„Tatort“ München: Wenn es ein Junge wird, ich werde ihn Leitmayr nennen

Das Setting der neuen Münchner Tatort-Folge Charlie
(BR-Redaktion: Cornelius Conrad) hat was. Der Krimi wurde mit Unterstützung der
US-Armee an den bayerischen Standorten in Hohenfels und Grafenwöhr gedreht, wie
eine Tafel im Abspann informiert. Der Film spielt auf einem Truppenübungsplatz,
auf dem für reale Kriegshandlungen geübt wird. Mit Komparsen, also Leuten, die
nicht dem Militär angehören, sondern im „Kriegsspiel“ Rollen gewöhnlicher Menschen übernehmen. Diese COBs („civilians on the battlefield„)
könnten für einen Film ein Meta-Spielfeld eröffnen, weil er die Komparserie
bestücken muss, um Komparserie zu spielen.

Für die Verdopplung von Inszenierung, die der Schauplatz des
Films bedingt, interessiert sich Charlie allerdings nicht (Regie und
Co-Casting: Lancelot von Naso). Die Konventionalität des Falls verhält sich, um
es mal so zu sagen, umgekehrt proportional zur Originalität des Drehorts (Drehbuch:
Dagmar Gabler).

Tot sind Fine (Katharina Ronja Brusa) und Zoran (Konstantin
Schumann), die zu Beginn beim Techtelmechtel an einem Lagerhaus gezeigt werden,
das der Folge den Namen gibt – in der Truppenübungsplatz-Lingo heißt der Ort
„Charlie“. Die Leiche von Fine ist unangenehm
ausgestellt – blutverschmiert und mit freiem Blick auf die nackte Brust.

Der große,
wenn auch nicht so bekannte Filmemacher Jan Soldat
, dem im Januar eine
Werkschau im Wiener Filmmuseum gewidmet war, hat für seinen aktuellen Footage-Film Die
schöne Tote
alle 300 Episoden der abgeschlossenen ZDF-Krimiserie Ein
Fall für zwei
(1981–2013) gesichtet, um die weiblichen Leichen aus 57
Folgen, auf die er gestoßen ist, aneinander zu montieren. Leider sind Soldats
Filme zumeist nur auf Festivals zu sehen; die sture Aneinanderreihung macht die
Absurdität der effektheischenden Drapierung von toten Frauenkörpern jedenfalls anschaulich.

Bis der Täter ermittelt ist, vergeht in Charlie viel
Zeit mit Eingewöhnung. Der Truppenübungsplatz steht unter militärischem
Kommando, das Major Jennifer Miller (Yodit Tarikwa) mit bemerkenswert
natürlicher Autorität ausübt, also ohne die im ARD-Sonntagabendkrimi beliebten
schlichten Hierarchie-Streitereien. Auch das Deutsch-Englisch von Tarikwa wirkt
plausibel, wo solche bilingualen Figuren bei anderen Einsätzen schon mal
peinlich wirkten.

Als Tribut an die Debatte, die der Tatort wegen
seiner gesellschaftspolitischen Ambitionen öfter sucht, gibt es einen kurzen
Streit zwischen Miller und dem Franz (Udo Wachtveitl) über die Ethik des
Drohnenkriegs. Auf den dann später immerhin eine Entschuldigung des Kommissars
folgt, weil das mit dem Besserwissen in dieser Hinsicht zwar sehr deutsch ist,
aber aus Perspektive deutscher Geschichte schon auch schwierig – sonst säße
Miller gar nicht in Bayern rum.

Die Eingewöhnung wird derweil an den Ivo (Miro Nemec)
outgesourct, der darf nämlich undercover als COB ermitteln – passenderweise in
der Rolle als Polizist, als Ersatz für den getöteten Zoran. Im
ARD-Sonntagabendkrimi steht diese Form pseudonymer teilnehmender Beobachtung hoch
im
Kurs
,
dabei macht sie zumeist Probleme und in der plumpen Form wie hier erst recht.