Telemann in Magdeburg: Lobt Gott und geht ins Freudenhaus!
Auch wenn sich von Johann Sebastian Bach irgendwann noch ein weiterer Kantatenjahrgang fände, wie es einer der Glücksträume der Musikologenwelt ist: An seinen Kollegen Georg Philipp Telemann käme der Thomaskantor nicht heran. Dessen geistliche Kantaten laufen im Werkverzeichnis bis zur Nummer 1755 durch – allein die Verlesung der Titel würde auch bei einem Schnellsprecher weit über eine Stunde dauern. Wie enorm vielgestaltig und ideenreich sich der Komponist dabei schon in seinen Eisenacher Dienstjahren – sie gehen parallel mit denen Bachs in Weimar und Händels Italien-Aufenthalt – den Möglichkeiten der Gattung näherte, war bei den 27. Magdeburger Telemann-Tagen (insgesamt 21 Veranstaltungen bis zum kommenden Wochenende) in einem Konzert des ebenso fein abgestimmten wie anrührenden Vokalensembles „Vox Luminis“ mit dem Freiburger Barockorchester zu erleben. Da werden über Erdmann Neumeisters Texte zum „Geistlichen Singen und Spielen“ alle formalen Möglichkeiten – einleitende Orchestersinfonien, Rezitative und Arien, Bibelsprüche und Choralsätze in solistischer wie chorischer, polyphon gestaffelter oder liedhaft schlichter Darbietung – in immer neuen instrumentalen Einbettungen und Klangarchitekturen so kombiniert, dass auch bei sechs aufeinanderfolgenden Stücken kein Ermüdungseffekt eintritt.

Entgegen kam dieser eindringlichen Darbietung in der neugotischen Pauluskirche abseits der Innenstadt, dass sich hier zum schlank-natürlichen Agieren der Ensembles mit fließenden Wechseln vom Gruppen- zum Sologesang – auch der Dirigent Lionel Meunier agierte aus dem Chor heraus – noch eine glücklich füllige, aber nicht überhallige Akustik gesellte. Dass auch solch ein Nebenfaktor nicht banal ist, hatte tags zuvor das Eröffnungskonzert des Il Gardellino Orchestra unter dem eher klangverwaltenden als -gestaltenden Peter Van Heyghen gezeigt. Telemanns Orchesterwerke, in verschiedener Weise dem diesjährigen Leitmotto „Musik – Macht – Telemann“ verpflichtet, bedurften in der klar-hellhörigen und vergleichsweise trockenen Akustik des Magdeburger Opernhauses einer längeren Einschwingzeit, um zu ausgewogenen Klangstaffelungen zu finden. Eine Entdeckung wurden dann vor allem zwei Ouvertüren, die der Künstler noch 1766, als über 85-Jähriger, an den Landgrafen von Hessen-Darmstadt schickte und deren geistvoll subversiver Humor den durchwachsenen Abend amüsant aufwertete: Eine stellt drei damaligen Modekrankheiten entsprechende „Heilmittel“ entgegen, unter anderem die Empfehlung eines Bordellbesuches („Petite-maison“) mit dem sarkastisch kommentierenden Vortrags-Zusatz „Furies“.
Mit schöner Selbstverständlichkeit brachte Michael Alexander Willens in der Johanniskirche seine Kölner Akademie zum Klingen und Swingen. Auch da ging wieder, wie im „Vox Luminis“-Auftritt, ein Teil der Solisten aus dem mit acht Stimmen sparsam besetzten und dennoch zu jubelnder Klangpracht fähigen Chor hervor, wobei diesmal neben dem Gotteslob auch ein weltlicher Anlass zu feiern war – die Geburt des habsburgischen Prinzen Leopold im Frühjahr 1716. Telemann, beamtet in der Kaiserkrönungs-Stadt Frankfurt, schuf dafür eine Doppelkomposition: zum Morgen eine ausgedehnte Kirchenkantate, für den Abend eine Freiluft-Serenata auf dem Römerberg. Willens, frisch ausgezeichneter Telemann-Preisträger, präsentierte die teils christlich, teils antik-allegorisch hintersetzten Dank- und Jubelgesänge für den designierten Thronfolger (der dann freilich schon wenige Monate später verstarb und damit seiner Schwester Maria Theresia Platz machte) in einer glücklichen Mischung von verhaltenem Pathos, dramatischer Aktion und zugeneigter Empfindsamkeit.

