Streitkultur | „Rage Bait“ ist sowas von 2025: Wie steigt man aus welcher Empörungsspirale aus?

Anfang Dezember hatten sie es geschafft: „Rage Bait“ wurde von der renommierten Oxford University Press zum Wort des Jahres 2025 gekürt. Der Verlag, der mit dem Oxford English Dictionary so etwas wie das britische Äquivalent zum Duden herausgibt, nennt Rage Bait den „effektivsten Aufhänger im Internet“. Wobei „Aufreger“ eigentlich noch besser passen würde. Denn darum geht es bei Rage Bait.

Laut der Definition aus Oxford sind Rage Bait „Online-Inhalte, die absichtlich darauf ausgelegt sind, Wut oder Empörung zu provozieren, indem sie frustrierend, provokativ oder anstößig sind“. Sie werden typischerweise gepostet, um den Traffic auf einer Webseite oder das Engagement mit einem Social-Media-Konto zu erhöhen. Und haben wie so vieles im Netz mal ganz harmlos angefangen. Mit grandiosem Stuss oder teilweise sogar ganz lustigen Übertreibungen und Verdrehungen.

Doch heute stapeln sich unter einem Post, der einen Holocaust-Überlebenden in KZ-Häftlingskleidung bei einer Gedenkveranstaltung zeigt, Kommentare wie „You’ve missed one“ („Du hast einen übersehen“). Das geht in den USA mit dem dort geltenden ultimativen Recht auf „Free Speech“ des First Amendment rein juristisch sogar in Ordnung. Aber nicht lange gut, was die gesellschaftliche Debatte über Rage Bait zeigt.

Rage Baitern geht es um „emotional hijacking“ – unsere Gefühle zu kapern

Rein statistisch wurde der Begriff im vergangenen Jahr dreimal so oft verwendet als 2024, haben sie in Oxford gemessen. „Die Tatsache, dass das Wort ‚Rage Bait‘ überhaupt existiert und so dramatisch stärker genutzt wird, bedeutet, dass wir uns der Manipulationstaktiken, in die wir online hineingezogen werden, immer mehr bewusst sind“, sagt Casper Grathwohl von Oxford University Press. Früher sei es darum gegangen, Aufmerksamkeit im Netz zu erregen, indem Neugier geweckt wurde. Heute gehe es um „emotional hijacking“, wie Grathwohl es nennt, um eine „Entführung“ und vor allem die Manipulation und Beeinflussung von Gefühlen.

Und weil das Mediengeschäft seit Jahren immer emotionaler und personalisierter wird, ist Rage Bait auch hier „all the rage“. „Bullshit Bas: Würden Sie einer Hauptschülerin Hunderte Milliarden anvertrauen?“, ätzt dann Julian Reichelt bei Achtung, Reichelt über Bärbel Bas (SPD) und erntet begeisterten Zuspruch. Der Mechanismus des ehemaligen Bild-Chefredakteurs ist dabei immer gleich: Ein kleines bisschen Wahrheit steckt ja drin; die Bundesministerin für Arbeit und Soziales hat einen Hauptschulabschluss, allerdings mit Fachoberschulreife, was bei der Pseudoargumentation von Nius natürlich stört. Aber so lässt sich trefflich suggerieren, die Frau kann nichts, weg damit.

Doch es sind längst nicht nur die rechten Demagogen wie Reichelt und seine Freunde auf der Achse des Blöden. Im Bundestag findet Rage Baiting ganz analog als beleidigender Zwischenruf statt; vor allem, aber längst nicht nur aus den Reihen der AfD. Die Rügen für solche Zwischenrufe gingen im Parlamentsbetrieb 2025 durch die Decke, doch was kümmert das schon: Bis hier jemand die Rote Karte sieht und vom parlamentarischen Feld gestellt wird, muss viel passieren. Und wenn dafür die Reaktion der Fans im Netz stimmt und man selbst wieder die Insta- oder Tiktok-Charts seiner Fraktion anführt, ist so ein bisschen formales Genöle von Seiten des Präsidiums doch leicht verschmerzt.

