Stromausfall in Berlin: Mit Notstrom vom Filmset gegen den Blackout

Nach dem Anschlag auf das Stromnetz im Berliner Südwesten am Wochenende sind nicht nur viele Privathaushalte weiter auf sich allein gestellt. Rund 1700 Gewerbekunden des kommunalen Netzbetreibers Stromnetz Berlin waren am Montag ebenfalls noch von der Stromversorgung abgeschnitten und mussten improvisieren.

„Ich bin als Un­ternehmer gewöhnt, mich selbst zu kümmern“, sagt Silvio Schobinger, Geschäftsführer des Gewerbestandorts Goerzwerk , über das Krisenmanagement in Berlin. Der traditionsreiche Industriestandort in Lichterfelde, an dem sich nach dem Umbau zum Gewerbepark in den vergangenen Jahren rund 150 Kleinunternehmen mit gut 500 Beschäftigten angesiedelt haben, wird nach Angaben des Netzbetreibers Stromnetz Berlin wohl erst am Donnerstag wieder an das Stromnetz angeschlossen.

Das Goerzwerk liegt mitten im größten Gewerbegebiet im Berliner Südwesten. Das Heizkraftwerk Lichterfelde und die Kabelbrücke für die Hochspannungsleitung über den Teltowkanal, die Ziel des Brandanschlags auf das Berliner Stromnetz war, sind nur etwas mehr als drei Kilometer entfernt. Als am Samstag in den frühen Morgenstunden der Strom ausfiel, merkte Schobinger das als Erster. Denn die Unternehmerfamilie wohnt in dem historischen Industriegebäude, in dem die Optische Anstalt C.P. Goerz ab 1915 fotografische Geräte herstellte.

Stromaggregate aus Adlershof

„Wir sind am Samstag bei Freunden in Kleinmachnow untergekommen, am Sonntag habe ich zwei Trucks mit Stromgeneratoren aus Adlershof geholt, und heute werden wir versuchen, zwei weitere Generatoren heranzuschaffen, um den Betrieb langsam wieder hochzufahren“, sagt Schobinger. Die Stromaggregate kommen von Lichthaus Berlin, einem Verleih für Filmtechnik mit Sitz im Technologiepark Adlershof, der erst vor wenigen Monaten Ziel eines Anschlags auf das Berliner Stromnetz war.

Der Mitte September mutmaßlich von linksextremen Aktivisten verübte Brandanschlag auf zwei Hochspannungsmasten im Südosten Berlins galt vor allem den mehr als 1300 Unternehmen und 18 wissenschaftlichen Einrichtungen im mehr als 400 Hektar großen Technologiepark. Es war nach dem Brandanschlag auf die Stromversorgung der Fabrik des ameri­kanischen Elektrowagenherstellers Tesla vor den Toren Berlins im Frühling 2024 die zweite Attacke auf die Infrastruktur des Wirtschaftsstandorts.

Betroffen waren in Adlershof unter anderem die Niederlassungen von Großkonzernen wie Siemens, industrieller Mittelstand wie Jenoptik oder Start-ups wie Carbon One. Mit insgesamt 29.000 Beschäftigten gilt Adlershof als größter Technologiepark in Deutschland. Die hier ansässigen Unternehmen erzielen einen Umsatz von gut vier Milliarden Euro pro Jahr.

Wohnbezirk mit forschungsnahen Betrieben

Der Bezirk Steglitz-Zehlendorf im Südwesten von Berlin, der vom jüngsten Brandanschlag auf das Stromnetz in der Hauptstadtregion betroffen ist, gilt vor allem als Wohnbezirk. Als Wirtschaftsstandort zeichnet sich der Bezirk durch die Kooperation von Universitäten, Forschungsinstitutionen und Unternehmen aus.

„Der Berliner Südwesten weist einen bedeutenden, über Jahrzehnte gewachsenen Life-Sciences-Standort mit über 50 Instituten und Kliniken sowie über 40 produzierende und entwickelnde Un­ternehmen in der Medizintechnik, Pharmazie und Biotechnologie auf“, heißt es bei der landeseigenen Wirtschaftsförderungsgesellschaft Berlin Partner.

Größter Gewerbestandort im Bezirk ist das Indus­triegebiet zwischen Goerzallee und Zehlendorfer Stichkanal mit einer Größe von knapp 80 Hektar und rund 170 Unternehmen. Dazu gehört auch das Goerzwerk, das derzeit mit Stromgeneratoren von Lichthaus Berlin versorgt wird.

