Tanzfestival in Hannover: Der schwere Weg zur Freiheit

Im dritten Jahr setzt Direktorin Melanie Zimmermann mit dem von ihr konzipierten Festival „Real Dance“ in Hannover deutliche Akzente: Hip-Hop, Vogueing, Urban Dance und ihre Durchdringung des zeitgenössischen Tanzes, ihr Vordringen in den Bühnentanz sind ihr Thema. Man tanzt für seinesgleichen, und man tanzt auf Bühnen für ein sitzendes Publikum. Workshops und die „Battles“ genannten Serien von Auftritten einander abwechselnder Tänzer, bei denen alle gegenseitig ihr Können demonstrieren und feiern, was die anderen zeigen, ergänzen die Vorstellungen.

Für den Eröffnungsabend und eine weitere Vorstellung kam der in New York lebende schwarze amerikanische Choreograph Kyle Abraham mit seiner Company A.I.M. von zehn Tänzern. „Abraham in Motion“, Abraham in Bewegung, bedeutet die Abkürzung, gesprochen tritt die Bedeutung von „aim“ hinzu: Absicht, Ziel oder Zweck. Die Company präsentierte mit dem „Mixed Bill“ überschriebenen Programm drei ältere Tänze und eine Uraufführung: „Meditation Reprise“. Alle Tänzer sind darin involviert.

Die Namen und das Alter der Ermordeten

Das Thema der Meditation ist die Erinnerung an getötete schwarze Amerikaner, die Opfer von Polizeigewalt oder von tödlichen Auseinandersetzungen auf den Straßen Amerikas wurden. Die Stimme der Dichterin Carrie Mae Weems ist zu hören, in deren Lyrik Aufzählungen von Ermordeten vorkommen, wobei neben den Namen auch das Alter und der Familienstand der Opfer genannt werden. Es sind Ausschnitte aus einer Performance und einem Video der Künstlerin aus dem Jahr 2016: „Grace Notes: Reflections for Now“. Weems schuf dabei eine „Performance-Cantata“, in der es um die Geschichte der schwarzen Bevölkerung in den Vereinigten Staaten und um rassistische Gewalt geht.

Aufgearbeitete Trauer im Tanz
Aufgearbeitete Trauer im TanzAlexander Diaz

„The man was rejected, / the woman was denied. / Time and time again. / They were always stopped, / always charged, / always convicted.“ So lauten im Stück gesprochene Worte, mit denen der Opfer gedacht wird: Der Mann zurückgewiesen, die Frau verleugnet, wieder und wieder. Immer wurden sie angehalten, angeklagt, immer verurteilt. Mit dem Wort „Reprise“ im Titel ist gesagt, dass es sich um nicht aufgearbeitete Trauer dreht, um wieder und wieder sich ereignende systemische Gewalt.

Wie Kyle Abraham die Arbeit von Weems einsetzt, zeigt schon, dass die Wiederholungen der Geschichte auf der ästhetischen Ebene durch Prozesse von Überlagerungen und Bearbeitungen abgebildet werden sollen. Die Musik von Steve Reich erklingt vom Band in einem Remix von Ken Ishii, zusätzlich neu arrangiert von der Gruppe Slowdanger.

Die Tänzer erproben ein gemeinsames Aushalten

Von dem bildenden Künstler Titus Kaphar stammt der große schwarze Aushang auf der Rückwand der Bühne, der wie mit Kreide auf Schwarz gezeichnete, einander überlagernde Gesichter schwarzer Männer zeigt. Die Company trägt schlichte Kleidung in sand- oder tonfarbenem Beige. Mit den weiten Hosen und einfachen Oberteilen erinnert das an Arbeitskleidung. Die Gesichter sind ernst und konzen­triert, die Company wirkt fast in sich gekehrt. Die Tänze erproben Gemeinschaft, ein gemeinsames Aushalten. Alle Bewegung ist langsam, meditativ, ein Schreiten, kein Springen.

Über die Dauer des Stücks verstärkt sich das Gefühl, wie wichtig dieses Gedenken ist, und dass sich die Zustände nur verbessern können, wenn sich alle dieser Trauerarbeit anschließen. Dass sich Abraham als Künstler dieser Aufgabe in seiner Arbeit unterzieht, gleichsam unterziehen muss, dass er vorbestimmt ist, sich der Definition von „Black Identity“ anzunehmen, hat auch eine schwierige Seite für ihn.

