Sterbehilfe in Spanien: Suizid einer 25-Jährigen sorgt z. Hd. Bestürzung
Der Suizid einer jungen Frau erschüttert Spanien. 2022 wurde sie das Opfer einer Gruppenvergewaltigung. Nun hat die 25-Jährige auf eigenen Wunsch eine tödliche Spritze erhalten. Manche sprechen von staatlichem Versagen.
„Ich will einfach nur in Frieden gehen und nicht mehr leiden.“ Die Frau, die das sagt, heißt Noelia Castillo und lebt nicht mehr. Am Donnerstagabend erhielt die 25-Jährige aus Sant Pere de Ribes in der Nähe von Barcelona auf eigenen Wunsch eine tödliche Spritze.
Ihr Suizid und seine Geschichte sorgen im ganzen Land für Bestürzung. Castillo wurde 2022 von einer Gruppe Minderjähriger vergewaltigt. Daraufhin versuchte sie, sich das Leben zunehmen und saß seither querschnittsgelähmt im Rollstuhl. Ihr Antrag auf aktive Sterbehilfe wurde 2024 bewilligt.
Ihr Vater zog vor Gericht
Doch ihr Vater zog dagegen vor Gericht, vertreten von der ultrakatholischen Organisation Abogados Cristianos. Die hat das spanische Euthanasiegesetz wiederholt als Ausdruck einer „Kultur des Todes“ bezeichnet und mit religiösen Andachten gegen Castillos Entschluss protestiert.
Anwalt José Maria Fernandez sagt: „Wir glauben, dieses Mädchen hätte schon lange wegen psychischer Probleme behandelt werden und eine höhere Pflegestufe erhalten sollen. Das hätte ihr eine höhere Pension und ein würdiges Leben ermöglicht. Aber statt dessen hat sie nur die Euthanasie erhalten.“
Versagen des Systems
Auch Alicia García von der konservativen Volkspartei Partido Popular sprach von einem Versagen des Systems: „Ich bin Mutter von drei Töchtern, und ich habe das alles sehr bewegt und tieftraurig mitverfolgt. Es handelt sich hier um ein klares staatliches Versagen. Gegenüber einem Kind, einer jungen Frau, deren Rechte nicht ausreichend geschützt wurden, vor sexueller Gewalt, einer Frau, die versucht hat sich umzubringen. Dieser Fall geht uns alle an.“
Das spanische Gesetz für Euthanasie ist seit 2021 in Kraft. Dafür gestimmt hatten damals neben der linken Regierungskoalition auch fast alle regionalen Parteien. Dagegen ausgesprochen hatte sich die konservative Volkspartei und die ultrarechte Vox-Partei. Vox bezeichnte Castillos Tod als „Hinrichtung einer 25-Jährigen“.
Gesundheitsministerin: Gesetz hat breiten Rückhalt
Die spanische Gesundheitsministerin Mónica García weist solche Vergleiche entschieden zurück: „Das Gesetz hat breiten gesellschaftlichen Rückhalt. Es bietet sehr viele Sicherheiten, und die Mehrheit der Fälle konnte sich ohne Einmischung von Organisationen wie den christlichen Anwälten auf dieses Euthanasiegesetz berufen. Viele Menschen konnten darüber ihr Recht ausüben.“
Wer in Spanien Sterbehilfe beantragt, muss zunächst zwei schriftliche Anträge stellen, in einem Abstand von mindestens 15 Tagen. Der durchläuft dann ein dreistufiges Verfahren. Nach der Prüfung durch den behandelnden und einen zugezogenen Arzt wird der Fall juristisch geprüft, bevor er erneut von einer Kommission aus Juristen, Ärzten und Sozialarbeitern bewertet wird.
1.123 Menschen setzten ihrem Leben ein Ende
In Ländern wie Belgien und den Niederlanden, in denen Sterbehilfe ebenfalls erlaubt ist, fehlt diese letzte Stufe. Seit das Gesetz in Spanien in Kraft ist, haben 1.123 Menschen damit ihrem Leben ein Ende gesetzt, meist wegen schwerer neurologischer Leiden oder Krebs in unheilbarem Stadium.
Castillo war die bisher jüngste Patientin. Auch deswegen sorgt ihr Fall für Bestürzung. Als der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte nach zwanzig Monaten die Beschwerden ihres Vaters in letzter Instanz zurückwies, sagte die junge Frau im spanischen Fernsehen:
Endlich habe ich es geschafft, ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr mit dieser Familie, mit diesen Schmerzen.
Laut spanischen Medien verbrachte Castillo die letzten Minuten ihres Lebens auf eigenen Wunsch allein in ihrem Zimmer.
Hilfe bei Suizid-Gedanken
Sollten Sie selbst von Selbsttötungsgedanken betroffen sein, suchen Sie sich bitte umgehend Hilfe. Bei der anonymen Telefonseelsorge finden Sie rund um die Uhr Ansprechpartner.
Telefonnummern der Telefonseelsorge: 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222 www.telefonseelsorge.de
Telefonberatung für Kinder und Jugendliche: 116 111 – www.nummergegenkummer.de
Source: tagesschau.de