Tagebaulöcher in NRW: Startschuss zum Besten von die Riesenwasserleitung

Der Energiekonzern RWE hat grünes Licht dafür bekommen, die Rheinwassertransportleitung zu bauen – ein umstrittenes Mammutprojekt, das einen hohen dreistelligen Millionenbetrag kosten soll. Dabei geht es um eine geplante 45 Kilometer lange Wasserleitung von der Kleinstadt Dormagen in Nordrhein-Westfalen bis zu den Braunkohle-Tagebauen Hambach und Garzweiler. Das durch die riesige Leitung gepumpte Wasser soll in Zukunft – wenn die Tagebaue stillgelegt sind – aus den hässlichen Löchern eine schmucke Seenlandschaft zaubern. Die zuständige Bezirksregierung Arnsberg hat nun den Rahmenbetriebsplan genehmigt, dem Baubeginn stehe also nichts mehr im Wege, wie die zuständige RWE-Tochtergesellschaft RWE Power am Donnerstag mitteilte.
„Der Bau der Rheinwassertransportleitung ist ein wesentlicher Schritt für die abschließende Rekultivierung des Rheinischen Reviers mit neuen Tagebauseen und attraktiven Landschaften“, sagte Lars Kulik, Vorstandsmitglied von RWE Power. Es geht dabei nicht allein um den Freizeitwert, den die neue Tagebauseenlandschaft für die Naherholung der Menschen aus dem Raum Köln-Düsseldorf in ferner Zukunft bieten soll. Hauptziel der neuen Tagebauseen ist es, stabile Grundwasserverhältnisse in der Region wiederherzustellen, die durch den Braunkohlebergbau derzeit nicht mehr existieren. Vor allem geht es um die Feuchtgebiete an den Flüssen Schwalm und Nette, die durch den bergbaubedingt abgesenkten Grundwasserspiegel auszutrocknen drohen. Anders ausgedrückt: Das ganze Projekt soll einen Beitrag zur Beseitigung sogenannter Ewigkeitslasten leisten.
Erwachsene Menschen könnten in den Rohren stehen
„Damit die Befüllung des Tagebaus Hambach von 2030 an beginnen kann, starten wir zeitnah mit den Bauarbeiten“, sagte Kulik weiter. Offizieller Baustart ist Anfang März, doch schon in den kommenden Tagen soll es „Vorbereitungsmaßnahmen“ wie Grünschnitt geben. Die geplanten Arbeiten sind umfangreich. Verlegt werden sollen insgesamt drei parallele Rohre, jedes von ihnen so dick, dass erwachsene Menschen problemlos darin stehen könnten.
Die Trasse soll zwar überwiegend unter Ackerflächen verlaufen, muss aber auch Bahnlinien, Straßen und Autobahnen sowie ein Naturschutzgebiet queren. Wo ein offener Graben nicht infrage kommt – etwa weil der Verkehr nicht ausgebremst oder sensible Lebensräume geschont werden sollen –, setzt RWE auf Press- und Vortriebsverfahren, wie man sie aus dem Tunnelbau kennt. Für Landwirte bedeuten die Bauarbeiten zeitweise Einschränkungen bei der Bewirtschaftung, für Freizeitsportler Umleitungen: Jogger müssen ihre Routen anpassen, und auch eine viel genutzte Inlineskater-Strecke gerät in den Baustellenbereich. Fertig sein soll die Leitung im Jahr 2030, dann startet die Befüllung des Tagebausees Hambach und vom Jahr 2036 an die des Tagebausees Garzweiler.
Mehr als zwei Milliarden Badewannen im Jahr
Die Dimensionen sind gewaltig: Über etwa 40 Jahre hinweg sollen nach Angaben des NRW-Umweltministeriums jährlich etwa 340 Millionen Kubikmeter Wasser aus dem Rhein in Richtung der Seen fließen. Das entspricht mehr als zwei Milliarden Badewannenfüllungen. Eine ganz große Frage, die nicht nur Bürger, sondern auch Industrie, Umweltverbände und Politiker umtreibt: Könnte der Rheinspiegel dadurch dramatisch absinken, gerade wenn der Klimawandel immer häufiger ohnehin zu Niedrigwasser führt? Und welchen Einfluss hätte das auf Ökosystem und Schifffahrt?
RWE versucht, solcherlei Bedenken zu zerstreuen. Bei hohem Wasserstand würde der Rheinpegel durch die Entnahme allenfalls um 2,4 Zentimeter sinken. Geht der Rheinstand in Richtung Niedrigwasser – etwa in Dürrezeiten –, darf RWE nach eigenen Angaben nur deutlich weniger Wasser ziehen: Bei starkem Niedrigwasser soll dann der Rheinpegel nur um zusätzliche 0,4 Zentimeter nachgeben.
Streit über Wasserentnahmegebühren
Streit gibt es auch über die Frage, ob RWE für das viele aus dem Rhein gepumpte Wasser bezahlen muss. Der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) und das nordrhein-westfälische Umweltministerium sagen Ja. Der BUND argumentiert, dass RWE sich verpflichtet habe, die Reparaturmaßnahmen am Gewässerhaushalt nach dem Ende des Braunkohletagebaus zu übernehmen. In einem Papier des Umweltministeriums heißt es, nach „jetzigem Sachstand“ gebe es für eine Wasserentnahme zur Befüllung von Tagebauseen keine Entgeltbefreiung, die tatsächlichen Gebühren würden aber erst im Jahr 2031 festgesetzt.
Bei fünf Cent je Kubikmeter Wasser könnten sich die Entnahmekosten zu rund 17 Millionen Euro im Jahr aufaddieren, 40 Jahre lang. RWE hatte in der Vergangenheit deutlich gemacht, dass das Unternehmen sich diese Gebühren gern sparen würde. Das Wasser werde ja nicht entnommen, um es zu verbrauchen, sondern lediglich aus ökologischen Gründen in die Seen überführt. Es sei nicht weg, sondern bloß woanders.
Mittlerweile äußert sich das Unternehmen nur noch vorsichtig zu diesem Thema: „Die Frage einer möglichen Gebührenpflicht für Wasser, das einer künftigen Seebefüllung dient, wird voraussichtlich im Jahr 2030 im dafür vorgesehenen behördlichen Verfahren, gemäß den gesetzlichen Regelungen zum Zeitpunkt der Wasserentnahme, erörtert und geklärt“, wiederholte ein Sprecher am Donnerstag ein früheres Statement. Man wolle „behördlichen Verfahren, die erst 2030 erörtert werden, nicht vorgreifen“ und sich „darüber hinaus auch nicht an Spekulationen beteiligen“.