Stahlindustrie in Europa: Investor aus USA soll Italiens Riesen-Stahlwerk sichern

Das einst größte Stahlwerk Europas soll eine neue Chance bekommen – es ist unter Umständen die letzte. Die italienische Regierung hat mit dem amerikanischen Unternehmen Flacks Group aus Miami exklusive Übernahmeverhandlungen für das Stahlwerk von Acciaierie d’Italia (ADI) in Taranto in der Region Apulien aufgenommen. Flacks ist auf die Rettung von Krisenunternehmen spezialisiert und investierte in der Vergangenheit beispielsweise in einen Lack- und Farbenhersteller mit Asbestproblemen, in einen Gesundheitsanbieter für Gefängnisse oder in Minen im Amazonasgebiet – allesamt Unternehmen, die in rechtliche Streitereien geraten waren. Seitdem sich der Hersteller Arcelor-Mittal aus ADI im Jahr 2024 zurückgezogen hat, befindet sich das Unternehmen in staatlicher Verwaltung. Verhandlungen mit Investoren aus Indien, Aserbaidschan und der Ukraine sind gescheitert. Zuletzt lagen Angebote von nur noch zwei Unternehmen vor: neben Flacks der amerikanische Anbieter Bedrock Industries, der ebenfalls auf Pleitefirmen spezialisiert ist, doch über mehr Erfahrung im Stahlbereich verfügt.
40 Prozent für die italienische Regierung
Die Wahl der italienischen Regierung fiel nun auf Flacks, weil das amerikanische Unternehmen kaum Personalabbau und höhere Produktionszahlen plant. Zudem soll der italienische Staat mit rund 40 Prozent am Kapital beteiligt werden. Der in Manchester geborene, 58-jährige Firmenchef Michael Flacks will ADI nach eigenen Angaben für 1 Euro übernehmen und in den kommenden Jahren bis zu 5 Milliarden Euro investieren. Im Gespräch mit der Zeitung „Corriere della Sera“ nannte er das Projekt die „wichtigste Übernahme in meiner Geschichte – eine große Herausforderung, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch sozial und ökologisch.“ Er habe ein Expertenteam mit Erfahrung in der Stahlindustrie zusammengestellt, darunter ehemalige Manager des Unternehmens US Steel. „Auch Donald Trump regiert Amerika nicht allein: Er hat sich mit außergewöhnlichen Personen umgeben“, sagte Flacks.
ADI oder „Ex-Ilva“, wie die Italiener sagen, leidet seit vielen Jahren unter chronischer Auftragsschwäche. Das 1965 vom Staat in Süditalien errichtete Werk könnte mit seinen fünf Hochöfen auf einer Fläche von mehr als 15 Quadratkilometern theoretisch bis zu 11 Millionen Tonnen Stahl im Jahr herstellen, doch über die Jahre schrumpfte die Produktion auf nur noch 2 Millionen Tonnen aus derzeit einem Hochofen. Das industriepolitische Ziel, mit dem riesigen Werk an Stiefelspitze Italiens den strukturschwachen Süden zu beleben, ist gescheitert.
Lange Zeit verrufen wegen der hohen Umweltbelastung
Der Standort, zu dem auch ein Werk im norditalienischen Ligurien gehört, ist auf hochwertige Stahlsorten für die Automobilindustrie, Haushaltswaren, Gebäude und Infrastruktur spezialisiert. Doch aufgrund hoher Kosten und der Überkapazitäten in Europa war das Werk in seiner Geschichte selten wettbewerbsfähig. Lange Zeit machte es vor allem wegen der Umweltbelastung von sich reden. Das Werk grenzt direkt an die Stadt Taranto und sorgte dort in der Bevölkerung für erhebliche Erkrankungen. Daher wurde ein Teil des Werkes schon vor Jahren unter staatliche Verwaltung gestellt, weshalb später Arcelor-Mittal die Anlagen nur gepachtet hatte. Nach verschiedenen Investitionen, vor allem durch Arcelor-Mittal, lägen die Emissionen heute auf einem geringen Niveau, berichtet das Unternehmen, was einige Umweltschützer jedoch nur auf die heruntergefahrene Produktion zurückführen. Der italienische Staat hat das Werk im Laufe der Jahre mit hohen Milliarden-Subventionen am Leben gehalten.
Die Gewerkschaften protestieren gegen die Überlassung des Unternehmens an einen Investor, den sie mit einem Finanzhai oder einer Heuschrecke gleichsetzen. Der Großteil der rund 8000 Mitarbeiter befindet sich heute in Kurzarbeit.
Elektrohochöfen sollen für Dekarbonisierung sorgen
Das Geld für die Investitionen will sich Flacks über Bankkredite besorgen; seinen Plan habe er mit der Boston Consulting Group ausgearbeitet. „5 Milliarden Euro sind im Vergleich zu den Gewinnen, die das Unternehmen erzielen kann, keine riesige Summe. Wir wollen die Stahlproduktion auf 4 Millionen Tonnen und dann in wenigen Jahren auf 6 Millionen steigern“, kündigte er an. Die Nähe zum Hafen von Taranto sei ein wichtiger strategischer Vorteil. Die Herstellungsprozesse will er von kohlebasierten Hochöfen auf Elektrostahl-Anlagen („DRI“) umstellen, was zur Dekarbonisierung beiträgt.
Das hatten auch die beiden anderen zuvor interessierten Unternehmen geplant, die dann aber von ihren Angeboten abrückten: Baku Steel aus Aserbaidschan hatte gefordert, dass ein Schiff für Flüssiggas im Hafen von Taranto permanent andocken solle, um die Gasversorgung zu sichern. Das wollte die Stadtverwaltung jedoch nicht erlauben. Jindal Steel aus Indien beschloss, sich auf die Verhandlungen zum Einstieg bei Thyssenkrupp in Deutschland zu konzentrieren.