Stellantis: Rekordverlust zu Händen vereinen Strategiewechsel

Der Volkswagen-Konkurrent und Opel-Eigner Stellantis ist noch lange nicht über den Berg. Nach der Schockankündigung von Anfang Februar über Sonderabschreibungen von 22 Milliarden Euro, die den Aktienkurs zeitweise ins Bodenlose abstürzen ließ, konnten auch die am Donnerstag vorgestellten Bilanzzahlen nicht für Entwarnung sorgen. Das Nettoergebnis brach im vergangenen Jahr von rund fünf auf 22 Milliarden Euro ein – ein Rekordtief. In Europa liefen zuletzt die älteren Modelle von Peugeot, Opel und Fiat schlecht, wie der Konzern am Donnerstag bei der Vorstellung der Jahreszahlen berichtet hat. Aufwärts ging es alleine beim Frontera von Opel/Vauxhall und beim Fiat Grande Panda, die 2025 auf den Markt kamen.
Konzernchef Antonio Filosa sprach von „anfänglichen positiven Zeichen des Fortschritts im zweiten Halbjahr 2025“. Dabei zitierte er das Wachstum des Konzernumsatzes von zehn Prozent auf 79 Milliarden Euro, Qualitätsverbesserungen und eine anstehende „Modellwelle“. All das bringe Schwung für „unsere Rückkehr zu gewinnträchtigem Wachstum“.
Zufluss flüssiger Mittel erst wieder 2027
Konkret bedeutet das, dass sich laut seiner Prognose in diesem Jahr die operative Umsatzrendite von minus 0,5 Prozent auf eine niedrige einstellige Zahl im Plusbereich verbessern sollte. Auch der Umsatz, der im Gesamtjahr um zwei Prozent auf 153,5 Milliarden Euro sank, werde im laufenden Jahr wieder leicht zunehmen. Doch erst 2027 könne das Fahrzeuggeschäft wieder einen Zufluss von flüssigen Mitteln (Free Cash Flow) erzeugen.
Der Aktienkurs blieb am Donnerstag weitgehend unverändert. Den Anlegern steckt noch die Bekanntgabe der Notabschreibungen in den Knochen, die den Kurs vor wenigen Wochen um mehr als ein Viertel fallen ließ. Seither hat sich der Börsenwert um rund sieben Prozent verbessert. Die Dividende fällt in diesem Jahr aus.
Stellantis muss sich erst mal aus dem tiefen Loch herausarbeiten, in das es hineingefallen ist. Die Strategiewende soll nach eigenen Angaben den Kunden mehr Wahlfreiheit geben. Im Kern heißt das, die Elektrifizierungsstrategie des früheren Vorstandsvorsitzenden Carlos Tavares weitgehend aufzugeben. Elektromodelle werden gestrichen, neue Angebote für Verbrenner- und Mischantriebe kommen hinzu. Dafür werden bei hohen Milliardenkosten Plattformen abgeschrieben und Zulieferer wie Vertragspartner entschädigt. In den Vereinigten Staaten muss Stellantis zudem weiter mit den Folgen einer verfehlten Preispolitik kämpfen, die wegen überteuerter Angebote die Lagerbestände aufblähte.
Preisdruck in Europa
Die Liste weiter bestehender Belastungen ist umfangreich, wie Stellantis am Donnerstag mitteilte: Das Ergebnis drücken Preissenkungen, zu denen Stellantis gezwungen war, die Zölle in den USA, ungünstige Wechselkurse und die Hinwendung der Kunden zu margenschwächeren Modellen. So entstand im vergangenen Jahr ein Verlust beim bereinigten Betriebsergebnis von 842 Millionen Euro; im Vorjahr leuchtete auf diesem Posten noch ein Plus von 8,6 Milliarden Euro. In der zweiten Jahreshälfte notierte diese Kennzahl sogar mit 1,3 Milliarden Euro im Minus.
In Europa brach das bereinigte Betriebsergebnis im vergangenen Jahr um mehr als drei Milliarden Euro ein. Dies begründete der Konzern nicht nur mit schwächerem Umsatz und preislichem Konkurrenzdruck, sondern auch mit höheren Kosten für Gewährleistungs- und Garantieverpflichtungen auf die Fahrzeuge. Qualitätsmängel schlagen sich hier also nieder. Zudem fielen zusätzliche Kosten an, um die CO2-Vorschriften für leichte Nutzfahrzeuge zu erfüllen. Positiv verbuchte Stellantis bessere Einkaufsbedingungen und Effizienzgewinne in der Produktion, doch diese Effekte konnten die Belastungen bei Weitem nicht ausgleichen.
Der Umsatz in Europa fiel im vergangenen Jahr um zwei Prozent auf fast 58 Milliarden Euro. In Nordamerika ließen die Erlöse um vier Prozent auf umgerechnet 61 Milliarden Euro nach. Erneut überstieg der nordamerikanische Umsatz jenen in Europa. Der Stellantis-Konzern hat mit seinen 14 Automarken sowie zwei Dienstleistungsnamen aufgrund seiner Vorgängergesellschaften Peugeot/Citroën und Fiat Chrysler vor allem französisch-italienische Wurzeln, doch seine Aufmerksamkeit richtet er besonders auf die Vereinigten Staaten. Früher hat der Konzern dort mehr als die Hälfte seiner Gewinne erwirtschaftet, denn Pick-up-Trucks und SUV liefen gut. Jetzt entstehen dort höhere Verluste als in Europa. Das bereinigte Betriebsergebnis brach in Nordamerika im vergangenen Jahr um gut 4,5 Milliarden Euro ein. Das führte dort zu einem operativen Verlust von 1,8 Milliarden Euro, der fast dreimal so hoch ausfiel wie der in Europa.
Fast alle Regionen lieferten im vergangenen Jahr ein negatives bereinigtes Betriebsergebnis. Die türkische Lira, der brasilianische Real und der argentinische Peso zogen nach unten. Nur in China, Indien und im pazifischen Raum stieg der operative Gewinn nach einem Vorjahresverlust auf den kleinen Betrag von 74 Millionen Euro, was vor allem mit besseren Verkäufen der US-Marke Ram zu tun hatte.