Szene aus „Meditation Reprise“: Herkunft, Hautfarbe und Geschlecht werden immer interpretiert
Szene aus „Meditation Reprise“: Herkunft, Hautfarbe und Geschlecht werden immer interpretiertKlaus Gigga

Die britische Autorin Zadie Smith hat einmal gesagt, Weiße hätten lange keine Identität gehabt, während alles in ihrem, Smiths, Leben mit ihrer schwarzen Identität verknüpft zu sein scheint. Jede Frage etwa, die ihr anlässlich des Erscheinens ihres ersten Buchs gestellt wurde, hing mit der Tatsache zusammen, dass sie nicht weiß war. Das Privileg bestand darin, keine Identität zugeschrieben zu bekommen, sagte Smith. Irgendwann habe sich das so geändert, dass ihr Mann sich bei ihr beschwerte, er sei jetzt immer der white guy, worauf sie ihm erwidert habe, „Welcome to having an identity.“ Es sei anstrengend, Tag und Nacht damit konfrontiert zu werden, und es sei ganz offensichtlich nicht der Weg in die Freiheit.

Dass Herkunft, Hautfarbe und Geschlecht interpretiert werden und mit jeder einzelnen Interpretation Erwartungen verbunden sind, damit sieht sich auch Kyle Abraham konfrontiert. Und seine Auffassung kommt der von Zadie Smith sehr nahe. In einem Interview zu seinem Stück „2 x 4“ sagte er, seine Hoffnung sei es, dass er den Menschen, die kämen, um seine Tänze anzuschauen, mit seiner Arbeit etwas geben könne. Er hofft aber auch, dass, wenn er darauf hinarbeitet, es eines Tages nicht mehr notwendig ist, in der Kunst über „Black Identity“ zu verhandeln.

Auch Musik der Komponistin Shelley Washington in Hannover

Abraham macht das jetzt schon sehr lange und ästhetisch sehr überzeugend. In diesem Jahr feiert er das zwanzigjährige Bestehen seiner 2006 in New York gegründeten Company A.I.M. Der 48 Jahre alte, in Pennsylvania geborene und aufgewachsene Künstler, dessen musische Talente früh von seinen Eltern und auf einer internationalen Schule gefördert wurden, schafft es, den Themen Black Identity und Queerness immer wieder großes künstlerisches Gewicht zu verleihen. Neben seiner eigenen Company choreographierte er wiederholt für das New York City Ballet sowie für das englische Royal Ballet. Beyoncé machte ihn zu ihrem Berater.

Neben der Uraufführung standen jetzt in Hannover drei ältere, ganz unterschiedliche Stücke auf dem Programm. In „2 x 4” spielen zwei Baritonsaxophonisten Musik der Komponistin Shelley Washington. Das Stück für vier Tänzer, die viele Duette zeigen, war eine Auftragsarbeit der Gagosian Gallery. Deren Kurator Antwaun Sargent zeigte in der Ausstellung „Social Abstraction“ Werke zeitgenössischer schwarzer Künstler und lud Abraham ein, ein Stück in diesen Räumen zu präsentieren.

In der Bühnenfassung bildet Devin B. Johnsons abstraktes, in Rostfarben gehaltenes Gemälde den Hintergrund für fröhlich auftretende Tänzer in leuchtenden Farben, die den Witz der Musik aufgreifen. Diese Choreographie ist auch technisch, barfußtanz-akademisch. Sie hat viele an Merce Cunningham erinnernde Körperskulpturen, bei denen alle sechzehn Beine und sechzehn Arme möglichst verschlungen werden. Das Duett „Dearest Home“ zeigt eine intime Paarbeziehung. Zwischen diese beiden passt kein Blatt, nicht mal Musik. Sie müssen alles unter sich und in der Stille ausmachen: Unfassbar spannend ist das.

„Show Pony“ schließlich ist ein Solo. Die Tänzerin ist golden gekleidet, nur Rhythmus, Beats feuern sie an. Sie aber bleibt cool und genießt das gleißende Licht, als wäre es die schimmernde Sonne der Zukunft.

Source: faz.net