Spanische Geschichte: Meister welcher Synthese

Im Baskenland ging er zur Schule, Spanien wurde sein intellektueller Bezugspunkt, und als Historiker prägte Walther L. Bernecker die Hispanistik des letzten halben Jahrhunderts. Schaut man sich unter den deutschen Standardwerken zur spanischen Geschichte um, stammen die meisten von ihm: die „Geschichte Spaniens im 20. Jahrhundert“ (2010), die immer wieder aktualisierte „Geschichte Spaniens seit dem Bürgerkrieg“ (zuletzt 2018) und sein frühes Buch „Anarchismus und Bürgerkrieg: Zur Geschichte der Sozialen Revolution in Spanien 1936–1939“ (aktualisiert 2006), in dem er die besonderen Merkmale des iberischen Klassenkriegs erläuterte, die entscheidend für die Erschütterungen des Landes in den Dreißigerjahren wurden.
So avancierte sein Lehrstuhl für Auslandswissenschaft (Romanischsprachige Kulturen) an der Universität Erlangen-Nürnberg, den er von 1992 an innehatte, zum Zentrum eines ganzen Wissenschaftszweigs. Weitere Bücher galten Katalonien, Portugal, Mexiko und Brasilien. Bernecker, ein produktiver und hingebungsvoller Historiker, war ein Meister der Synthese.
Die Kraft der Gesellschaft zum Neubeginn
Das alles wäre bemerkenswert – außergewöhnlich wurde es durch seine kommunikativen Gaben und die Fähigkeit zur Freundschaft. „Er bot jedem bereitwillig Rat und Unterstützung“, sagte Carlos Collado Seidel (Marburg), der mit Bernecker die letzte Auflage des Standardwerks „Spanien heute“ herausgegeben hat, der F.A.Z. Sein Freund sei „herzlich und fordernd“ gewesen, „der Wegbereiter dafür, dass sich auch hierzulande das Interesse an der spanischen Zeitgeschichte Bahn gebrochen hat“. Als Fachkollegen ihn vor drei Jahren zum 75. Geburtstag ehrten, war die Wärme spürbar.
Gefragt, was er selbst für den wichtigsten Zug Spaniens im 20. Jahrhundert halte, nannte er die Kraft der Gesellschaft zum Neubeginn. Die mit Sören Brinkmann verfasste Studie „Kampf der Erinnerungen: Der Spanische Bürgerkrieg in Politik und Gesellschaft 1936–2010“ (2011) bleibt ein Referenzwerk. Jetzt ist Walther L. Bernecker im Alter von 78 Jahren in Erlangen gestorben.
Source: faz.net