Streaming | Wer wird da nicht wahnhaft? Wie Spotify und Co. mit Fake-KI-Musik überflutet werden
Für Spotify begann das Jahr mit schlechter Presse. In ihrem Buch Mood Machine. The Rise of Spotify and the Costs of the Perfect Playlist lüftete die Journalistin Liz Pelly nach Jahren der Spekulation das Geheimnis um sogenannte Ghost Artists. 2016 hatte ihr Kollege Tim Ingham erstmals von Musikstücken berichtet, die vor allem über Chillout-Playlists millionenfach gestreamt wurden. Zu den Namen dahinter fanden sich außerhalb von Spotify keinerlei Informationen.
Nachdem die schwedische Zeitung Dagens Nyheter Indizien dafür fand, dass Spotify dafür mit Firmen wie Firefly Entertaiment und Epidemic Sound zusammenarbeitete, konnte Pelly das System dahinter enthüllen: Der Streamingdienst lizenzierte die von den Unternehmen produzierten Stücke zu günstigeren Konditionen und platzierte sie als „Perfect Fit Content“ – „passgenauer Inhalt“ – in seinen Playlists.
Das schuf eine Win-win-lose-Situation: Firefly und Epidemic verdienten gut an den millionenfachen Streams, Spotify sparte Tantiemenzahlungen. Leer gingen all jene aus, die ähnliche Musik machten, aber strategisch übervorteilt wurden. Schon früh wurde spekuliert, ob die gespenstische Musik überhaupt menschengemacht war – erst recht, nachdem KI-Anbieter wie Suno und Udio aufkreuzten.
Ende Juni dann wurde Velvet Sundown zur weltweit meistdiskutierten Band, die es gar nicht gibt. Die Musik, die Bandfotos und alles andere waren bei genauerem Hinhören und -sehen eindeutig als KI-generiert zu erkennen. Dennoch hatten Velvet Sundown in den Wochen bis zu ihrer Enttarnung Hunderttausende Menschen erreicht, Millionen von Streams generiert und damit viel Geld verdient.
Auch Velvet Sundown und andere Artificial Artists nutzen die Perfect-Fit-Content-Strategie aus und damit Dynamiken, die Spotify durch seinen Fokus auf Playlists ab 2013 selbst angestoßen hat. Sie pumpen Musik auf die Plattformen, die populäre Stile wie klassischen Rock oder Country imitiert, um sich so im Fahrwasser echter Musik in personalisierte Playlists zu schmuggeln. Wie die Ghost Artists werden sie nicht als virtuelle Stars hochgezogen, sondern sollen im Gegenteil unauffällig bleiben, sodass niemand Verdacht schöpft.
Zehn Millionen Dollar mit „Musik“, die vielleicht nie ein Mensch gehört hat
Damit der Spotify-Algorithmus die Musik von Velvet Sundown den Fans in personalisierten Playlists zwischen Fleetwood Mac, Neil Young und Khruangbin serviert, wurden womöglich fragwürdige Tricks angewandt. Songs tauchten in prominenten nutzererstellten Playlists mit Titeln wie „Vietnam War Music“ auf – vermutlich eine abgekartete Aktion. Laut einer Analyse des Nachrichtenportals Watson gibt es sogar Hinweise darauf, dass die Streams künstlich in die Höhe getrieben wurden.
In den USA steht gerade ein Mann vor Gericht, der mutmaßlich Tausende von KI-generierten Musikstücken auf Spotify und Apple Music geladen hat und sie von einer Armada von Bots streamen ließ. Damit soll er zehn Millionen US-Dollar in Tantiemen verdient haben, obwohl vielleicht nie ein Mensch seinen KI-Slop gehört hat.
Hinter Velvet Sundown und anderen Artificial Artists steht eine ähnliche Strategie.Eine neue Eskalationsstufe erreichte die Diskussion um KI-Slops im Juli. Die Country-Sänger Blaze Foley und Guy Clark sind 1989 beziehungsweise 2016 gestorben, nun tauchten dennoch neue Musikstücke in ihren Spotify-Accounts auf – offensichtlich KI-generiert und ohne Zutun derer, die ihren Nachlass verwalten. Neben diesen Toten passierte der Band Toto dasselbe.
Die KI-generierten Kuckuckseier verschwanden schnell wieder, offenbarten aber ein weitreichendes Problem: Musikschaffende laden ihre Songs nicht selbst bei Streamingdiensten hoch, sondern beauftragen Digitalvertriebe damit. Dabei geben sie an, unter welchem Account diese hochgeladen werden sollen. Es ist relativ einfach, auf diese Art einen Song auf den Account von vor allem verstorbenen Musikschaffenden zu platzieren.
Das Simulakrum in meiner Playlist
Weil Musikrechte kompliziert sind und der bürokratische Aufwand immens wäre, prüfen Vertriebe die Uploads nicht immer eingehend und liefern sie an Streamingdienste, die erst recht kein Interesse daran haben, dafür Ressourcen aufzubringen. Die Plattformen können die Schuld den Vertrieben zuschieben, die wiederum die Uploader*innen in die Verantwortung nehmen.
