Taiwan nachher dem US-Angriff uff Venezuela: Ein Krieg in den Köpfen

Gastautor Stefan Messingschlager forscht und lehrt an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg. Sein Schwerpunkt liegt auf den chinesisch-westlichen Beziehungen.

Plötzlich ist der sogenannte Enthauptungsschlag kein Planspiel mehr: In den Sicherheitskreisen Taiwans wird er seit der Entführung des venezolanischen Machthabers Nicolás Maduro als eine Möglichkeit diskutiert, die gerade Realität geworden ist. Gemeint ist ein Szenario, in dem zu Beginn einer Eskalation nicht zuerst Häfen, Flugplätze oder Radaranlagen getroffen werden, sondern die politische Führung – ein Zugriff auf Köpfe statt auf Territorium. Die Bilder aus Caracas haben dieses Gedankenexperiment schlagartig anschaulich gemacht.

Am 3. Januar ließ US-Präsident Donald Trump venezolanische Ziele angreifen, Spezialkräfte brachten Maduro und seine Frau Cilia Flores außer Landes nach New York. Trump stellte eine Übergangsführung in Aussicht und verknüpfte sie mit Ölpolitik: Ein Teil der bislang sanktionierten Exporte soll in die USA umgelenkt werden, die Erlöse will die US-Regierung verwalten. Für Taiwan ist dabei nicht die Karibik als Schauplatz entscheidend, sondern die Botschaft: Gewalt lässt sich politisch als Vollzug erzählen – als Strafverfolgung, als Ordnungseinsatz. 

Genau dieses semantische Umschalten aber ist im Konflikt um die von China bedrohte Inselrepublik Taiwan eine Waffe: Wer das Wort Krieg vermeidet, senkt für Dritte die Kosten des Wegsehens. 

Diese Logik verfolgt Chinas Führung, ihre Taiwan-Politik lebt von einer doppelten Delegitimierung: Nach außen wird die Taiwan-Frage als eine innere Angelegenheit definiert; jede Unterstützung von außen soll als unzulässige Einmischung erscheinen. Nach innen wird Taiwans Regierung als sogenanntes Separatistenregime markiert. 

Delegitimierung wird zur Vorbedingung von Gewalt

Daraus erwächst eine Grauzonenstrategie: China umkreist die Insel mit seiner Küstenwache anstatt mit der Marine, nennt Blockadeübungen Kontrollen und verzichtet allgemein auf Kriegsvokabular. Ende Dezember demonstrierte China diese Logik in großangelegten Live-Fire-Manövern (Justice Mission 2025), die Blockade- und Schlagoptionen rund um Taiwan simulierten. Wenige Tage später belegte China Taiwans Innen- und Bildungsminister samt Familien mit Einreiseverboten nach Festlandchina, Hongkong und Macau und stufte sie als „hartgesottene Sezessionisten“ ein. Militärische Kulisse und administrative Einschüchterung greifen so ineinander.

Die Ereignisse von Caracas liefern dieser Strategie Munition. Wenn die Trump-Regierung Zwang als Polizeihandlung rahmt, wird Delegitimierung zur Vorbedingung von Gewalt: Wer politisch nicht legitim ist, soll rechtlich schutzlos werden. 

Chinas Führung kann daraus eine argumentative Abkürzung ableiten: Wenn der Westen Souveränität selektiv auslegt, warum sollte sie China binden? Im Ernstfall zählt nicht nur, was juristisch wahr ist, sondern auch, was politisch verfängt. Diese normative Inkonsistenz ist ein Risikofaktor für Taiwans Abschreckung: Sie entscheidet, ob Dritte Zwangsmaßnahmen als Angriff benennen – und bereit sind, dafür Kosten zu tragen.

Darum ist der Taiwan-Konflikt nicht nur ein Krieg der Fähigkeiten, sondern ein Krieg der Legitimität. Die erste Entscheidung fällt häufig in der Beschreibung dessen, was geschieht: Seeblockade oder Kontrolle, Angriff oder Inspektion, Bestrafung von Sezession oder Überfall auf eine Demokratie. China investiert seit Jahren in diese Schwellenpolitik, weil es damit Zeit gewinnt: Je länger eine Krise als innerer Vollzug erscheint, desto schwieriger wird es für Dritte, Sanktionen zu verhängen, Luft- und Seewege zu öffnen oder militärische Hilfe politisch zu rechtfertigen.