Staatsunternehmen hinauf dem Vormarsch: Italiens Post übernimmt Telecom Italia

Vor langer Zeit ging man aufs Postamt, um zu telegraphieren und später auch zu telefonieren. Die Fernkommunikation galt wie die Briefzustellung als Staatsaufgabe und wurde unter den sogenannten „P.T.T.“-Monopolen zusammengefasst. In den achtziger und neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts jedoch trennte man die Dienstleistungen in den meisten europäischen Ländern und privatisierte zumindest den Telekom-Bereich.
Italien geht nun wieder in die entgegengesetzte Richtung. Die mehrheitlich staatlich kontrollierte Post hat am Sonntagabend ein Übernahmeangebot für Telecom Italia (TIM), den führenden Telekomkonzern des Landes, vorgelegt. Im vergangenen Jahr ist der börsennotierte Konzern Poste Italiane bereits mit 27 Prozent größter TIM-Aktionär geworden, nachdem das Unternehmen den französischen Medien- und Musikkonzern Vivendi ausgekauft hatte.
Doch nun will der italienische Post-Chef Matteo Del Fante 100 Prozent und TIM sogar von der Börse nehmen. Als integrierter Konzern „für Konnektivität, Finanz- und Versicherungsdienstleistungen sowie Logistik“ werde man „ein Wegbereiter für Italiens digitale Transformation“ mit Cloud-Angeboten, Cyber-Sicherheit und Künstlicher Intelligenz werden, sagte Del Fante, der die Post seit neun Jahren als Vorstandsvorsitzender anführt. Dabei betonte er besonders den Aspekt der nationalen Souveränität. Öffentliche Verwaltungen und auch private Unternehmen würden es immer mehr schätzen, wenn die digitale Transformation von Unternehmen vorangetrieben werde, auf die im Zweifel Verlass sei.
Italiens Post bietet bereits viele Dienstleistungen an
Die gemeinsame Gruppe soll nach der Übernahme mehr als 150.000 Mitarbeiter zählen und auf einen Umsatz von knapp 27 Milliarden Euro kommen. Der Gewinn vor Steuern und Zinsen wird auf 4,8 Milliarden Euro geschätzt. Die Übernahme, wenn sie zustande kommt, stelle „eine natürliche Entwicklung in der Strategie” dar, teilte die Post mit.
Wie anderswo auch schmolz in Italien der Briefverkehr zusammen, doch Poste Italiane ist besonders aggressiv in andere Bereich expandiert. So kann man in einem italienischen Postamt heute etwa Strom- und Gasverträge abschließen, Anträge auf Aufenthaltsgenehmigungen abgeben, Versicherungen und andere Finanzdienstleistungen erhalten sowie auch Mobilfunk-Kunde werden. Als ein Netzanbieter ohne eigenes Netz arbeitete die Post bisher mit Vodafone zusammen. Ende Februar stellte sie die Partnerschaft jedoch auf TIM um – ein Zeichen für den bevorstehenden Griff nach dem italienischen Telekomunternehmen.
Kurssturz nach Übernahmeofferte
Poste Italiane bietet rund 10,8 Milliarden Euro für TIM, davon 2,8 Milliarden Euro in bar, der Rest in eigenen Aktien. Die italienische Post gehört zu knapp zwei Dritteln dem Finanz- und Wirtschaftsministerium sowie der staatlichen Beteiligungsgesellschaft CDP. Gut ein Drittel wird an der Mailänder Börse gehandelt, wo die Anleger das Unternehmen mit rund 26 Milliarden Euro bewerten. Am Montag indes verkauften viele Aktionäre das Papier: Der Kurs sank nach Ankündigung der Übernahmeofferte zeitweise um mehr als neun Prozent.
Analysten der Bank Barclays bezeichneten das Angebot als nicht besonders „attraktiv“. Es enthält eine Prämie auf den jüngsten Aktienkurs von neun Prozent. Nach Ansicht der Barclays-Analysten müsste die Offerte eine möglicherweise bevorstehende Konsolidierung auf dem italienischen Telekommarkt höher bewerten. Dieser Markt ist seit langem durch eine große Zahl von Anbietern und harte Preiskämpfe gekennzeichnet. In der Zukunft könnte sich das ändern, womit die Unternehmen an Wert gewönnen, so die Analystenmeinung.
