Tagebücher | Stricher, Huren, Transvestiten: David Wojnarowicz schreibt gut die USA von einst
Die Kunsttheoretikerin Lucy Lippard vermerkte einmal, dass der Blitz die entscheidende Metapher sei, um das Gesamtwerk von David Wojnarowicz zu verstehen. Der US-amerikanische Künstler, der 1992 im Alter von 37 Jahren an den Folgen von AIDS starb, habe mit seinen Arbeiten all die düsteren Themen ausgeleuchtet, mit denen er zeit seines kurzen, intensiven Lebens befasst gewesen war.
Doch weit mehr als das Licht sei es der Blitz, der für jene schneidende Energie stehe, die sein Vorgehen begreifbar mache: Noch im Moment größter Verzweiflung wusste er dort einzuschlagen, wo es galt, eine ganz und gar nicht metaphorische Dunkelheit zu bezwingen, die sich gesellschaftlich wie politisch breitgemacht hatte. Nachfolgendes Lodern an der Stelle eines solchen Einschlags, so könnte man Lippards Bild weiterdenken, birgt bereits eine neue Hoffnung.
Das gilt nicht nur für das Gemalte, sondern auch für das Geschriebene, das Wojnarowicz hinterlassen hat, und für seine nun erstmalig auf Deutsch zu lesenden Waterfront Journals im Besonderen. Bei diesen handelt es sich um sprachlich verknappte Aufzeichnungen, die vornehmlich um Sex kreisende Episoden aus der Lebenswirklichkeit – oder besser: Lebensunwirtlichkeit – anderer Menschen festhalten. Der Künstler hatte diese in den 1970er- und 1980er-Jahren auf Inlandsreisen durch die Vereinigten Staaten und an seinem Wohnort New York City zusammengetragen.
Alles, was erzählt wird, fügt sich zum Gesamtbild
In Cafés und Absteigen, an Autobahnrändern, in Parks und an weiteren öffentlichen Plätzen notierte er kommentarlos Geschichten von jenen, die etwas hatten erleben wollen, damit oftmals gescheitert und nicht selten Opfer von Gewalt geworden waren, die sich manchmal aber auch selbst überraschen ließen oder gern an einen Augenblick zurückdachten, der sich ihnen eingebrannt hatte.
Alles, was hier individuell erzählt wird – von einer 14-jährigen Ausreißerin, von einem Nachtwächter in einem Buchladen, von einem Typen an einer Bushaltestelle oder von einem ältlichen Transvestiten auf New Yorks Second Avenue –, fügt sich zu einem Gesamtbild. Was hier sprach, war das andere Amerika, und was Wojnarowicz dokumentierte, war jener Moment, an dem sich dessen Protagonistinnen und Protagonisten besonders lebendig fühlten, ob nun in der Gefahr oder beim Sex.
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Zwei Jahrzehnte nachdem der auf Underground-Literatur spezialisierte Bremer Verlag mox & maritz 2006 Close to the Knives veröffentlicht hat – die 1991 publizierten politischen „Memoiren des Zerfalls“ des Künstlers –, liegt mit den Waterfront Journals nun wieder eine deutsche Übersetzung vor, die in der Bibliothek Suhrkamp einen überraschend schönen Platz gefunden hat.
Whitney Museum widmete David Wojnarowicz große Retrospektive
Dazwischen war international einiges passiert: 2010 war Wojnarowiczs Video-Arbeit Fire in the Belly aus einer Ausstellung in der National Portrait Gallery im Smithonian in Washington D. C. entfernt worden, nachdem es zu Protesten seitens rechter Christen und einiger Abgeordneter gekommen war, woran sich noch Dekaden nach der AIDS-Krise die Provokation der sie adressierenden Kunst bewies. Cynthia Carr, eine Weggefährtin des Künstlers, veröffentlichte 2012 eine umfängliche Biografie über ihn. 2018 zeigte das Whitney Museum die große Retrospektive History Keeps Me Awake At Night, die erstmalig das Gesamtwerk würdigte und dank der Präsentation von rund 150 Exponaten die persistente Reduktion auf den Aspekt des Aktivismus korrigierte.
Lisa Darms und David O’Neill gaben im selben Jahr mit Weight of the Earth die verschriftlichten Kassetten-Aufnahmen heraus, die Wojnarowicz in den 1980er-Jahren für sich selbst besprochen hatte, während Ethan Swan, der das Punk-Label Jabs betreibt, das Album ITSOFOMO (In the Shadow of Forward Motion) neu auflegte – die Aufnahme einer Aufführung von Wojnarowicz und dem Komponisten Ben Neill von 1989, die drei Jahre später erstmalig veröffentlicht worden war und lange vergriffen blieb. 2019 zeigte das KW Institute for Contemporary Art in Berlin in einer Ausstellung das umfängliche fotografische und filmische Werk des Künstlers.