Womit schon Musiktheatralisches und damit jener Bereich gestreift wurde, der am ersten Magdeburger Telemann-Wochenende die größte Aufmerksamkeit auf sich zog und überdies noch auf eine weitere Qualität des Leitkomponisten verwies. War dieser doch nicht nur in allen damals gängigen Gattungen bis ins hohe Alter hinein fabelhaft produktiv, sondern überdies, und das ebenfalls durch alle Jahre und Stationen seiner Biographie, ein hervorragender Netzwerker mit besten Beziehungen in die internationale Politik-, Musikverleger- und Kollegenszene. Das ermöglichte ihm beispielsweise als Chef der Hamburger Oper am Gänsemarkt, den Hansestädtern neben eigenen Kompositionen auch immer wieder internationales Material aufzufahren.
So im Jahre 1726 einen „Otto, König in Teutschland“, hinter dem sich im Kern zwar Händels drei Jahre älterer Londoner „Ottone“ verbarg, aber angereichert um deutsche Rezitative sowie mit transponierten Stimmlagen unter anderem für den Titelhelden und nicht weniger als zwölf neuen Vokalnummern, für die sich Telemann unter anderen bei seinen Kollegen Lotti, Fux und Vinci bediente und gelegentlich, obwohl hier eher als General-Manager und -Arrangeur tätig, vielleicht selbst kompositorisch nachhalf.

So entstand ein multipersonal verfertigtes Bühnenspektakel, das in Magdeburg halbszenisch realisiert wurde und in dem eine barocküblich abstruse Handlung zauberisch verwandelt wird, indem zwar der Zusammenhang der Situationen erratisch bleibt, die Gefühle in jeder einzelnen aber tief und kontrastreich ausgelotet werden. Da bekommen etwa alle drei prägenden Frauenfiguren große Lamenti, in denen sich die Charaktere im jeweiligen Leid sowohl einander annähern als auch in dessen verschiedenen Ausdrucksformen differenzieren. Roberta Mamelis Theophane stand in diesen Rollenbildern mit vibratointensiv hochgespannter, aristokratisch verpanzerter Kühle gegen die kreatürlichere und distanzloser artikulierte Leidenschaft von Mathilde Ortscheidts Matilda; besonderen Eindruck aber hinterließ Simona Šaturovás Gismonda mit ihrem gedeckten, gleichsam umflorten Timbre – gleich gut passend zur sorgenden Mütterlichkeit wie zu den kriminellen Energien ihrer Gestalt. Eher abziehbildhaft die Männer, wobei der vielfach angefochtene Titelheld Otto vor lauter Tugendhaftigkeit nahezu uninteressant wird, aber durch Matthias Winckhler immerhin stimmliche Kernigkeit und manchmal sogar einiges Feuer verliehen bekam.
Mit Thron, Krone und kleinem Waffenarsenal als Accessoires, sparsam-charaktervollen Scherenschnitt-Prospekten und Kostümen in Schwarz und Metallic schuf das Inszenierungsteam mit Claudia Isabel Martin, Kristina Schmidt und Veronika Kaleja einen freizügig bespielbaren Rahmen für die Akteure, die sich auf einem Steg auch mitten durch die Musiker der Berliner Akademie für Alte Musik bewegen konnten. Zwischen denen waren sie gut aufgehoben: unspektakulär, aber über fast vier Stunden nie an Intensität nachlassend, vital, ohne dampfend aufzudrehen – das Ensemble zeigte unter Alessio Cortis konzentriert-inspirierender Leitung, wie auch der eher nüchterne Opernhaus-Saal durchaus „barockfähig“ werden konnte.
Source: faz.net