Privatisierung von Telecom Italia – eine Leidensgeschichte
Das Papier von TIM dagegen legte am Montag bis zum Nachmittag um sieben Prozent zu. Der Börsenwert des Telekomunternehmens hat sich in den vergangenen zwölf Monaten mehr als verdoppelt. Als ein wichtiger Grund gilt der Einstieg der Post, der für Stabilität im Aktionärskreis sorgte. Vor fast dreißig Jahren ist TIM privatisiert worden – im Zuge einer Transaktion, die als „Mutter aller Privatisierungen“ bezeichnet worden war. Doch es folgten Jahrzehnte von Wirrungen und Enttäuschungen, vor allem für die Kleinaktionäre. Immer wieder stiegen Investoren ein, die mit meist niedrigen zweistelligen Anteilen das Unternehmen beherrschen wollten, es mit Schulden überluden und den übrigen Anteilseignern nur Verluste bescherten.
Im Laufe der Jahre gaben sich Olivetti, Pirelli und Benetton (mit ihren jeweiligen Spitzenmanagern und Großaktionären) die Klinke in Hand. Aus dem Ausland waren die wichtigsten TIM-Anteilseigner der spanische Telefonica- und der französische Vivendi-Konzern. Doch niemand konnte TIM längere Zeit auf die Erfolgsspur bringen. Zurück blieb vor allem viel Fremdkapital, das durch die scharfe Konkurrenz auf dem italienischen Telekommarkt noch erhöht wurde.
Im Jahr 2024 entledigte sich TIM eines großen Teils seiner Schulden, indem das Unternehmen seine Festnetz-Infrastruktur an den amerikanischen Finanzinvestor KKR verkaufte – ein ungewöhnlicher Schritt in der Branche, denn damit stand TIM nur noch als reiner Dienstleister und deutlich geschrumpft dar. Die Grundlage für eine finanzielle Genesung war gelegt, doch Fragen nach der Eigenständigkeit stellten sich nun mit großer Dringlichkeit.
Eine offizielle Reaktion des TIM-Managements stand am Montagnachmittag noch aus. Das Unternehmen hatte eine außerordentliche Sitzung Verwaltungsratssitzung einberufen. Mit dem Griff der Post nach dem Telekom-Unternehmen bahnt sich eine wesentliche Ausbreitung des italienischen Staates auf diesem Markt an. Die italienische Regierung ist schon Aktionär in den beiden wesentlichen Infrastrukturunternehmen Italiens: Bei Open-Fiber als Mehrheitseigentümer und bei Fibercop als Minderheitsaktionär neben KKR. Es gilt als möglich, dass KKR in einigen Jahren nach Abschluss des Glasfaserausbaus seine Beteiligung an Fibercop verkauft. Damit würde sich abermals die Frage stellen, ob der Staat sein Engagement weiter ausbauen solle.
Poste Italiane erwartet nach Angaben seines Vorstandsvorsitzenden nicht, dass sich die EU-Kommission aus Wettbewerbsgründen mit dem Fall befassen werde. Das Unternehmen hofft bei der Zustimmung durch die TIM-Aktionäre, dass sich jährliche Synergien in Höhe von 700 Millionen Euro erzielen ließen, davon 500 Millionen Euro durch Kosteneinsparungen. TIM solle als Marke und das Unternehmen als eigenständige Einheit in dem Post-Konzern erhalten bleiben, heißt es.
Für Carlo Alberto Carnevale Maffè, Professor an der Wirtschaftsuniversität Bocconi in Mailand, hat der Vorstoß eine bittere und eine süße Seite, wie er in einem Radiointerview sagte: Es handele sich um eine Wiederverstaatlichung nach einer wenig erfolgreichen Privatisierung vor fast 30 Jahren, gleichzeitig werde diese jedoch von der Post vorangetrieben, die sich in den vergangenen Jahren als sehr dynamisch erwiesen haben. „Sie hat zum Beispiel für die Digitalisierung in Italien viel getan“, sagte Maffè, etwa durch ihre beliebten Zahlungsapps auf den Handys der Italiener. Die Telekom-Konkurrenten von TIM müssten sich nun indes warm anziehen, weil sie mit einem mächtigen staatlichen Konkurrenten konfrontiert seien, der über 13.000 Postämter seine Produkte absetzen könne, meint der Professor. Die Konsolidierung in der Telekombranche dürfte sich fortsetzen. In den vergangenen Jahren kam es schon zu den Zusammenschlüssen von Wind und 3 Italia zu Wind-Tre sowie von Vodafone Italia und Fastweb/Swisscom.