Seine Werke haben oftmals etwas Niederschlagendes
Im Folgejahr erschien der Dokumentarfilm F**k You F*ggot F**ker von Chris McKim, der auf viel Audiomaterial von Wojnarowicz selbst basiert und zahlreiche Weggefährten, Freundinnen und Bekannte des Künstlers zu Wort kommen lässt. Wojnarowiczs Werke aus den letzten Lebensjahren haben auf den ersten Blick oftmals etwas Niederschlagendes. Doch unter ihrer deprimierenden Aura, die unmittelbar der Verhandlung der menschlichen Sterblichkeit unter den Vorzeichen der AIDS-Pandemie geschuldet ist, schlummert stets die Sehnsucht, das Verlangen, das Wissen um ein Leben, das keinen geordneten Bahnen folgt und zumindest noch die Spur einer anderen Existenz kennt. Die Waterfront Journals sind ein frühes, unmissverständliches Zeugnis dieses Interesses.
Sie heben sich wohltuend ab von der selbstverengenden Fixierung des Künstlers auf die Verhältnisse, die das baldige Massensterben mit zu verantworten hatten und deren Konfrontation seine Kunst zunehmend prägte. AIDS war eine politische Krise, keine „natürliche“ Katastrophe, und wurde genau deshalb zum Trauma. Die Verzweiflung hierüber quillt aus sehr vielen Arbeiten Wojnarowiczs, und dass er sie nicht nur festzuhalten, sondern auch in Bilder zu übersetzen vermochte, ist ihre bleibende Stärke. Das gilt vor allem für die stille, umso erschütterndere Aufnahme, die er am Totenbett seines Vertrauten, des Fotografen Peter Hujar (1934 – 1987), von diesem anfertigte – kurz bevor er dann seine eigene Diagnose erhalten sollte, die zu diesem Zeitpunkt einem Todesurteil auf Raten gleichkam.
Aus ebenjener Verzweiflung resultierende Fehlgriffe, das sollte nicht verleugnet werden, gab es allerdings auch: Da wäre beispielsweise Sub-Species Helms Senatorius, eine Fotoarbeit von 1990, die eine Spinne in grellen, Gift signalisierenden Farben zeigt, in die Wojnarowicz das lächelnde Gesicht des homosexuellenfeindlichen Scharfmacher-Senators Jesse Helms montierte und deren Hinterleib ein Hakenkreuz ziert.
Szenen aus schwulen Pornokinos
Das, was der Künstler verschriftlichte, zählt innerhalb seines Gesamtwerkes unzweifelhaft zum Herausragendsten. Die mit Szenen aus schwulen Pornokinos illustrierten, bündigen Memories That Smell Like Gasoline, 1992 veröffentlicht, gehören dazu, vor allem aber die Waterfront Journals. Tatsächlich basieren diese – was von Suhrkamp seltsamerweise nicht ausgewiesen worden ist – auf einer vorhergehenden Publikation namens Sounds in the Distance, die Wojnarowicz bereits 1982 bei einem kleinen Londoner Verlag veröffentlicht hatte.
Posthum war diese Publikation fast anderthalb Jahrzehnte später und mit einem neuen Titel sowie unter Hinzufügung weiterer Episoden von Amy Scholder herausgegeben worden, die für ihre verdienstvollen editorischen Leistungen bekannt ist. Jahrzehnte später lesen sich diese Einblicke in die Lebensunwirtlichkeit Anderer wie stroboskopische Live-Impressionen, die mal den Blick auf Skurriles, mal auf Furchteinflößendes, so aber doch stets auf sehr Lebendiges erlauben.
Herausgekommen ist eine poetische Sozialstudie des randständigen Amerikas in Prosa-Miniaturen. Stricher, Ausreißerinnen, Hobos, Verstoßene und Betrogene treten in Monologen auf, die Wojnarowicz protokolliert hatte, während er selbst sich zurückhielt. Es sind Blitze, die kurz das Vagabundenhafte der Lust erhellen und jeweils für einen kurzen Augenblick die Konturen eines anderen Lebens umreißen.
„David Wojnarowicz hat die uralte Stimme der Straße“
Am Ende des Bandes tritt Wojnarowicz dann plötzlich selbst auf: Als „Wolfskind“, dessen Finder ihm „eine feuchte Matratze in der Ecke zum Schlafen“ gegeben hätten, während er doch „nur das derbe Aroma irgendeines Kerls“ wolle, „in dessen pelzige Unterarme und Schoß ich mich kuscheln kann“. All dies hat Übersetzer Marcus Gärtner dankenswerterweise nicht dem Deutsch des 21. Jahrhunderts, sondern dem verblichenen Sound der 1970er- und 1980er-Jahre angepasst: So wird etwa ein „hübscher Bengel“ aufgerufen, während die Muir Cap, das bis heute unverzichtbare Accessoire eines jeden Ledermanns, hier noch eine „Schirmmütze“ ist. Die Waterfront Journals enden mit der Deklaration des Künstlers, seine Augen seien „schon immer Reklametafeln für einen frühen Tod gewesen“.
Tröstlicheres über und für ihn haben Schriftstellerkollegen formuliert. Bewahrheitet hat sich vor allem das Urteil von William Burroughs, das einst auf dem Backcover der Vorläuferpublikation Sounds in the Distance platziert worden war: „David Wojnarowicz hat die uralte Stimme der Straße, die Stimme des Reisenden, des Aussätzigen, des Diebes, der Hure erhascht, dieselbe Stimme, die in Villons Paris, in Petronius’ Rom zu vernehmen war. Lesen Sie sein Buch und hören Sie zu.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.
Waterfront Journals David Wojnarowicz Marcus Gärtner (Übers.), Suhrkamp 2025, 186 S., 23 €