Sprache war ihm welcher Urstoff die Gesamtheit Humanen

Dabei und dagegen: Jürgen Habermas war in leidenschaftlicher Zugehörigkeit wie in hartem Widerspruch der Meisterdenker der Bundesrepublik. Die Nation hatte er nicht auf der Agenda. Jetzt ist der Philosoph im Alter von 96 Jahren gestorben.

Man muss sich, wenn man ermessen will, was Jürgen Habermas für Deutschland und die Deutschen bedeutete, eine Szene aus dem Anfang unseres Jahrhunderts ins Gedächtnis rufen. Im Oktober 2001, wenige Wochen nach den Anschlägen von New York und Washington, nahm der Philosoph in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des deutschen Buchhandels entgegen.

Seine Dankesrede, der er den Titel „Glauben und Wissen“ gegeben hatte, begann er mit der beschwichtigenden und Erwartungen an brisanten Debattenstoff dämpfenden Ankündigung, er wolle an diesem Sonntagmorgen keine Rede halten, „die polarisiert, die die einen aufspringen und die anderen sitzenbleiben lässt“. Als der Preisträger geendet hatte, hielt es keinen auf seinem Sitz. Stehend spendete das Festpublikum Applaus. Vielleicht versenkte es im Beifallssturm auch seine Irritation. Denn Habermas hatte alles andere als das Erwartbare gesagt.

Lesen Sie auch

In der Beziehung zwischen Glauben und Wissen sind nicht nur Ströme von Tinte, sondern auch Ströme von Blut vergossen worden. Man hatte bisher, zugegebenermaßen grob vereinfacht, annehmen dürfen, dass Habermas es als Kern des europäischen Zivilisationsprojektes betrachtet, die Religion an die Kette der säkularen Vernunft gelegt zu haben.

Er vertrat immer wieder die Position, dass in einem liberalen Staat religiöse Partikularüberzeugungen nur insoweit Geltung beanspruchen könnten, als sie „für alle“ verständlich seien. Moderne Glaubensgemeinschaften müssten einen Prozess der Selbstreflexion und Selbstbeschränkung hinter sich gebracht haben, wenn sie ihren Platz in einem „von Profanwissen begrenzten und mit anderen Religionen geteilten Diskursuniversum“ finden wollten.

In Frankfurt nun, unter dem frischen Eindruck des „verblendeten Attentats“, das „im Innersten der säkularen Gesellschaft eine religiöse Saite in Schwingung“ versetze, machte er ein Fenster auf im vernunftregierten Diskursuniversum. Bisher, sagte er, sei den Gläubigen zugemutet worden, religiöse Aussagen in säkulare Sprache zu übersetzen, wenn sie allgemeine Geltung beanspruchen wollten.

Glauben und Vernunft

Es gebe aber „moralische Empfindungen“, die „bisher nur in religiöser Sprache einen hinreichend differenzierten Resonanzraum besitzen“, aber gleichwohl „allgemeine Resonanz finden, sobald sich für ein fast schon Vergessenes, aber implizit Vermisstes eine rettende Formulierung einstellt“. Säkulares und religiöses Sprechen, Glaube und Vernunft bleiben also aufeinander angewiesen. Eine Vernunft, die den Eigensinn des Religiösen eliminieren will, gehört zur dunklen Nachtseite der Moderne.

Lesen Sie auch

Ein Jahr nach der Friedenspreis-Rede kamen in der Katholischen Akademie Bayern Vernunft und Glaube zu einem Gipfeltreffen zusammen. Jürgen Habermas und Joseph Kardinal Ratzinger, damals Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation, bestätigten einander, dass Vernunft und Glaube aufeinander bezogen bleiben müssten, wenn sie ihre jeweiligen Pathologien überwinden wollten. Habermas nannte das einen „unabschließbaren komplementären Lernprozess“.