Erst die Schließanlage, dann die Heizung

Das Unternehmen aus Adlershof verfügt insgesamt über acht mobile Stromgeneratoren. „Aktuell brauchen wir die nicht, das ist ein glücklicher Zufall“, heißt es auf Anfrage bei Lichthaus. Zwei Generatoren mit einer Leistung von jeweils 100 Kilowatt seien im Goerzwerk im Einsatz. Der Kontakt kam über einen Bekannten aus der Filmbranche zustande.

„Das erste Ziel ist, die Heizung wieder in Gang zu bringen“, sagt Schobinger. Zunächst musste am Sonntag allerdings die Schließtechnik für die Gebäude im Gewerbepark mit Strom versorgt werden, um den Mietern wieder Zugang zu den Gewerbeflächen zu verschaffen. Mit den zusätzlich angefragten Stromgeneratoren will Schobinger zumindest einen Regelbetrieb auf Sparflamme im Goerzwerk ermöglichen, bis die Hochspannungskabel über den Teltowkanal repariert sind. „Ich glaube nicht, dass das bis Donnerstag gelingen wird“, sagt er zum Zeitplan von Stromnetz Berlin.

Neben dem Strom ist nach dem Brandanschlag offenbar auch die Kommunikation des kommunalen Netzbetreibers mit den Gewerbekunden ausgefallen. „Wir werden überhaupt nicht informiert“, sagt Schobinger. Er habe Stromnetz Berlin angeschrieben, mit der Bitte um eine Einschätzung zum weiteren Verlauf der Schadensbehebung. „Da kommt keine Rückmeldung, und ich habe fast Verständnis dafür“, sagt der Unternehmer.

Empfindlicher Schaden  für Unternehmen

Ein bisschen habe er darauf gehofft, dass das Goerzwerk zu den rund 300 Unternehmen zählen würde, die schon am Sonntag wieder an das Stromnetz angeschlossen wurden. „Aber vor einem Gewerbestandort kommen Pflegeeinrichtungen und Privathaushalte, und das ist auch gut so“, sagt Schobinger.

Für eine Schätzung des Schadens infolge des Stromausfalls im Goerzwerk sei es noch zu früh. Die Vereinigung der Unternehmensverbände in Berlin und Brandenburg rechnet bei den betroffenen Unternehmen insgesamt mit Schäden in Mil­lionenhöhe an Anlagen und Maschinen so­wie durch Umsatzausfälle. „Die Bandbreite ist groß“, sagt Schobinger über die Folgen für die einzelnen Betriebe im Goerzwerk.

Zu den Unternehmen am Standort gehören unter anderem Softwareentwickler, Logistiker, Industriedesigner, Caterer und Werkstattbetriebe sowie Handwerker. „Es gibt auch einen Laborbetrieb mit einer Kühlzelle“, sagt Schobinger. Für Betriebe, die sich gerade von den Folgen der Corona-Krise berappelt hätten, könne der Schaden empfindlich ausfallen.

Mehr Resilienz ist das Ziel

Einen hundertprozentigen Schutz der kritischen Infrastruktur hält Schobinger nicht für realistisch. „Das Ziel muss sein, resilienter zu werden“, sagt er. Für das Goerzwerk hatte der Unternehmer bereits vor dem jüngsten Brandanschlag auf das Berliner Stromnetz zwei Stromspeicher gekauft, die in den nächsten Monaten an das Netz gehen sollen.

Von der Politik wünscht sich Schobinger dafür keine finanzielle Unterstützung, sondern regulatorische Erleichterungen. „Wenn un­sere Speicher am Netz sind und wir überschüssigen Strom über das Stromnetz im Gewerbegebiet an unseren Nachbarn verkaufen wollen, müssen wir dafür Netzentgelt bezahlen“, sagt er.

Die Solidarität untereinander an dem Gewerbestandort in Lichterfelde sei groß, sagt Schobinger. Nur ein Mieter habe sich beschwert, dass er nicht umgehend über den Stromausfall informiert wurde, während er auf den Malediven weilte. Sobald Schobinger wieder Zugriff auf den Mailserver im Goerzwerk hat, soll es mit der Kommunikation wieder besser laufen. Auch beim Filmunternehmen Ufa in Potsdam hat er Stromaggregate angefragt, die sonst nur auf dem Filmset zum Einsatz kommen.