen (angeblich eine Medusa) für ihre berühmte High-End-Halloweenparty verwandeln ließ, konnten annähernde Reaktionen in den sozialen Medien erreichen.
Dass Männern der Look gefiel, kann man augenfällig nennen und manchmal fielen die Kommentare auch arg schlicht aus (oft in Zusammenhang mit dem Wort „Melonen“), aber auch viele Frauen schrieben, dass sie genau so ein Kleid einmal besitzen wollten. Lediglich der Anlass selbst – Sweeney hielt bei der „Power of Women“-Gala eine Rede über weibliche Selbstbestimmung, sorgte für Verwunderung. Die Anwesenden mussten sich bei der Rede ungefähr so gefühlt haben wie sonst nur Fußballer der Serie A, die bei Interviews mit tief dekolletierten „Field Reporterinnen“ des italienischen Fernsehens sehr konzentriert darauf sind, den Journalistinnen in die Augen zu schauen.
Sharon Stone, die nicht erst seit „Basic Instinct“ weiß, wie man eigene Reize inszeniert, sprang ihrer Kollegin bei und sagte: „Es ist schwer, heiß auszusehen, das wissen wir alle. Es ist wirklich in Ordnung, jedes bisschen Attraktivität, das man hat, zu nutzen – genau hier, genau jetzt.“ Und niemand schafft das aktuell besser als Sydney Sweeney. Was auch damit zu tun hat, dass die Schauspielerin in vielem ein Gegenbild zum vorherrschende Schönheitsbild inklusive Fitness- und Ernährungswahn besonders in den USA verkörpert.
Sweeney ist weder superdünn, noch super durchtrainiert, noch offensichtlich von perfekter Ernährung gezeichnet. Sie ist nicht im Gesicht operiert – und selbst den „Boob job“, der bei Schauspielkolleginnen zum Karrierestart in Hollywood dazu gehört, hat sie – wie das Kleid offenbart – ausgelassen.
Der Star aus der Serie „Euphoria“, tatsächlich eine verdammt gute Schauspielerin, hat auch kein Problem, sich von einer nicht so hübschen Seite zu zeigen – demnächst etwa ist sie als schwitzende Hauptdarstellerin im Biopic über die Boxerin Christy Martin zu sehen. Sweeney weiß sich „trotzdem“ sehr gut und dabei doch einigermaßen authentisch zu inszenieren. Ob nun als All American Girl in weiten Dad-Jeans und Feinripp-Unterhemden mit „guten Genen“ für die Jeans-Marke American Eagle. Oder eben nun mit Marilyn Monroe-Gedächtnis-Bob in einem Kleid und Gesamtlook, mit dem sie, die ihre Haare zuvor immer mindestens schulterlang trug, ganz offensichtlich den Bogen zur Frau mit dem meisten Sex-Appeal in Hollywood der späten 1950er Jahre schlagen wollte. Etwas, das bisher kaum jemand thematisierte.
Sie tat es mit einem Kleid, für das man eben gewisse Kurven braucht – wie die völlig unbeachtete Premiere des Kleides bei der New York Fashion Week vor fünf Wochen an einem „normalen“, also sehr schlanken Modell zeigte.
Ohne Sweeney und ihren Mut, sich so zu zeigen, wie sie ist und ihre Weiblichkeit voll auszuspielen (mögen manche das auch etwas vulgär finden), wäre „THAT Dress 2.0“ eben auch nicht mehr als „ein Kleid“.
Source: welt.de