Lesen Sie auch

Warum so viel von Religion reden, wenn es darum geht, den Theoretiker des kommunikativen Handelns und der Diskursethik zu würdigen? Habermas ist ja auf seine alten Tage kaum gläubig geworden, jedenfalls nicht im landläufigen Sinne. Aber muss man nicht in der wunderbaren Idee, für verschüttete, vergessene Dinge müsse sich eine „rettende Formulierung“ erst „einstellen“, nicht als einen deutlichen Hinweis darauf verstehen, dass für Habermas die Sprache, der Urstoff aller Vernunft, aller Kommunikation, ja alles Humanen, ein quasi religiöses Material ist, dem man das Magische nicht einfach austreiben kann?

Das bedeutet nicht, dass Habermas je ein Magier der Sprache gewesen wäre, in dem Sinne, dass er durch stilistische Eleganz, Farbigkeit des Ausdrucks oder Musikalität des Satzbaus mit ihrer Verführungskraft gespielt hätte. Seine wissenschaftlichen Werke, allen voran die „Theorie des kommunikativen Handelns“ von 1981, bieten in ihrer Sprödigkeit und Strenge des Theoriegetürms alles andere als süffige Lektüre.

In Bezug auf den „Strukturwandel der Öffentlichkeit“, jene Schrift, mit der er sich 1961 bei Wolfgang Abendroth in Marburg habilitierte, muss man dieses Verdikt allerdings relativieren. Dieses Buch über die Selbstkonstitution des Bürgertums im Medium eines literarischen und publizistischen Marktes ist sicher sein Anschaulichstes.

Die Sprache hat er sich erkämpft

Kein Magier der Sprache also, aber einer, der sich mit Inbrunst dem Exerzitium des Sprechens widmete, das war Habermas, der die mündliche Artikulation zeitlebens trotzig gegen seine Behinderung behaupten musste. Er hat erst in seinen späten Jahren darüber gesprochen, was die angeborene Gaumenspalte für ihn bedeutete, wie sehr sie ihn sensibel machte für Erfahrungen der Ausgrenzung und wie sehr das Sprechen in der Selbstbehauptung das Rettende überhaupt war.

Wem das Theorem des „kommunikativen Handelns“ zu blutleer erscheint, wer darin Taten und Tätlichkeiten vermisst, der sollte sich vergegenwärtigen, dass für Habermas das Sprechen auch etwas körperlich Erkämpftes war. Und der soziale Anschluss, den es bedeutet, nichts Selbstverständliches.

Lesen Sie auch

Habermas wuchs in Gummersbach auf, in einem Milieu in der Übergangszone zwischen Klein- und Bildungsbürgertum. Sein Vater war Syndikus der örtlichen Industrie- und Handelskammer. Die Mutter kam aus bäuerlichen Verhältnissen. In diesen Kreisen passte man sich den Verhältnissen unter den Bedingungen der NS-Diktatur an. Habermas war Mitglied der „Pimpfe“, der Kinderorganisation also, die der eigentlichen HJ vorgeschaltet war. Er brachte es dort zum „Feldscher“, der andere Jungen in Erster Hilfe anleitete.

Daran knüpfte sich vor einigen Jahren eine bizarre Kampagne, in der Habermas als glühender Jungnazi angeprangert wurde. Der durchsichtige Versuch, ihn vom Sockel seiner Diskurshoheit zu stoßen, brach in sich zusammen. Habermas’ Schulfreund Hans-Ulrich Wehler stellte die Fakten klar, womit der Spuk schnell ein Ende hatte. Habermas selbst erinnerte daran, dass er in Habitus und Erscheinung kaum dem Ideal eines nationalsozialistischen Jugendführers entsprach und bezeichnete sich als ein „Kind der Reeducation“.

Heideggers Mangel an Selbstkritik

Nach einem erstaunlich breit gefächerten Studium in Göttingen, Zürich und Bonn wurde Habermas 1954 mit einer philosophischen Arbeit über Schelling promoviert. Im selben Jahr trat er erstmals als temperamentvoller Publizist hervor. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlichte er einen Artikel, in dem er Martin Heidegger für seinen Mangel an Selbstkritik im Blick auf seine Rolle im Dritten Reich scharf kritisierte. Er hielt diese Doppelrolle als Wissenschaftler und streitbarer, reaktionsschneller Publizist sein Leben lang durch. Er war auf der akademischen Lehrkanzel ebenso zuhause wie im politischen Feuilleton.

