„Tatort“ aus Dortmund: Wer bitte schön soll ernsthaft so reden wie welche Kommissare?
Rotlichtmilieu. Mehrere Tote. Erster Verdacht: Unterweltkalamitäten. Naheliegend, aber für die Öffentlich-Rechtlichen zu seicht. Also gibt es einen historischen Hintergrund, und der wird im Pressedossier als „Gewaltgeschichte der Jugoslawienkriege“ bezeichnet. Die Zeugin eines Mordes (Lorena Jurić) ist Bosnierin, arbeitet als Prostituierte und hat schlimme Dinge erlebt. Ermittlerin Ira Klasnić (Alessija Lause) nimmt sie bei sich auf und fühlt sich direkt mit der eigenen Vergangenheit konfrontiert. Dort hat auch der Galerist Lorik Duka (Kasem Hoxha) einen Platz; er ist Clan-Mitglied und regelmäßigen Zuschauern des Dortmunder „Tatorts“ schon bekannt: windige Type, allerdings eher unauffällig im Vergleich zu seiner Schwester Klea (Elda Sorra), die zwar keine Katze, aber blofeldmäßig ein Schoßhündchen krault.
Bald stellt sich heraus, dass einer der Toten ein Kriegsverbrecher war – und dass es eine weitere Ermittlung gibt. Es muss nämlich noch geklärt werden, wer den Leiter der Kriminaltechnischen Untersuchung, Sebastian Haller (Tilman Strauß), in der Episode „Abstellgleis“ vom vergangenen März tatsächlich ermordet hat. Regisseur Torsten C. Fischer führt die serielle Erzählung um die Dortmunder Kommissare konsequent fort und setzt voraus, dass wir wissen, wie Peter Faber (Jörg Hartmann) zu seiner Kollegin Rosa Herzog (Stefanie Reinsperger) steht und was von Daniel Kossik (Stefan Konarske) oder Otto Pösken (Malick Bauer) zu halten ist. Alles gar nicht so einfach: Seilschaften hier, Animositäten dort. Wer nun in der Folge „Schmerz“ unvorbereitet auf dieses Personengefüge stößt, könnte Orientierungsprobleme bekommen.
Psychisch angeknackste Figuren
Die, wie Dominik Graf das einmal nannte, „Temperamentsfarben der Schauspieler“ sind dabei zum Einheitskolorit reduziert – stahlblau. Der Film ist kalt, die Leute wirken abweisend, die Szenen steril, die Klangwelten brüsk. Jenes Gesteninferno, mit dem Götz George vor 40 Jahren zu Werke gegangen ist, sein Gestotter, sein Normalitätsbegehren, all das ist dem Dortmunder Team fremd. Man könnte den (zugegebenermaßen ungerechten) Schimanski-Vergleich ebenso beim Stuttgarter oder Berliner „Tatort“ bringen. Hier aber drängt er sich auf, denn aus der nie mechanisch anmutenden Dynamik von einst sind Figurenaufstellungen geworden.

Nun liegt in der Ruhe womöglich die Kraft des Autorenfilms vergangener Tage. Angesichts der Formelhaftigkeit, die von den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten heute mit Kunst verwechselt wird, fragt sich hingegen: Wer bitte soll denn ernsthaft so reden und agieren? Das Personal betet die Dialoge dermaßen artig herunter, dass man sich durcheinandergebrabbelte Wortfetzen und zerhackte Sequenzen wünscht – solche, die Untertitel brauchen. Ja, die psychisch angeknacksten Figuren weinen, zetern, schreien und wimmern auf hohem Niveau. Das aber verstärkt nur den Gesamteindruck einer um sich greifenden Verstocktheit.
Wie der Kaffee tropft
Und dann noch Fabers Sprüche: „Jedem Puff sein Präser“, „Beide wurden im Abstand von einer Woche ermordet, sowas verbindet“, „Man spart Geld, wenn man’s selber macht, hört man in jeder Baumarkt-Werbung“. Klar, Faber ist ein Typ, der sich so äußert, der Probleme hat, die sich auf vielerlei Art zeigen, auch beim Reden. Und dennoch – wir wollen das nur als Möglichkeit in den Raum stellen – könnten diese Sentenzen von der Resterampe des Schreibworkshops auch auf eine Schwäche des Drehbuchs (Jürgen Werner) hindeuten.
Ähnlich öde die Kamera (Andreas Köhler). Wird geschossen: Zeitlupe. Wird wieder geschossen: Zeitlupe. Wie tropft der Kaffee? In Zeitlupe. Wir sehen Herzog auf dem Bett sitzen: durch den Türrahmen. Wir sehen, wie sich Herzog Fotos anschaut: durch den Türrahmen. Wir sehen Herzog herumstehen: im Türrahmen. Wir sehen Faber herumstehen: durch den Türrahmen.
Im Uni-Aufsatz müsste es jetzt um filmische Selbstreferenzialität und Schwellensituationen gehen. In einer Besprechung tut’s zum Glück der Hinweis, dass dieses Verfahren hier überstrapaziert wird und deswegen unangenehm auffällt. Gewaltgeschichte der Jugoslawienkriege, Phrasen und langweilige Bilder? Da wünscht man sich dann doch zwanglos inszenierte Unterweltkalamitäten.
Der Tatort: Schmerz läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.
Source: faz.net