Straße von Hormus | Straße von Hormus: Die Schiffe werden sich noch stauen, wenn die Gesamtheit längst vorbei ist
Das Wiener Institut ASCII rechnet mit krassen Folgen, je länger die Blockade dieses Seeweges dauert und die Situation dort enorme Eskalationsrisiken birgt. Lange Wartezeiten vor den Häfen weltweit seien schon jetzt unabwendbar
Hat Donald Trump Chinas Ausfuhrverbot für Seltene Erden bedacht, wie sie US-Konzerne für die Herstellung von Hightech-Waffen brauchen?
Foto: Kyle Mazza/dpa
Obwohl die US-Geheimdienste ihren Präsidenten warnten, soll Donald Trump es nicht für möglich gehalten haben, dass der Iran die für den Welthandel äußerst wichtige Straße von Hormus für Gegner schließt. Nachdem das geschehen ist, scheint sich Trump für eine Konfrontation entschieden zu haben, wie sie der Iran-Krieg bisher nicht gesehen hat.
Das in Wien ansässige Supply Chain Intelligence Institute Austria (ASCII) hat soeben eine Studie platziert, die absehbare kurz- und mittelfristige Folgen analysiert, die mit der Lage in der Meerenge für Länder, Branchen, Reeder und Schifffahrtsrouten verbunden sind. Der Iran selbst, die Vereinigten Arabischen Emirate, Katar, Kuwait und Bahrain müssen fast ihren gesamten Handel über die Straße von Hormus abwickeln. Eine Schließung bis zu zwei Wochen definiert das ASCII als verkraftbar.
Sollte sie länger als einen Monat dauern, werden gravierende, wenn auch unterschiedliche Auswirkungen auf Lieferketten und die weltweite Energieversorgung modelliert. Selbst nach einer Wiedereröffnung der Meerenge wären lange Staus vor vielen Häfen zu erwarten. Es koste Zeit, die Fahrpläne der Schiffe wieder zu synchronisieren. Man solle sich vergegenwärtigen, dass 31 Prozent der Harnstoffexporte und acht bis zehn Prozent des globalen Düngemittelbedarfs aus der Golfregion gedeckt würden.
In Italien Benzinsteuer gestrichen
Was es für den Weltmarkt bedeute, blieben diese Lieferungen über einen längeren Zeitraum aus, liege auf der Hand. Global verknappt wären auch Spezialgase für die Halbleiterproduktion wie Neon, Helium oder Argon, warnt die ASCII-Studie. Den größten Schaden hinsichtlich ihrer Energieversorgung würden asiatische Staaten wie China, Indien, Südkorea und Thailand durch ausbleibendes Rohöl, Flüssiggas und den Mangel an anderen Ölprodukten erleiden, deren Handelswert pro Jahr etwa 286 Milliarden Dollar betrage.
Die Abhängigkeit europäischer Länder vom Handel mit den Golfstaaten fällt unterschiedlich aus. Am größten ist sie in Großbritannien und Italien. Ministerpräsidentin Giorgia Meloni hat bereits die Benzinsteuer gestrichen, damit Sprit bezahlbar bleibt. Laut ASCII sind Deutschland und Frankreich bezüglich der Energierohstoffe weniger betroffen, wohl aber bezüglich eigener Ausfuhren von Industriegütern und -ausrüstungen in die Krisenregion. Steigende Preise für Öl und Gas würden auch in Deutschland die Industrie wie private Haushalte erheblich belasten. Letztlich seien die Folgen von gestörten Lieferketten, Hamsterkäufen und anderen Panikreaktionen der Märkte unkalkulierbar.
Nach Kriegsende will Deutschland Trump unter die Arme greifen
Keine Frage, der eskalierende Nahostkrieg potenziert die bereits durch den Ukraine-Konflikt heraufbeschworene Fragilität der Energieversorgung Europas. Nach der anfänglichen Unterschätzung der Widerstandskraft des Iran setzt sich in der EU nunmehr die Erkenntnis von einer erheblichen eigenen wirtschaftlichen Gefährdung durch. Vor diesem Hintergrund stößt Donald Trumps Ruf nach militärischem Beistand von NATO-Staaten auf ausweichende Reaktionen.
Nur Ukraine-Präsident Wolodymyr Selenskyj beweist unanfechtbare Bündnistreue, indem er Militärs nach Israel schickt, die Erfahrung beim Einsatz und bei der Abwehr von Drohnen haben. Kanzler Friedrich Merz hingegen erklärt, solange die Kampfhandlungen andauern, werde man sich im Persischen Golf nicht exponieren – danach schon. Verteidigungsminister Boris Pistorius bekräftigt, deutsche Marine-Einheiten würden erst nach Kriegsende einer „Sicherung der Seewege“ nähertreten.
Festzuhalten bleibt indes, dass die Regierung Merz die Existenz der US-Militärbasis Rammstein nicht infrage stellt, obwohl es sich um die wichtigste Relaisstation für das Steuern von US-Kampfdrohnen im Nahen Osten und Afrika handelt. Einerseits wird das anstandslos hingenommen, andererseits scheint sich für Merz der unheilvolle Zusammenhang zwischen dem Iran-Krieg und Israels Militäroperationen gegen direkte Nachbarn zu erschließen. Er hat die Regierung von Benjamin Netanjahu zur Mäßigung bei ihrem harten Vorgehen gegen die libanesische Zivilbevölkerung aufgefordert.
Mit dem gleichen Anliegen sprach der französische Außenminister Jean-Noël Barrot in Jerusalem vor. Um im Libanon nicht gänzlich an Einfluss zu verlieren, spielt sich Frankreich als dessen ehemalige Mandatsmacht immer noch als Schutzpatron auf.
Es ist mit Millionen von Flüchtlingen zu rechnen
Neben den Regierungen in Berlin und Paris unterzeichneten auch die Italiens, Großbritanniens und Kanadas einen Appell an Tel Aviv, die bereits laufende Bodenoffensive gegen die Zedern-Republik einzustellen. Der Aufruf zeitigte keinerlei Wirkung. In Teilen des Südlibanon sieht es nun genauso aus wie im Gazastreifen. Kein Wunder, dass die EU-Staaten mit sich verstärkenden Flüchtlingsbewegungen rechnen und einen ab Juni in Kraft tretenden, Präventivmaßnahmen vorsehenden Migrations- und Asylpakt bekräftigt haben.
Anzunehmen ist, dass die Vereinigten Staaten wenig bis gar nicht durch Hunderttausende oder Millionen von Hilfsbedürftigen betroffen sein werden. Hoffen lässt allein die Tatsache, dass die Fähigkeit, Hightech-Waffen herzustellen, abnimmt, weil China ab April 2025 ein Ausfuhrverbot für jene Seltenen Erden verfügt hat, die dafür erforderlich sind und von US-Konzernen vorrangig von dort bezogen wurden. Momentan können diese Firmen von ihren Vorräten zehren, die vielleicht noch zwei bis drei Monate reichen.