Dass die KI-generierte Musik in den Spotify-Accounts von Blaze Foley, Guy Clark und Toto schnell wieder verschwand, hat einerseits mit der schlechten Presse und andererseits mit der rechtlichen Brisanz dieser Masche zu tun. Sie verletzt unter Umständen Persönlichkeits- oder Markenrechte, weil sie Namen und gegebenenfalls andere rechtlich geschützte Charakteristika der imitierten Personen und Bands verwendet. Anders sieht es bei Artificial Artists wie Velvet Sundown aus.
Jean Baudrillard hätte Velvet Sundown und Ihresgleichen als Simulakrum bezeichnet, als Kopie ohne Original. Sie verletzen weder Persönlichkeitsrechte noch das Urheberrecht, weshalb es keine überzeugenden rechtlichen Argumente für ihre Entfernung von den Plattformen gibt. Dieses Schlupfloch wird zunehmend ausgenutzt. Der Service Deezer wertet mittlerweile mit einem eigens entwickelten Werkzeug aus, wie viele der hochgeladenen Tracks KI-generiert sind. Laut aktuellem Stand sind es 20.000. Pro Tag.
Deezer erfasst laut eigenen Angaben vor allem KI-generierte Musik, die mit gängigen Programmen wie Suno oder Udio synthetisiert wurde. Die Dunkelziffer könnte dementsprechend höher sein. Weil Deezer über dieselben Vertriebe mit demselben Material beliefert wird wie jede andere Streamingplattform, gilt für so ziemlich jeden Dienst: Pro Monat werden dort über eine halbe Million KI-generierte Musikstücke hochgeladen. Diese stehen in Konkurrenz mit der Musik echter Menschen.
Deezer ist eine der wenigen Plattformen, die in diesen ungleichen Kampf um Sichtbarkeit (und also Tantiemen) eingreifen. Seit Anfang des Jahres werden als vollständig KI-generiert erkannte Musikstücke nicht mehr in redaktionelle und algorithmisch erstellte Playlists aufgenommen. Das Publikum müsste sie nun gezielt suchen.
Das Vertrauen in die Musikindustrie bröckelt
Rigider noch geht der deutsche Streamingdienst Rokk vor. Die Plattform spezialisiert sich inhaltlich auf harte Gitarrenmusik, bietet aber denselben Katalog an wie die Konkurrenz – inklusive der Unmengen von KI-generierter Musik, die ungefiltert von Vertrieben angeliefert wird. Statt wie Deezer auf technologische Lösungen zu setzen, tritt Rokk dem mit menschlichem Sachverstand entgegen: Das Publikum kann Verdachtsfälle melden. Diese werden vom Rokk-Team kontrolliert und gegebenenfalls entfernt.
Deezer belässt es hingegen dabei, solche Veröffentlichungen zu markieren. „Einige Songs auf diesem Album könnten mithilfe von künstlicher Intelligenz erstellt worden sein“, heißt es etwa über das letzte Velvet-Sundown-Album Paper Sun Rebellion. Was vielleicht wie ein fauler Kompromiss klingt, schafft immerhin Transparenz.
Anders als Deezer und Rokk ergreifen die großen Plattformen wie Spotify und Apple Music bisher keine Maßnahmen. Das liegt vermutlich daran, dass die großen Musikkonzerne, mit denen sie in gegenseitiger Abhängigkeit verflochten sind, Anbieter wie Suno und Udio aktuell an den Verhandlungstisch klagen, um mit ihnen Lizenzvereinbarungen auszumachen – das heißt, an ihrem Geschäft mitzuverdienen.
Gesellschaftliche Pflicht
Weite Teile des Publikums scheinen allerdings nicht damit einverstanden zu sein, dass ihnen KI-Slop serviert wird. Sollte der öffentliche Druck steigen, werden Spotify und Co. es Deezer und Rokk vielleicht nachmachen müssen. Bis dahin kann das Publikum nicht darauf vertrauen, dass die Stücke in der Chillout- oder Workout-Playlist von echten Menschen kommen.
Das verstärkt den Argwohn, mit dem im Deepfake-Zeitalter jedem Medium begegnet wird. Ob Rocksongs auf Spotify, Fotos aus Kriegsgebieten oder Videos von politischen Persönlichkeiten: Alles könnte fingiert sein. Wer wird da nicht paranoid?
Deshalb zielt die Frage nach dem richtigen Umgang mit KI-generierter Musik nicht allein auf Fairness gegenüber echten Musikschaffenden ab, deshalb spricht Rokk-Mitbegründer Alexander Landenburg von einer „gesellschaftlichen Pflicht“ zu ihrer Entfernung.
Ob Ghost oder Artificial Artists, Velvet Sundown oder die Kuckucks-KI bei Toto: All diese Phänomene stellen unser Verhältnis zur Realität auf den Prüfstand. Die Simulakren sind unter uns. Kann die Musikwelt dazu beitragen, dass wir sie wieder loswerden?