Technische Analyse: Zeit pro Dax-Optimisten

Nach dem Familienfest Weihnachten soll es heute um die Frage gehen, ob nicht auch reine Männerrunden ihre Berechtigung haben. Es sind Runden, in denen viel gelacht wird, Situationskomik die Szene beherrscht, der eine oder andere Schluck Bier die Zungen löst und man dennoch auch mal nachdenklich wird. Meine Antwort darauf könnte nicht eindeutiger ausfallen.
Auf die Gefahr hin, mir einen Shitstorm der Sonderklasse einzufangen: Es gibt einfach Themen, bei denen manche Männer lieber unter sich sind. Und dazu können auch Gespräche über die Börse zählen. Im zurückliegenden Herbst wurde ich in einer dieser Runden gefragt, was ich denn vom Dax so halte. Daumen hoch oder runter? So wie es auch damals hier zu lesen war, hielt sich meine Zuversicht in argen Grenzen. Für Optimismus sah ich einfach keinen Anlass.
Aber das hat sich geändert. Ein besseres Aufbruchsignal, als es der Dax am zurückliegenden Montag produzierte hat, kann man nur sehr selten beobachten. An diesem 5. Januar 2026 überwand er mit 24.771 Punkten den oberen Rand der Seitwärtsbewegung, die ihn acht Monate begleitet hatte.
Eine Regel aus guten Lehrbüchern
Es ist grundsätzlich ein für lange Zeit wegweisendes Signal, wenn ein Markt nach einer Ewigkeiten anmutenden Unentschlossenheit wieder richtig Fahrt aufnimmt. Wenn er dabei – wie geschehen – auch noch historische Bestmarken erreicht, darf man sich als Optimist die Hände reiben: Die Wahrscheinlichkeit, dass nun der Aufwärtsschwung noch zunimmt, ist in diesen Momenten maximal. Das steht nicht nur in den guten Lehrbüchern zur technischen Analyse, das wird auch von meiner Erfahrung in den vergangenen Jahrzehnten hinreichend untermauert.
Deshalb möchte ich heute gar nicht so sehr auf die aktuelle Technik eingehen. Der Hinweis auf das neue „Steigt“-Signal des unter dem Chart abgebildeten, mittelfristig orientierten MACD-Indikators soll genügen. Deutlich interessanter scheinen mir Überlegungen zu den fundamentalen Hintergründen, zu dem also, was die meisten Marktteilnehmer in solchen Situationen bewegt.
Sie haben sich daran gewöhnt, dass früher oder später nicht gar so viel passiert. Im Großen und Ganzen war seit dem April vergangenen Jahres unten bei rund 23.000 Punkten Schluss und oben bei 24.500 Punkten. Unzählige Male übernahm an diesen Grenzwerten die jeweilige Gegenpartei das Kommando. Unten ging den Bären die Puste aus und oben den Bullen. Viele Investoren werden sich an genau dieses Verhaltensmuster gewöhnt haben und sind überrascht, dass es damit vorbei ist. Manch einer wird unterinvestiert sein und auch deshalb erheblichen Nachholbedarf haben.
Der Dax zeigt strukturelle Robustheit
Ein zweiter, zentraler Punkt kommt hinzu: Wer in das vergangene Jahr zurückblendet, der kann nur staunen, was der Dax zu schlucken bereit war. Keine Zölle, kein Krieg, kein Reformstau hierzulande, nicht die drohende Radikalisierung Europas noch die Herren Donald Trump, Wladimir Putin und Xi Jinping konnten ihm wirklich Entscheidendes anhaben.
Worin die Gründe dafür auch immer bestanden: Dieses Marktverhalten zeugt von einer unglaublichen, strukturellen Robustheit. Wenn schlechte Nachrichten dem Markt nichts anhaben können, dann braucht es oftmals nicht einmal gute Botschaften, um ihn in Schwung zu bringen. Es genügt schon, wenn die schlechten für eine Weile ausbleiben oder schlicht weniger schlecht werden.
Etwas anschaulicher formuliert: Nehmen wir kurz an, die Mehrheit der Marktteilnehmer beurteilt die Lage Deutschlands auf einer Skala von minus zehn bis plus zehn mit dem schlechtesten Wert – was vermutlich der Wahrheit recht nahekommen dürfte. Keimt dann die Hoffnung auf, dass man die Lage in sechs bis zwölf Monaten mit minus fünf beurteilen könnte, schlägt sich das schnell in steigenden Kursen nieder. Natürlich ist dann noch längst nicht alles gut, aber eben ein wenig besser. Und das wird gefeiert. Im Laufe des neuen Jahres sollten 27.000 Punkte deshalb nicht völlig aus der Welt sein.
Weil an den Finanzmärkten dieser Welt alles wahrscheinlich und nichts gewiss ist, braucht es wie immer diesen einschränkenden Hinweis: Sollte der Dax in der näheren Zukunft wieder auf etwa 24.000 Punkte fallen, wäre das bedenklich, ein Niveau unterhalb von 23.000 Punkten wäre den Pessimisten ein Fest.
Apropos Männer: Ich freue mich, in diesen Runden willkommen zu sein. Dafür muss ich mich hierzulande zwar stets mit einem Biobike zu einem Berggasthof quälen, aber alles, was folgt, könnte kaum wärmender, unterhaltsamer, lustiger – kurz gefasst schöner – sein. Gerade, wenn die Charts mal wieder nicht das machen, was sie in meinen Augen tunlichst sollten, sind diese Stunden weitaus erhellender als stundenlanges Grübeln am PC. Das möchte ich nicht missen – selbst wenn uns hin und wieder das eine oder andere weibliche Wesen nicht widerstehen kann.
Der Autor ist Geschäftsführer der Staud Research GmbH.
Source: faz.net