Passenderweise lautete das Oxford-Wort 2024 „brain rot“

Was das mit dem Hohen Haus, seiner Legitimation, seiner Glaubwürdigkeit und seinem Ansehen macht, ist eine andere Frage. Und natürlich ist Bayerns oberster Rage Baiter, der Söder Markus von der CSU, gegen einen Donald J. Trump kalter Kaffee. Da kann er noch so sehr mit nacktem Finger auf vegane Würstchen zeigen. Bloß kommt der allgegenwärtige Rechtsruck vor allem auf emotionaler Ebene daher. Und eine Politik, die ganz allgemein vom Kopf auf den Bauch umschwenkt, befördert diesen Trend – völlig egal, von welcher Partei sie kommt. Dass der Rechtsruck „nur gefühlt“ ist, bekommt so eine ganz andere Dimension. Auch das ist längst bekannt und beschrieben. Das Oxford-Wort des Jahres lautete schließlich schon 2024 höchst passend „brain rot“, also Verblödung.

Die Gegenstrategie kann also nicht sein, mit gleicher Masche, Verve und Lautstärke zurückzubrüllen. Das würde zwar zunächst dank der digitalen Logik vielleicht sogar funktionieren. Doch schon jetzt zeichnet sich ab, dass die digitalen Machthaber ihre Algorithmen so bauen, dass jegliches Gegengeheul nicht oder weniger durchkommt.

Und selbst wenn es hier doch noch eine Waffengleichheit in Sachen Rage Bait geben sollte, hätten wir nichts davon. Denn Schlagabtausche sind im Netz und seinen so gar nicht sozialen Medien nie endlich. Sondern zielen immer darauf ab, sich noch weiter hochzuschaukeln. Maximierungslogik nennt sich das, und diese Spirale kennt nur eine Richtung.

Was also tun? Im Netz gibt es das schöne Meme vom Schimpansen, der gelassen das Brüllen des Tigers über sich ergehen lässt und dabei fast ein kleines bisschen zu lächeln scheint. Cool bleiben, nicht über jedes Stöckchen springen, das einem hingehalten wird, ist hier ein erster wichtiger Schritt. Denn auch wer sich von Rage Bait beleidigt, abgestoßen bis hin zur emotionalen Lähmung fühlt, verfällt ja ihrer Logik und dem Ziel der Rage Baiter von Trump bis Reichelt, als Disruption getarnte Destruktion zu säen. Während sie klammheimlich hinten herum ihre Schäfchen gänzlich ohne Zorn ins Trockene bringen.

Eine Frage, die sich nie nur mit dem Bauch beantworten lässt

Grenzüberschreitungen wie Rage Bait sind ja gerade deshalb längst zum „Normalfall“ der öffentlichen Kommunikation geworden. Denn sie zersetzen diese öffentliche Kommunikation und damit die Möglichkeit gesellschaftlicher Teilhabe und demokratischer Kontrolle. Cui bono, wem nutzt das, ist eine Frage, die sich immer zu stellen lohnt. Und die sich nur mit dem Kopf und nie mit dem Bauch beantworten lässt.

Das heißt nicht, dass für Kritik und Entsetzen in der öffentlichen Debatte kein Raum mehr wäre. Doch auch hier gilt „Kopf vor Bauch“; es geht um Fakten und Inhalte und dann erst um natürlich zulässige Emotionen, die gern auch Wirkung entfalten dürfen. Nur ist Wirkung ohne Inhalt das Gegenteil von konstruktiver Kritik.

„Verarsch mich nicht“ ist also eine ganz probate Antwort auf Rage Bait. Die aber viel damit zu tun hat, wie gefestigt und „sicher“ man sich in dieser sich so viel unsicherer anfühlenden Welt fühlt. Und die natürlich nicht dazu führen darf, dass sich eine Gesellschaft plötzlich jegliche Emotionalität verkneift. Denn abgestumpfte Gleichgültigkeit bedeutet genauso den gesellschaftlichen Tod.

Deshalb wird es höchste Zeit, kommunikative Alternativen zu schaffen. Kein Mensch braucht X, warum also tummelt sich hier weiterhin die Politik fast geschlossen? Bluesky und Mastodon bauen sich gerade auf, werden aber viel zu zögerlich gepusht und gefördert – allen Sonntagsreden über digitale Souveränität und Medienkompetenz zum Trotz. Am Ende hilft nur, den Kopf einzuschalten.