„Tatort“ aus Frankfurt: Wenn Aufklärung zur Verblendung wird

Knapp zwei Monate nach der ersten Ermittlung tritt das neue Frankfurter „Tatort“-Team schon wieder an, mit einem Fall, der als Antithese zum ersten gesehen werden kann. In „Dunkelheit“ ging es um ungelöste Fälle und die Traumata Hinterbliebener. Es ging um zwei echte, leicht verfremdet geschilderte Verbrechen, die in und um Frankfurt geschahen, und um das Massaker in Srebrenica im Juli 1995, bei dem die serbische Armee 8000 Bosniaken ermordete.

Frankfurt als Ort der Zuflucht

Kommissar Hamza Kulina (Edin Hasanović), der als Kind mit seiner Mutter aus Bosnien floh, betraf dies persönlich. Licht, so die Prämisse der Auftaktfolge, bedeutet Aufklärung und ist die Voraussetzung eines Lebens in Frieden. Der neue Fall, „Licht“, verkehrt die Annahme ins Gegenteil. Hamzas Vorgesetzte Maryam Azadi (Melika Foroutan) ermittelt weiterhin im fensterlosen Keller des Präsidiums zu „Cold Cases“. Sie hat ein Privatarchiv angelegt, brütet über bislang übersehenen Mustern und beeindruckt den Kollegen mit Hartnäckigkeit und Brillanz. Der erste Fall des Teams war stimmig erzählt und gespielt (bis auf plakative „True Crime“-Genre-Medienkritik). Die Darstellung Frankfurts als unsentimentaler Zufluchtsort funktionierte ebenfalls. Der zweite Fall verrückt die Verhältnisse und die persönliche Dynamik des Ermittlerduos, und das funktioniert noch besser.

Das Licht der Aufklärung wird nun zum billigen Betrug: Ein falscher Messias, der seine Jünger unter faschistischer Knute hält, missbraucht das Symbol der Hoffnung. Licht wird zum Zwielicht. Es erhellt, blendet, wird gleißend, verwirrt und lässt nichts mehr klar erkennen (Beleuchtung Lukas Hauf).

Anna Reiter (Maren Eggert) ist auch sechs Jahre nach dem Verschwinden ihrer Tochter Viktoria nicht davon abzubringen, dass diese lebe. Obwohl die Polizei damals das verlassene Auto des Ex-Partners Julian (Christoph Pütthoff) an der Griesheimer Staustufe fand und nach Spurenlage davon ausging, dass der schwerkranke, depressive Mann das Kind mit ins Wasser genommen hatte. Sie wurden nie gefunden.

Nun findet sich ein Hinweisgeber, und es zeigt sich, dass Maryam Azadi mit Anna Reiter in Kontakt war und vermutlich nicht nach den Dienstregeln spielt. Hamza Kulina, der sich immer noch mitten in einer internen Untersuchung befindet, ist diesmal die Besonnenheit selbst und fürchtet zu Recht um seine und Azadis berufliche Zukunft. Was die Kollegin antreibt, wird ein wenig entschleiert, aber nicht ganz. Auch bei ihr, der Frau mit iranischer Familiengeschichte, geht es um den Verlust eines Kindes.

Anna Reiter (Maren Eggert) glaubt, dass ihre verschwundene Tochter Viktoria noch lebt.
Anna Reiter (Maren Eggert) glaubt, dass ihre verschwundene Tochter Viktoria noch lebt.HR/Sommerhaus/Tatiana Vdovenko

Azadi sucht den Hinweisgeber am Treffpunkt in einem verlassenen, verwirrend verwinkelten Gebäude auf (gedreht wurde im ehemaligen Frankfurter Polizeipräsidium). Der Mann, der in einem Zelt im Innenhof inmitten von lauter Spiegeln lebt, wird wenig später tot aufgefunden. Während Azadi und Kulina auf Spuren der Sekte „Licht der Welt“ stoßen, überfällt Anna Reiter mit einer Waffe einen Kindergeburtstag. Es scheint, als habe sie der Verlust ihrer Tochter verrückt gemacht. Ihr jetziger Ehemann freilich macht Kommissarin Azadi und deren Altfälle-Obsession verantwortlich. Hoffnung kann Menschen auch zerstören, so der Vorwurf.

In einer fast vierminütigen, ungeschnitten wirkenden Szene rekonstruieren Kulina und Azadi später zwei mögliche Abläufe. Die Kamera (Philipp Sichler) folgt ihrem Blick, macht daraus zwei Handlungsvarianten und bindet diese an die Gegenwart (Regie Rick Ostermann, Szenenbild Anette Reuther, Buch Senad Halilbasic). In der ersten geht Reiters Ex-Partner mit dem betäubten Kind ins Wasser. In der zweiten hat er sein Verschwinden inszeniert. Auf dem Hof der Licht-Sekte im Taunus wird es Antworten geben. Der „Altfälle“-Problemkreis des neuen Frankfurter „Tatorts“ ist nun abgeschritten, der Rahmen der Komposition ist abgesteckt. Es lohnt sich, dabeizubleiben.

Der Tatort: Licht läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

Source: faz.net