„Tamerlano“ in Karlsruhe: Die Riesenspieße mag er sehr

Von Trapezunt nach Bursa nimmt man am besten den fliegenden Teppich. So wie die byzantinische Prinzessin Irene auf dem Weg zum Gewaltherrscher Tamerlano, der sie heiraten möchte. Wir sehen sie über Kuppeln und Minarette im Anflug auf den Palast ihres künftigen Gemahls – allerdings auf der horizontal geteilten Bühne des Karlsruher Staatstheaters gleich doppelt: unten sitzt die reale Irene vor blauer Wand und drei Kameras, oben sieht man sie in einem animierten Schwarz-Weiß-Film durch die Lüfte reisen. Mithilfe der Chroma-Key-Technik beamt Regisseur Kobie van Rensburg die Protagonisten der Opera seria „Tamerlano“ von Georg Friedrich Händel in eine virtuelle Märchenwelt. Sie knüpft in ihrer ästhetischen Geschlossenheit an das barocke Kulissentheater an: eine orientalische Architektur mit Arkaden, Terrassen, Gärten, Waffenkammer und astronomischem Studierzimmer, Sälen und intimen Gemächern, Aussichten auf Flusslandschaften und städtische Anlagen stehen für die Einheit von Ort und Zeit.

Im Einklang mit Text und Musik wird Seite für Seite dieser mittelalterlichen Geschichte zweier Kriegsherren – der Sieger Tamerlano, der Verlierer Bajazet – aufgeschlagen, ohne Ängste vor ironischer Verdoppelung. Ist in der Koloraturarie des zwischen allen Stühlen sitzenden Andronico (der aufstrebende Countertenor Alexander Chance singt ihn mit jugendlicher Emphase und lyrischer Empfindsamkeit) einmal vom „stolzen Tiger“ die Rede, so flankieren ihn zwei zähnefletschende Bestien, die sich aber, je länger die Arie dauert, von der Musik bezähmen lassen, als hätte sie der Opernheilige Orpheus persönlich bezwungen.

Mimik in Großaufnahmen

In der Abfolge erinnern die Bilder an einen Comic: Jedes einzelne ist textiert, wird zur Projektionsfläche der Übertitelung. Mit diesem nur filmisch möglichen, eng getakteten Bildwechsel löst van Rensburg auf spielerische, oft amüsante Weise die Gretchenfrage der Barockoper: Wie hältst du’s mit der Länge der Da-capo-Arien? Wobei im Falle des „Tamerlano“ die überlangen Rezitative noch dazukommen.

Das Karlsruher Opernpublikum versetzt van Rensburg ins Kino der Stummfilmzeit. In der Mimik der Gesichter in Großaufnahme konzentriert sich die innere Handlung der Protagonisten, ihre Wut und Rachsucht, ihre Liebe und Eifersucht, ihre Ehre, Demütigung und Todesbereitschaft. Dabei geraten Hören und Sehen ständig in Widerstreit, und man wünscht sich ein zweites Augenpaar, um Oben und Unten auf der Bühne gleichzeitig wahrnehmen zu können: Was man oben an den Mundbewegungen der Interpreten sieht, erschließt sich hörend erst durch den Blick nach unten. Aber gerade die Fokussierung auf die Gesichter liest sich wie ein geheimes Manifest. Sind es doch die Sänger und Sängerinnen, die eine Oper zur Oper machen. Das weiß Kobie van Rensburg, der seine Karriere als Tenor begann, ebenso gut wie der Dirigent des Abends, der Doyen der historischen Aufführungspraxis, René Jacobs, einst ein führender Altus.

Ein Schluss im düsteren e-Moll

Die sechs Solisten fühlen sich schauspielerisch bestens in ihre Rollen ein, gerade auch dort, wo sie nicht todernst zu nehmen sind. Trotz Opera seria mit letalem Ausgang ist im „Tamerlano“ eine Fallhöhe vom Tragischen ins Komödiantische eingebaut, zu allererst für die Titelrolle selbst. Dafür steht in Karlsruhe der französische Händel-Star auf der Bühne, der Counter Christophe Dumaux, dessen Koloraturvermögen ebenfalls ins Märchenhafte führt. Wenn er im dritten Akt der „undankbaren“ Asteria, Tochter seines Gefangenen Bajazet, in die er sich verguckt hat, mit „wildem Hass“ und „schrankenloser Wut“ begegnet, entblößt er sich als Gewaltmensch, buchstäblich als „Fleischfresser“, dessen Lieblingsbeschäftigung das Grillen georgischer Riesenspieße ist.

Komödiantisch ihm zur Seite Kristina Hammarström als erst verschmähte, dann doch geehelichte Irene, deren Mezzosopran allerdings etwas herb herüberkam. Das tragische Paar Bajazet und Asteria, Vater und Tochter, verkörpern Thomas Walker, dessen Tenorstimme zumindest am Premierenabend in manchen Registern belegt klang, und Mari Eriksmoen mit luxuriösem Sopran und perfekter italienischer Aussprache. Um die Ehre seiner Tochter zu retten, greift Bajazet zur Giftflasche und stirbt einen qualvollen, musikalisch und visuell beklemmenden Bühnentod. Entsprechend düster, in e-Moll, schließt der „Tamerlano“.

René Jacobs hat das Stück zusammen mit dem Freiburger Barockorchester schon konzertant aufgeführt und zeigt es in Karlsruhe in einer eigenen Fassung, die Händels komplizierten Kompositionsprozess einbezieht. So lässt er Asteria nach dem Selbstmord ihres Vaters selbst eine Abschiedsarie singen, „Padre amato“, die aus der Urfassung stammt, weil er einen dritten Akt „ohne Bajazets Unterweltarie und Asterias Wahnsinnsszene nach dem Tod ihres Vaters fast als Verbrechen empfinden würde“, wie er im Programmheft erklärt.

Deshalb bleibt auch offen, ob Asteria ihren Andronico doch noch kriegt oder ihrem Vater in den Tod folgt. Auf die dritte Märchenstufe erhebt der Dirigent Händels Orchestermusik, die er ohne Forcieren einfach geschehen lässt und dabei mit Präzision Dynamik, Artikulation, Tempo und Timbre im Blick hat. Nicht vergessen wollen wir den Bassisten Matthias Winckhler als Leone, der Irene anbetet und für ihr Verkehrsmittel das passende Reinigungsgerät parat hat, den handgeflochtenen Teppichklopfer.

Source: faz.net