Daran, dass er auf beiden Feldern immer zu den Häuptlingen und nie zu den Indianern gehören wollte, ließ er keinen Zweifel. Am Frankfurter Institut für Sozialforschung Max Horkheimers und Theodor Adornos wurde er zum Jungstar der „Frankfurter Schule“, löste sich aber aus deren Dunstkreis, als er zum Habilitieren nach Marburg zu Abendroth ging, einem Sozialhistoriker alter linker Schule. Als ordentlicher Professor für Philosophie kehrte er 1964 nach Frankfurt zurück.

Die Siebzigerjahre verbrachte er wissenschaftlich als Direktor am Max-Planck-Institut zur Erforschung der wissenschaftlich-technischen Welt in Starnberg, eine Erfahrung, in der für ihn manche wissenschaftspolitische Illusion platze. Von 1983 bis zu seiner Emeritierung 1994 lehrte er wieder Philosophie in Frankfurt.

Lesen Sie auch

Das wissenschaftliche Werk wuchs in diesen Jahrzehnten gewaltig. Neben den schon genannten Hauptwerken seien genannt „Technik und Wissenschaft als Ideologie“, „Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus“, „Faktizität und Geltung“ – alles gewichtig, gewaltig und außerhalb der Fachöffentlichkeit kaum gelesen. Doch die Dickschiffe seiner Theorie waren immer begleitet von Debattenbeiträgen, Reden, Kritiken, Interviews, Stichworten zur Zeitdiagnose. Damit schrieb er sich ins kollektive Bewusstsein der Deutschen ein.

Nicht immer traf er den richtigen Punkt und den richtigen Ton. Der „linke Faschismus“, den er 1967 Rudi Dutschke und seinen Gesinnungsgenossen wegen ihres ungeklärten Verhältnisses zur Gewalt vorwarf, kam ihm selbst im Nachhinein überzogen vor. Von der linksliberalen Staatsanwaltsrolle, die er mit verbissener Härte im Historikerstreit der Achtzigerjahre spielte, hat er sich nicht distanziert.

Dass er in den Neunzigerjahren bei seiner Kritik am Wiedervereinigungsprozess demokratische Aufklärung zuweilen in die kleine Münze eines spezifisch westdeutsch gefärbten Ressentiments gegen die Einheit wechselte, mag er gemerkt haben. In diesen Jahren jedenfalls drohte Habermas vom Zentrum des Diskursfeldes an dessen Rand zu geraten. Die Nation hatte er nicht auf der Agenda.

Kein Trost, nirgends

Seine Warnungen vor dem Nationalismus wären heute, wo das von Habermas mit Emphase propagierte Projekt Europa bedroht ist, berechtigter als vor 25 Jahren. In Europa hatte er nach den Anschlägen des 11. September mehr und mehr jenen geografischen und historischen Boden erkannt, auf dem der Universalismus konkrete Gestalt annehmen könnte.

Europa ist nicht die Welt, aber es könnte ein Versuchsfeld sein für den „Ewigen Frieden“, für jene kosmopolitische Verfassung, die schon Immanuel Kant in Königsberg imaginierte. Für Habermas war Europa bis zum Schluss ein Kontinent der Hoffnung, wie sehr auch immer sich der europäische Himmel verdüstert.

Es ist ihm nicht erspart geblieben, zu erleben, dass das europäische Friedensprojekt, ja dass die politische Zivilisation Europas durch Russlands Überfall auf die Ukraine in brutaler Weise bedroht und infrage gestellt wird. Er rief zu „Verhandlungen“ auf, weil ein dritter Weltkrieg drohe. Er blieb seiner Grundhaltung treu und wirkte damit entrückt. Kein Trost, nirgends. Die habermassche Bundesrepublik findet sich in einer Welt der Kriegsunternehmer und Landsknechte wieder, in einer Welt lange vor dem Westfälischen Frieden. Jetzt ist Jürgen Habermas gestorben. Er wurde 96 Jahre alt.

Source: welt.de