Staatsballett Berlin: Von Putins Gnaden

Als das Ballett „Nurejew“ 2017 seine Uraufführung mit dem Moskauer Bolschoi Ballett erlebte, stellte es sich dabei als in jeder Hinsicht großartiges Werk heraus: „Wer hätte das gedacht, dass ein Abend über einen unvergessenen Star ein unvergessliches Ballett sein würde, ein vergangenheitsbezogener Stoff das Genre in die Zukunft führen könnte“ (F.A.Z. vom 11. 12. 2017). In der Premiere war eine ganze Phalanx von Ministern und Funktionären anwesend. Auch der Choreograph Juri Possochow und der Komponist Ilja Demutsky befanden sich im Theater. Nur der Regisseur des Tanzdramas um einen der berühmtesten Tänzer aller Zeiten, der spektakulär aus der Sowjetunion floh, den Westen für das Ballett einnahm wie kaum jemand sonst und dann als Ballettdirektor der Pariser Oper furchtbarerweise an Aids starb, befand sich weder im Publikum noch backstage. Kirill Serebrennikow, der auch das Libretto zu „Nurejew“ geschrieben und das Bühnenbild der Produktion entworfen hatte, war damals seit Wochen zu Hausarrest verurteilt, ein politischer Gefangener Putins.
Beim Applaus verbeugten sich der Choreograph Juri Possochow und der Komponist Ilja Demutsky auf der Bolschoi-Bühne mit T-Shirts, auf denen das Gesicht Serebrennikows zu sehen war und die Worte „Freiheit für den Regisseur“ standen. Das Ballett durfte in Moskau seit 2022 nach der Verschärfung der sogenannten Homosexuellen-Gesetze nicht mehr aufgeführt werden – es enthielt Passagen, in denen Männerliebe thematisiert wurde, denn Nurejew war homosexuell. Im November/Dezember 2022 wurde es aber in Russland verboten, positive Darstellungen schwuler oder lesbischer Beziehungen zu zeigen.
Es wäre die „Nurejew“-Premiere im Westen
Nun soll das Handlungsballett erstmals im Westen gezeigt werden: Das Staatsballett Berlin unter Leitung von Christian Spuck wird es im März tanzen. Der Tänzer Charles Jude wird darin mit einem Satz über Nurejew zitiert: „You hated the system, but you loved Russia.“ Bleiben oder gehen ist die Frage, die sich Künstler stellen. Nurejew ist geflüchtet. Serebrennikow lebt seit Langem in Berlin. Possochow ist zwar Hauschoreograph am San Francisco Ballet, kehrte aber auch nach dem 24. Februar 2022, dem Tag des Überfalls, immer wieder nach Russland zurück, um dort zu arbeiten. Geboren wurde er im ukrainischen Lugansk (ukrainisch Luhansk, bereits vor 2022 russisch besetztes Gebiet), das liegt 150 Kilometer von Donezk entfernt und 300 Kilometer von Charkiw.
Possochow war Tänzer am Bolschoi, beim Royal Ballet in Kopenhagen und von 1994 bis 2006 am San Francisco Ballet. Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine hat er nicht aufgehört, in Moskau und Sankt Petersburg zu arbeiten. Am Stanislawski Theater beging er 2023 die Premiere seines „Nussknacker“-Balletts. Für das Mariinsky Theater in Sankt Petersburg inszenierte er 2023 „Blaubart“, dort wird außerdem sein „Wunderbarer Mandarin“ gespielt. Am Bolschoi Ballett feierte er 2024 die Premiere seines Balletts „The Queen of Spades“. Die Spielzeit 2025/2026 wurde dort mit seinem Ballett „Reflections“ eröffnet. Das wirft die Frage auf, was sich der Intendant eines deutschen Staatsballetts dabei denkt, mit Steuergeldern einen Mann zu finanzieren, der in Russland weiterhin das kulturelle Aushängeschild vermeintlicher Normalität spielt und sich von Putins Kulturfunktionären bezahlen lässt.
Deutschlands Haltung in diesem Konflikt lässt nichts zu wünschen übrig, einschließlich finanzieller Unterstützung. Christian Spuck aber erklärt auf schriftliche Fragen dieser Zeitung: „Ich lade Künstler*innen aufgrund ihrer künstlerischen Qualität und Integrität ein – nicht aufgrund der Regierung ihres Herkunfts- oder Arbeitslandes.“ Um Himmels willen, was für eine Wortverdrehung der Tatsachen. Es geht darum, dass der von ihm eingeladene Choreograph noch immer regelmäßig an den Häusern arbeitet, deren Führung Putin ausgetauscht und so auf Linie gebracht hat. Possochow stützt freiwillig das Regime eines Aggressors. Spuck hingegen – „ich verurteile diesen Angriffskrieg klar“ – benutzt seine Freiheit als Chef – „als Intendant des Staatsballetts bin ich autorisiert“ –, um Possochow zu bezahlen, der seinerseits „für politische Fragen nicht zur Verfügung steht“, wie die Pressesprecherin des Staatsballetts auf Anfrage mitteilt. Das dürfte heißen, er möchte sich von gar nichts distanzieren.
Source: faz.net