Studios geschlossen: Der Spieleentwickler Ubisoft steht am Abgrund

Die wirtschaftliche Lage für Ubisoft verdüstert sich immer weiter. Nach der Ankündigung einer „erheblichen Revision“ seiner Finanzprognose für das Geschäftsjahr 2026 ist der Aktienkurs von Frankreichs größtem Spieleentwickler abgestürzt.
Am Donnerstag notierte er im frühen Handel bis zu 35 Prozent im Minus. Der Börsenwert schrumpfte binnen weniger Stunden von mehr als 900 auf nur noch etwas mehr als 600 Millionen Euro. Die Talfahrt begann nicht erst gestern: Vor fünf Jahren war das Unternehmen noch mehr als zehn Milliarden Euro wert.
Das krisengebeutelte Ubisoft hat am Mittwochabend für das laufende Geschäftsjahr einen operativen Verlust vor Zinsen und Steuern in Höhe von rund einer Milliarde Euro angekündigt – nachdem die Geschäftsführung zuvor ein nahezu ausgeglichenes Betriebsergebnis in Aussicht gestellt hatte. Mehrere Annahmen musste sie revidieren und eine Abschreibung in Höhe von 650 Millionen Euro verbuchen. Der freie Cashflow soll nunmehr minus 400 bis 500 Millionen Euro betragen.
Hintergrund ist die tiefgreifende Umstrukturierung des 1986 gegründeten Konzerns mit Sitz in Montreuil bei Paris, der populäre Videospiele wie „Far Cry“, „Anno“ und „Assassin‘s Creed“ entwickelt und vertreibt. In diesem Zuge sieht er sich zu noch größeren Einschnitten veranlasst als bislang geplant – nachdem schon mehrere Produktionen gescheitert, Entwicklungsstudios geschlossen und Stellen abgebaut worden waren. Die Zahl der Beschäftigten ist binnen fünf Jahren um mehr als 3000 auf rund 17.000 gesunken.
Einstellung von sechs Spielen
„In einem nachhaltig selektiveren Marktumfeld, wie es das vergangene Quartal gezeigt hat, und im Rahmen der Fertigstellung des neuen Geschäftsmodells der Gruppe hat Ubisoft im Dezember und Januar eine gründliche Überprüfung seiner Content-Pipeline vorgenommen“, hieß es in der am Mittwochabend veröffentlichten Pressemitteilung. Man richte deshalb das Portfolio neu aus, weise Ressourcen neu zu und habe die Roadmap für die kommenden drei Jahre grundlegend überarbeitet.
Die Folge: Die Entwicklung von sechs Spielen wird eingestellt, weil sie den „neuen, strengeren Qualitätskriterien und Prioritäten des Portfolios auf Konzernebene nicht entsprechen“. Dazu gehört die Neuauflage des Klassikers „Prince of Persia: The Sands of Time“, die in diesem Frühjahr auf den Markt kommen sollte. Es wird auch spekuliert, dass eine Neuauflage des beliebten „Assassins Creed: Black Flag“ dazu gehört.
Zudem verzögert sich die Fertigstellung von sieben weiteren Spielen. Man wolle ihnen „zusätzliche Entwicklungszeit einräumen, um die Erfüllung der verschärften Qualitätsstandards zu gewährleisten und die langfristige Wertschöpfung zu maximieren“, so Ubisoft.
Nach einer längeren Reflexion hat Ubisoft zudem weitere Details zu seinen „Kreativhäusern” angekündigt, einem neuen dezentralen Organisationsmodell für die Spieleentwicklung. Künftig soll es fünf davon geben. Sie sollen sich jeweils der Entwicklung eines anderen Genres widmen.
Alle Teams zurück ins Büro
Der Mitgründer und Geschäftsführer Yves Guillemot sprach von einer „radikalen Veränderung“. Die „Kreativhäuser“ sollen Produktion und Vertrieb zusammenfassen und so die Beziehung zu den Spielern vereinheitlichen. Sie sollen in den Worten von Guillemot über „vollständige Verantwortung und finanzielle Autonomie verfügen“.
Auch in der Arbeitsorganisation hat die Ubisoft-Geschäftsführung tiefgreifende Veränderungen angekündigt. So sollen alle Teams wieder zu einer Präsenz vor Ort an fünf Tagen in der Woche zurückkehren, ergänzt durch eine jährliche Quote an Homeoffice-Tagen. „Diese Entwicklung zielt darauf ab, die Zusammenarbeit, einschließlich eines ständigen Wissensaustauschs, und die kollektive Dynamik innerhalb der Teams zu stärken“.
Analysten beäugen Ubisoft kritisch. In der aktuellen Umfrage des Finanzdiensts Bloomberg rät nur ein knappes Viertel zum Kauf der Aktie, während eine Mehrheit von fast 60 Prozent für Halten stimmt. Die übrigen 16 Prozent raten zum Verkauf.