Spektakulärer Schatzfund: Das goldene Herz Heinrichs VIII. kommt ins British Museum
Vergleicht man die Anschaffung eines Metallsuchgeräts mit dem Kauf eines Lottoscheins, hat Charlie Clarke am Freitag, dem 13. Dezember 2019, das große Los gezogen. Am jenem unwirtlichen Tag wollte der Café-Besitzer aus Birmingham, der erst sechs Monate zuvor unter die Detektoristen gegangen war, seine Suche schon beenden, als das Gerät wie wild zu piepsen begann. Er grub bis zum Ellenbogen und schrie nach eigener Aussage wie ein Mädchen auf, als er ein goldglänzendes Schmuckstück aus dem schlammigen Boden von Shakespeares Grafschaft Warwickshire zog. Zunächst hielt der Finder das mit den Initialen H und K verzierte Herzmedaillon, das mit einer emaillierten Faust an einer Kette befestigt ist, für Kostümschmuck, doch das Gewicht machte ihn stutzig: 350 Gramm 24-karätigen Goldes, wie sich herausstellen sollte.
Ein Schwur ewiger Treue zu Katharina von Aragon
Nach eingehenden, durch die Corona-Pandemie verzögerten Untersuchungen des British Museum wurde das spektakuläre Stück 2023 der Öffentlichkeit als eines der wichtigsten, seltensten und aufschlussreichsten Objekte aus der Zeit Heinrichs VIII. vorgestellt, genauer gesagt aus dessen kurzer, 1533 dramatisch geschiedener Ehe von seiner ersten Frau Katharina von Aragon. An vergleichbaren Zeugnissen dieser frühen Herrschaftsjahre waren bislang nur Gemälde, wie die Hans Holbeins, und Dokumente überliefert.
Jetzt ist es dem British Museum dank einer groß angelegten Spendenaktion gelungen, das mit 3,5 Millionen Pfund bewertete Juwel zu sichern. Finanzielle Zuwendungen kamen nicht nur aus britischen Einrichtungen zum Schutz des Kulturerbes wie dem National Heritage Memorial Fund oder dem Art Fund und von der Julia-Rausing-Stiftung, sondern auch von mehr als 45.000 Privatpersonen – ein Zeichen für die Einzigartigkeit des Schmuckstücks ebenso wie die verbreitete Faszination für die Tudors. Gemäß dem Gesetz zur Regelung von Schatzfunden teilen sich Clarke und der Besitzer des Grundstücks, auf dem er fündig wurde, den Erlös.

Wie der Goldschmuck in dem Feld in Warwickshire gelandet ist, bleibt ebenso rätselhaft wie die Frage, wie lange es dort vergraben lag. Womöglich wollte der einstige Besitzer in der heiklen politischen Lage nach der Scheidung Heinrichs VIII., die zum Bruch mit Rom führte, das Zeichen der Treue gegenüber der katholischen Katharina verstecken. Der Gegenstand selbst gibt Aufschluss über Politik, höfische Kultur und Kunsthandwerk im ersten Abschnitt der Herrschaft Heinrichs VIII. Die Verwendung von schwarzem Kobalt für die emaillierte Inschrift „TOVS + IOURS“ („immer“ auf Französisch oder „immer dein“ auf Frenglisch) unter dem Zweig, aus dem die verschlungenen Embleme Heinrichs (die Tudor-Rose) und Katharinas (der Granatapfel) auf der Vorderseite wachsen, deuten auf eine Herstellung vor 1530. Faszinierend ist auch die Herkunft der aus dem Himmel erscheinenden Hand, die durch das Firmenemblem von Johann Froben, dem Basler Drucker von Erasmus von Rotterdam und Thomas Morus, Verbreitung fand.
Der Schmuck könnte 1518 anlässlich der Verlobung Marias, der damals zweijährigen Tochter Heinrichs und Katharinas, mit dem französischen Dauphin gefertigt worden sein, wohl für einen Baron oder Ritter. Wahrscheinlich war es ursprünglich dazu bestimmt, nach den Festivitäten eingeschmolzen zu werden. Das Verlöbnis fand im Rahmen des Vertrags von London statt, mit dem die europäischen Großmächte sich angesichts der türkischen Bedrohung verbündeten. Der Ewigkeitsschwur auf dem Geschmeide wurde weder in der Liebe noch in der Diplomatie eingehalten. Doch auf „immer“ soll das beredte Zeugnis der Geschichte nun vom British Museum bewahrt werden.
Source: faz.net