Studie welcher Hans-Böckler-Stiftung: Einkommen in Deutschland sind so ungleich verteilt wie noch nie
Immer mehr Menschen in Deutschland rutschen aus der unteren Mittelschicht in die Armut ab. Das zeigt der neue Verteilungsbericht der Hans-Böckler-Stiftung. Die Studie wertet unter anderem die neuesten Zahlen des Sozio-ökonomischen Panels aus dem Jahr 2022 aus. Demnach ist der Anteil der Haushalte, die in Armut leben, auf 17,7 Prozent gestiegen. 2010 waren es noch 14,4 Prozent. Die Daten legen nahe, dass vor allem Menschen aus der unteren Einkommensmitte ärmer geworden sind, also weniger verdient haben.
Eine Folge: Die Einkommensungleichheit in Deutschland ist gestiegen. Der sogenannte Gini-Koeffizient kletterte laut der Studie auf einen Rekordwert. Der Koeffizient gibt an, wie gleich die
Einkommen in einer Gesellschaft verteilt sind. Er kann Werte von 0 (alle besitzen gleich viel Einkommen) bis 1 (die Einkommen konzentrieren sich in einem einzigen Haushalt) annehmen. Je höher also der Gini-Index, desto höher die Einkommensungleichheit. In Deutschland lag er bei 0,310; im Jahr 2010 waren es noch 0,282.
Als arm gelten Haushalte mit weniger als 60 Prozent des
durchschnittlichen jährlichen Netto-Einkommens von derzeit knapp 26.000
Euro pro Person. Die Armutsgrenze liegt demnach bei einem jährlichen
Nettoeinkommen von 15.439 Euro für Alleinlebende. Als reich
gelten Haushalte ab einem doppelten durchschnittlichen Nettoeinkommen und damit ab 52.000 Euro pro Person und Jahr. Ihr Anteil ist über die Jahre sehr konstant geblieben.
Deutliche Mehrheit unter armen Menschen misstraut der Politik
Als Folge dieser Ungleichheit warnt der Bericht vor einer wachsenden
Polarisierung. Das Vertrauen in staatliche und demokratische
Institutionen falle umso geringer aus, je niedriger das Einkommen sei. So haben der Studie zufolge 61 Prozent der Armen kein Vertrauen in die Bundesregierung, 51 Prozent misstrauen den Medien.
Die Studie analysiert auch, wie sich das Wahlergebnis der letzten Bundestagswahl je nach Einkommensgruppen unterscheidet. 27 Prozent der Menschen in Armut wählten die AfD, 20 Prozent die Linke, 16 Prozent die SPD. Auch in der Gruppe der „unteren Mitte“ schnitt die AfD mit 24 Prozent am besten ab. Die Stimmanteile stiegen im Vergleich zur Bundestagswahl deutlich. Reiche Menschen wählten hauptsächlich die Unionsparteien (38 Prozent) oder die Grünen (18 Prozent).
Wirtschaftlicher Aufstieg kommt nicht bei allen an
Die Studienautoren machen für die wachsende Ungleichheit mehrere Entwicklungen verantwortlich. Zum einen sei der Spitzensteuersatz gesunken, dadurch werde weniger umverteilt. Außerdem gebe es weiterhin „eine hohe Zahl an prekär beschäftigten Personen“, heißt es in der Studie. Auch die Renten oder die Grundsicherung würden die Unterschiede nicht abfedern. Die Daten würden zeigen, dass trotz wirtschaftlich starker Zeiten in den 2010er Jahren die Ungleichverteilung zugenommen hat.
Von „Wohlstand für alle“ kann keine Rede sein. Sollte sich dies fortsetzen, könnte das als Brandbeschleuniger für die sozialen und politischen Bruchlinien wirken, die an unserer Gesellschaft zerren.
Um die Entwicklung aufzuhalten, fordern die Autoren, höchste Einkommen und Vermögen stärker zu besteuern. Zudem müssten Menschen in Armut besser in den Arbeitsmarkt integriert und die Transferleistungen wie die Grundsicherung oder die Rente erhöht werden. So könnten sie besser an der Gesellschaft teilhaben und wären damit auch weniger empfänglich für radikale, politische Stimmen. „Menschen, die an der Gesellschaft voll teilhaben können, die das auch subjektiv wahrnehmen und die ihre Teilhabechancen auch in Zukunft abgesichert sehen, sind für die antidemokratischen Kräfte, die die Klaviatur von Verunsicherung und Angst zu bedienen wissen, weniger empfänglich“, heißt es in der Studie.