Teilzeitarbeit: Faule Argumente

Sind wir einfach zu faul geworden? Seit Monaten predigt Friedrich Merz, wir müssten mehr arbeiten. Mit Work-Life-Balance und Viertagewoche könnten wir unseren Wohlstand nicht halten. Es werde auch zu viel krankgefeiert, schimpft der Bundeskanzler. Und jetzt sorgt ein Vorschlag des Wirtschaftsflügels der Union für Aufregung. Die Mittelstandsunion will den Rechtsanspruch auf Teilzeit einschränken. Künftig solle er nur noch denen zustehen, die Kinder betreuen, Angehörige pflegen oder andere „gute“ Gründe dafür haben, in Teilzeit zu gehen. Wer dagegen bloß seine Work-Life-Balance optimieren wolle, bliebe außen vor. Bitte keine „Lifestyle-Teilzeit“!

Aber ist das wirklich Deutschlands Problem: zu viel Lifestyle, zu wenig Fleiß? Harte Daten belegen das nicht. Ja, die Teilzeitquote ist so hoch wie nie, sie kletterte Ende 2025 auf 40 Prozent. Aber die Menschen arbeiteten derselben Erhebung zufolge insgesamt ähnlich viel wie im Jahr zuvor. Die neuen Teilzeitjobs glichen aus, was an Vollzeitstellen wegfiel. Und schaut man auf die letzten zehn Jahre, wurde mal mehr, mal weniger gearbeitet als heute. Ein klarer Trend ist nicht erkennbar, eine sich breitmachende Bequemlichkeit sieht man da jedenfalls nicht.

Für viele Menschen rentiert es sich nicht, sich mehr anzustrengen

Oft heißt es auch, die Deutschen würden weniger arbeiten als die Menschen in anderen Ländern. Eine Statistik der Industrieländerorganisation OECD scheint das zu belegen. Danach rangiert Deutschland mit 1.335 Arbeitsstunden pro Kopf im Jahr neben den skandinavischen Ländern am unteren Ende, während Kolumbien und Mexiko mit über 2.200 Stunden an der Spitze liegen. Doch die OECD warnt, die Daten seien wegen verschiedener Erhebungsmethoden nicht vergleichbar. Und neu ist der Befund ohnehin nicht. Die Deutschen, darf man vermuten, konnten es sich wegen ihrer guten Bildung und hohen Produktivität lange leisten, weniger zu arbeiten.

Daran ist auch nichts Verwerfliches. Deshalb wirkt der Teilzeit-Vorschlag so schräg. Ihm zufolge soll ja unterschieden werden, ob jemand gute oder schlechte Gründe für seinen Wunsch nach Stundenreduzierung hat. Aber was gilt zum Beispiel, wenn jemand älter ist oder in einem besonders stark belastenden Beruf wie der Pflege arbeitet – ist es dann unanständig, auf die Work-Life-Balance zu achten? Ist das überhaupt falsch, wenn Menschen abwägen, wie wichtig ihnen Geld oder Zeit sind? Der Sinn allen Wirtschaftens besteht ja nicht darin, ein von der Regierung oder sonst jemandem vorgegebenes Bruttoinlandsprodukt zu erarbeiten. Der Sinn des Lebens schon gar nicht.

Insofern geht der Vorwurf der Faulheit in die falsche Richtung. Die gouvernantenhafte Attitüde ruft nur Widerstand hervor. Dabei gibt es durchaus Gründe, zu sagen: Wir müssen mehr arbeiten.

Zum einen brauchen wir mehr Geld für die Verteidigung. Bisher wird die Aufrüstung – oder soll man sagen: Wiederbewaffnung? – der Bundeswehr auf Pump finanziert. Das funktioniert auf Dauer nicht, irgendwann muss man die Mittel für diese Ausgaben erwirtschaften. Zum anderen sorgt die Alterung der Gesellschaft für drastisch steigende Kosten in der Rente, in der Pflege und im Gesundheitssystem. Nicht alle diese Ausgaben sind unvermeidlich, ein Teil aber schon. Außerdem könnten durch ebendiese Alterung in den nächsten 15 Jahren sieben Millionen Arbeitskräfte verschwinden.

Auf der einen Seite wird also ein größerer Teil der Wirtschaftsleistung für steigende Staatsausgaben benötigt – und vom Klimaschutz war da noch gar nicht die Rede. Auf der anderen Seite droht ein noch härterer Mangel an Fachkräften als heute.

In dieser Situation bleiben im Wesentlichen zwei Optionen: Entweder man verzichtet auf Wohlstand, streicht Sozialleistungen und andere Ausgaben zusammen. Oder die Menschen, die können, arbeiten mehr. Wahrscheinlich braucht man beides. Also große Reformen, die den Anstieg der Sozialausgaben begrenzen und die zugleich auch Arbeit wieder lohnender machen. Oft rentiert sie sich nämlich nicht. In manchen Fällen bleibt selbst von einem zusätzlichen Verdienst von 2.000 Euro so gut wie nichts übrig, weil dann plötzlich Sozialleistungen wegfallen und höhere Steuern und Abgaben zu zahlen sind. Die Anfang der Woche von einer Kommission vorgestellten Ideen für eine Sozialstaatsreform könnten ein erster Schritt sein, das zu ändern.

Wenn die Regierung will, dass die Menschen mehr arbeiten, dann muss sie diese überzeugen. So viel Fleiß muss sein.