Spotify und Co.: Die Überschwemmung jener Streamingdienste
In den Diskussionen rund um das Musikstreaming wird gerne mit allerlei Zahlen hantiert. Ohne Kontext sind manche mindestens irreführend, zum Beispiel Pro-Stream-Raten, die Dienste für einen Abruf vermeintlich ausschütten.
Doch es gibt auch solche, die keine Einordnung brauchen, wie sie in der komplexen Streaming-Welt ansonsten oft angebracht sind. Dazu zählt unter anderem die Zahl der Songs, die auf den diversen Plattformen zu finden sind. Rund 253 Millionen waren es Ende des vergangenen Jahres. Diese Zahl stammt aus der alljährlichen Auswertung des US-Unternehmens Luminate , das nicht zuletzt die bekannten Billboard-Charts berechnet.
Genau genommen waren es gut 253 Millionen „International Standard Recording Code“ (ISRC). Jede Aufnahme erhält einen gesonderten ISRC, um sie zweifelsfrei identifizieren zu können. Ein Song kann daher viele ISRCs haben, da jede Aufnahme – ob im Studio, live eingespielt, Cover oder ein Remix – eigens vermerkt wird.
Woher kommt diese Masse an Songs?
In jedem Fall ist es eine beachtliche Summe – und sie wächst über die Jahre immer weiter. Zum Jahresende 2024 zählte Luminate noch 202 Millionen Tracks. Im Schnitt kamen im vergangenen Jahr täglich 106.000 Lieder neu hinzu.
Der Upload selbst ist kinderleicht, es braucht nur einen der diversen Digitalvertriebe, über die sich gegen eine geringe Gebühr Werke auf alle gängigen Plattformen hochladen lassen.
Über die Vertriebe der drei „Majors“ genannten Musikkonzerne Universal, Sony und Warner Music wurden übrigens gerade einmal 3,8 Prozent der täglich neuen Songs veröffentlicht. Im Jahr zuvor hatte dieser Wert noch bei 8 Prozent gelegen. 96,2 Prozent gelangten über Indie-Vertriebe und gerade auch DIY-Dienste auf die Plattformen.
120,5 Millionen Tracks mit maximal 10 Streams
Die Veröffentlichung ist natürlich nur der erste Schritt. Einer, der heutzutage viel einfacher ist als noch zu Hochzeiten der CD. Und mit dem Upload auf Spotify und Co. haben obendrein Abermillionen an Nutzern Zugriff auf die Songs.
Ob – und wenn ja, wie oft – sie gehört werden, ist aber eine ganz andere Frage.
Tatsächlich kamen 120,5 Millionen Tracks laut Luminate im vergangenen Jahr auf maximal 10 Streams. Ein guter Teil davon, dürfte überhaupt nicht gehört worden sein. Weit mehr als die Hälfte bleibt unter 1000 Streams im Jahr.
Eine Marke, die besonders genau beobachtet wird: Denn seit dem Frühjahr 2024 muss ein Song auf der Plattform von Marktführer Spotify innerhalb von 12 Monaten mindestens diese Zahl an Streams aufweisen, damit für ihn Tantiemen ausgezahlt werden.
Tausende komplett KI-generierte Songs am Tag
99,5 Prozent der Streams fielen auf Songs ab, die mindestens auf 1000 Abrufe erreichten, hieß es von Spotify schon Ende 2023 zu der durchaus umstrittenen Neuerung. Pro Song gehe es bloß um wenige Cents. Die Gesamtsumme werde auf jene über der Grenze umverteilt würden.
Jeder Dienst zahlt generell rund zwei Drittel seines Umsatzes mit Musik an die Rechteinhaber der Werke aus. Auch auf Amazon Music gibt es seit einiger Zeit eine Mindestgrenze für die Auszahlung.
Der kleine französische Dienst Deezer arbeitet mit einem System, in dem Songs in der Abrechnung besser gestellt, sobald sie Schwellen überschreiten. Das geschieht auch, wenn ein Song vom Nutzer aktiv ausgewählt wurde, anstatt vom Algorithmus vorgeschlagen.
Luminate schlüsselt die Daten nicht für einzelne Streamingdienste auf. So kann auch die Zahl der Uploads je nach Dienst auch höher ausfallen. Deezer beispielsweise berichtete im November, dass täglich mehr als 50.000 komplett KI-generierte Werke auf seine Plattform hochgeladen würden.
Diese stünden für rund 34 Prozent der Gesamtuploads. Im Januar 2025 hatte Deezer noch von etwa 10.000 KI-Songs gesprochen, die ungefähr 10 Prozent ausgemacht hätten.
Die Flut an KI-Songs und eine mögliche Verwässerung des Tantiemenpools sind ein großes Thema in der Musikbranche. Noch aber spielen sie im Gesamtkontext finanziell kaum eine Rolle, wie die Deezer-Daten naheliegen.
So fallen nur circa 0,5 Prozent der Gesamstreams auf komplett KI-generierte Werke ab. Im Fall von rund 70 Prozent davon sollen zudem Betrugsmuster auffallen, das bedeutet, sie werden für die Ausschüttung von Tantiemen nicht berücksichtigt.
Spotify entfernt 75 Millionen Songs
Auch kommt es immer wieder vor, dass Dienste Songs löschen. Hier geht es nicht nur, aber eben auch um KI-generierte, die Urheber- oder Persönlichkeitsrechte verletzen.
Andere bekannte Muster sind beispielsweise massenhaft hochgeladene 31-Sekunden-Schnippsel, mit dem Ziel die Vergütungsregeln auszunutzen: Wird ein Song länger als 30 Sekunden gehört, zählt ein Stream in der Abrechnung.
Ende September erklärte Spotify, alleine in den vergangenen 12 Monaten mehr als 75 Millionen als Spam kategorisierte Songs entfernt zu haben.
Der Umgang mit KI-Songs treibt die Branche um
Die Masse an Songs auf den Diensten dürfte auch dieses Jahr weiter zunehmen. Zumindest sofern nicht grundlegende Änderungen am gegenwärtigen System vorgenommen werden. Der Umgang mit komplett KI-generierten Songs jedenfalls wird schon jetzt rege diskutiert.
Eine Begrenzung der Upload-Möglichkeiten auf Spotify und Co wäre theoretisch ebenso ein denkbarer Schritt wie die Löschung von Songs, die eine Mindestmenge an Streams nicht erreichen. Auch das permanente Verfügbarhalten der Abermillionen Werke ist für die Dienste schließlich ein Kostenfaktor.
Auch die Grenzen, um Ausschüttungen zu erhalten, könnten steigen. Sony Music-Digitalchef, Dennis Kooker, sagte schon im April 2024 im Gespräch mit der F.A.Z., die Grenze auf Spotify sei „noch sehr niedrig angelegt“ beziehungsweise nicht hoch genug, „damit das umverteilte Geld für die darüber liegenden Artists zu einer nennenswerten Verbesserung führt“.