Sudan: RSF-Miliz zieht in die Nachbarprovinz weiter
Nach den Berichten von massenhaften Gräueltaten in der sudanesischen Stadt Al-Faschir im Darfur zieht die RSF-Miliz weiter Richtung Nord-Kordofan. Die UN warnt bereits vor einem Sturm der Nachbarprovinz.
Sie kochen Tee und warten: Asged lebt zusammen mit ihrer Familie in einer kleinen Wohnung in einem ärmeren Viertel von Ägyptens Hauptstadt Kairo. Die 27-Jährige floh nach Ägypten, als der Krieg in ihrer Heimat Sudan immer schlimmer wurde.
Jetzt können sie nichts tun, als um ihre Verwandten in der Heimat zu bangen: „Wir haben zu der Familie in Al-Faschir den Kontakt komplett verloren“, erzählt sie. Ihre Mutter sei am Boden zerstört: „Ihr Herz ist gebrochen. Es ist ein schreckliches Gefühl, wenn deine Familie vermisst wird und du nichts tun kannst.“
Die Familie stammt aus Al-Faschir in der Provinz Nord-Darfur. Die Stadt wurde vor Kurzem von der sudanesischen RSF-Miliz eingenommen, Bilder von Massenhinrichtungen, willkürlichen Tötungen gingen um die Welt.
Zu sehen, welche Massaker angerichtet wurden und nicht zu wissen, ob die eigene Familie überhaupt noch lebt – für Mutter Asmaa ist es ein Alptraum. „Ich bin voller Trauer“, sagt sie. „Als ich die Bilder gesehen habe, fühlte es sich an, als würde ich sterben. Ich war zwar hier in Kairo, aber meine Seele war nicht bei mir.“
Kampf zweier Generäle
Im Sudan kämpfen seit zweieinhalb Jahren zwei Generäle mit ihren Truppen um die Macht im Land und stürzen eine ganze Region ins Chaos. Die Kämpfe finden in Wohngebieten statt, ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung. Von beiden Seiten werden Kriegsverbrechen verübt.
Besonders grausam geht die sogenannte RSF-Miliz von General Mohamed Hamdan Daglo, genannt Hemeti, vor: Zivilisten werden erschossen, Frauen vergewaltigt, auch Kinder sind unter den Opfern. Zunächst war Al-Faschir mehr als ein Jahr lang belagert, dann wütete die Miliz in der Stadt.
„Die Vereinten Nationen haben verlässliche Berichte über Massenhinrichtungen von unbewaffneten Zivilisten, zum Beispiel wenn sie versuchen zu fliehen“, sagt die für den Sudan zuständige UN-Nothilfekoordinatorin Denise Brown. Es gebe Berichte über sexuelle Gewalt und über Massenerschießungen von Patienten und Familien in dem letzten verbliebenen Krankenhaus von Al-Faschir. „Die Welt sollte hinschauen und sehr besorgt sein.“
Neues Ziel: Nord-Kordofan?
Beobachter rechnen mit Tausenden, möglicherweise Zehntausenden Toten allein in Al-Faschir. Neue Satelliten-Aufnahmen, die von der Universität Yale untersucht wurden, sollen die massenhafte Beseitigung von Leichen zeigen. „Wir müssen davon ausgehen, dass jede Zahl, die wir für übertrieben hielten, in Wirklichkeit zu niedrig geschätzt ist“, sagt Politikwissenschaftler Hamid Khalafallah von der Universität Manchester.
Mittlerweile hat die RSF zwar die Bereitschaft signalisiert, die Waffen ruhen zu lassen. Dennoch gibt es weiterhin Berichte über Beschuss aus der Luft. Zudem hat die Gegenseite, die Nationale Armee unter Führung von General Abdel-Fattah al-Burhan, die Waffenruhe nicht bestätigt. Der Krieg geht also weiter.
Nach der Einnahme von Al-Faschir zieht die RSF nun weiter in Richtung der Provinz Nord-Kordofan östlich von Darfur. Auch die UN warnt vor einem Sturm auf Nord-Kordofan. Der Sudan droht zu zerfallen.
„Das Kämpfen und das Leid wird noch zunehmen“, sagt Politikwissenschaftler Khalafallah. „Der Sudan ist jetzt faktisch geteilt, weil die Kriegsparteien unterschiedliche Regionen kontrollieren. Und die Frontlinie verschiebt sich ständig.“ Beide Seiten versuchten, mehr territoriale Kontrolle zu gewinnen.
Gold und die Interessen anderer Staaten
Der Konflikt wird durch ausländische Akteure weiter angeheizt. Beide Kriegsparteien werden von anderen Ländern mit Waffen und Geld versorgt. Die RSF erhält Unterstützung von den Vereinigten Arabischen Emiraten, die Gegenseite von Saudi-Arabien und Ägypten.
Das internationale Interesse am Sudan hat unter anderem mit den Bodenschätzen des Landes zu tun. So gibt es zahlreiche Goldminen.
Der Sudan könnte ein reiches Land sein, doch die Not der Zivilbevölkerung ist erdrückend: Durch den Krieg ist die humanitäre Lage im Sudan eskaliert, die Menschen hungern, es gibt kaum medizinische Versorgung. Rund 30 Millionen Menschen sind auf Hilfe angewiesen.
Die Vereinten Nationen sprechen von der größten humanitären Krise und der größten Flüchtlingskrise weltweit. Etwa zwölf Millionen Menschen sind auf der Flucht vor der Gewalt. Wer es nicht schafft, das Land zu verlassen, haust oft in improvisierten Flüchtlingslagern unter schwierigsten Bedingungen, immer in der Angst, dass der Krieg die Menschen auch dort erreicht.
In Ägypten droht Abschiebung
Asged, ihre Geschwister und Eltern sind in Kairo zwar in Sicherheit vor dem Krieg und müssen nicht hungern. Doch die Erlebnisse und die Sorge um die Zukunft lassen sie nicht mehr los. Viele Geflüchtete haben in Ägypten keinen gesicherten Aufenthalt, auch Asgeds Familie lebt immer in der Angst, in den Sudan abgeschoben zu werden.
„Meine Geschwister können nicht arbeiten, weil sie Angst vor Razzien haben, bei denen sie in den Sudan zurückgeschickt werden könnten“, erzählt sie. „Mein Vater sitzt nur zu Hause. Mein Neffe wurde, obwohl er den UN-Flüchtlingsstatus hat, bei einer Razzia der ägyptischen Behörden festgenommen und in den Sudan zurückgeschickt.“
Asged und ihre Familie wünschen sich nur eines: dass der Krieg und das Leiden in ihrer Heimat aufhören – und sie endlich zurück nach Hause können. Falls es ein Zuhause im Sudan überhaupt noch gibt.
Source: tagesschau.de
