Syrien | Alkohol und Unsicherheit: Syrien nachdem Assad zwischen Aufbruch und Islamisierung

Abu Ali verbrachte die ersten Tage nach dem Sturz des Präsidenten Baschar al-Assad Ende 2024 damit, seine Waren einzupacken. Aufkleber mit Symbolen des alten Regimes, Tassen mit dem Gesicht Assads, T-Shirts, auf denen sich die russische und die syrische Flagge kreuzten – all das sollte weg.

Mehr als ein Jahr später hat der verwitterte Souvenir-Shop an der Promenade der Küstenstadt Tartus zeitgemäße Produkte im Angebot. In den Regalen stehen die neue syrische Flagge mit drei Sternen, Schmuckkästchen aus Perlmutt mit eingravierten islamischen Slogans, dazu Bilder von Aufständischen, die während der 13 Jahre des Bürgerkriegs ums Leben kamen.

„Das Geschäft ist dürftig dieser Tage. Wegen des Iran-Krieges und der Folgen für den Flugverkehr kommen kaum mehr Reisende durch. Meine Umsätze hatten jedoch schon zuvor stark abgenommen“, erzählt der 48-jährige Ladenbesitzer. „Wir brauchen mehr Sicherheit, um wieder aufatmen zu können. Wir müssen wissen, ob wir wieder Alkohol ausschenken können oder nicht.“

Abu Alis frühere Kunden – russische Soldaten von den nahe gelegenen Militärbasen, US-Kriegsinfluencer und libanesische Abenteuertouristen – sind verschwunden. Verblasste kyrillische Buchstaben an der Ladenfront deuten auf eine Vergangenheit ohne Gegenwart hin.

15 Monate nach dem Ende der 50 Jahre andauernden Assad-Dynastie verhandeln die Syrer neu über Symbole und Kultur ihres Landes. Die Statuen von Hafiz al-Assad, Baschars Vater, sind verschwunden. Plakate an den Straßen blieben als gesichtslose Überreste erhalten. Das Tempo des Wandels ist rasant, die Machtübernahme durch neue, teils islamistische Autoritäten hat Syrien in einen Zustand des kulturellen Transits versetzt.

Unter Assad waren Herstellung und Verkauf von Alkohol legal

Für die Eigentümer von Weinbergen, die zu den ältesten der Welt zählen, ist der Umbruch verwirrend. Shadi Jarjour gehört das Weingut Jarjour in den Hügeln oberhalb von Tartus. Die direkte Auswirkung des Regimewechsels sei das jähe Ende steter Schikanen durch korrupte Regierungsbeamte gewesen. Das habe sich innerhalb weniger Tage ergeben. Aber deshalb wusste er noch lange nicht, was aus seinen Weinhängen werden sollte, von denen aus der Blick über sanfte Hügel gelenkt wird, die mit Olivenbäumen bepflanzt sind.

Diplomaten waren zuletzt wieder häufiger Besucher des malerischen Backsteingebäudes, in dessen Keller die Weinfässer lagern. Im Geschoss darüber finden sich Bed-and-Breakfast-Unterkünfte. Unter der säkularen Ordnung des Assad-Clans waren Herstellung und Verkauf von Alkohol legal, was für die syrische Weinkultur von Vorteil gewesen sei, erinnert sich Shadi Jarjour. „Die Konsumenten begannen, ihren Geschmack über den gewöhnlichen Rotwein hinaus zu erweitern.“

Mit seinem Weingut begann er, größere Quantitäten zu produzieren – bis zu 50.000 Flaschen pro Jahr. Nach dem Machtwechsel waren Jarjour und seine Familie besorgt, sie fragten sich, wie die neuen Regenten Syriens zu einem Weingut wie dem ihren stehen würden. Zunächst hatte die maßgebende islamistische Gruppierung Hai’at Tahrir asch-Scham (HTS) versichert, sich nicht einmischen zu wollen. Das Anwesen solle seine Türen geöffnet halten.

Trotz derartiger Versicherungen gab es aus Damaskus keine Entscheidung darüber, wie in Syrien mit Alkohol künftig umgegangen werden soll. Jarjour kann seinen Wein produzieren, aber wegen einer fehlenden klaren Gesetzgebung nicht im Land verkaufen. „Wenn sich das demnächst nicht ändert, sind die entstehenden Verluste kaum mehr zu verkraften“, befürchtet er.

Obwohl es kein formales Verbot der Einfuhr von Alkohol gibt, durchsuchen syrische Grenzbeamte regelmäßig das Gepäck von Einreisenden und schütten aus, was ihnen suspekt erscheint. In Damaskus sind Razzien in Bars und Hotels üblich. Gerechtfertigt werden sie damit, dass die Lokale keine Lizenz zum Ausschank von Alkohol hätten. Nur gibt es momentan keinen Weg, Lizenzen zu erneuern.

Nach einem lauten Aufschrei durften die meisten Bars wieder öffnen und schenkten weiter aus. Ein Besitzer erzählt, dass er sein Etablissement auf Verlangen der Behörden schließen musste. Ihm wurde gesagt, er solle in einigen Wochen bei einem Amt vorstellig werden. Dort erhielt er die Erlaubnis, wieder zu öffnen, verbunden mit dem Bescheid, man habe ihm „eine kleine Lektion“ erteilen wollen, da er während des heiligen Fastenmonats Ramadan seinen Laden nicht verriegelte. Dies regelt die neue Rechtsprechung bereits. Parallel dazu gibt es in Damaskus eine Szene mit vielen Dachterrassen-Raves und House-Partys, die augenscheinlich geduldet sind.

Jarjour will mehr ernten

Die Einwohner der kosmopolitischen Hauptstadt hielten den Atem an, als Ende 2025 Männer mit langen Bärten und Kalaschnikows auf den Straßen auftauchten. Die Besorgnis darüber wuchs, wie sehr die Islamisten den Charakter der Stadt verändern könnten, und die Hoffnung keimte: Vielleicht verändert Damaskus auch sie.

Die Syrer kosten ihre Freiheit aus, indem sie neue Theaterstücke auf die Bühne bringen oder revolutionäre Lieder spielen, die sie früher ins Gefängnis hätten bringen können. Aber sie lernen auch, mit der neuen Regierung zu interagieren, während deren Behörden lernen, was es heißt, ein ganzes Land zu regieren statt nur eine Provinz.

Einige Syrer verließen sich auf die Instinkte, die ihnen fünf Jahrzehnte des Lebens in der Autokratie vermittelt hatten, und ersetzten die Porträts von Assad durch welche von dem neuen Staatschef Ahmed al-Scharaa. Dann wurde solcherart Heldenverehrung – zumindest in so unverhohlener Form – verboten, da sie allzu sehr dem Ancien Régime glich. Darin spiegelte sich das nicht nur stille Ringen zwischen den Syrern und ihren neuen Machthabern um die Grenzen von Meinungen, der Kultur und des Konsums.

Trotz aller Unsicherheit bleibt Shadi Jarjour optimistisch. Er möchte das Weingut ausbauen, um mehr Absatz in Syrien zu haben und irgendwann wieder ins Ausland zu exportieren. Dann, so seine Zuversicht, könnte sein Wein international zu einer Marke werden, die Syrien würdig vertritt.

William Christou ist einer der Nahost-Korrespondenten des Guardian