Soziologe oben Kriegslust: „Stärkster Prädiktor pro Kriegsbefürwortung sind gewaltbezogene Männlichkeitsnormen“

Herr Yendell, in Ihrer Studie untersuchen Sie, welche psychologischen Faktoren dazu beitragen, dass Menschen Kriege befürworten. Gewalttätige Männlichkeitsbilder sind dabei der größte Faktor. Sofort denkt man an Trump und Putin.

Trump und Putin sind sehr gute Beispiele dafür, dass sich vieles von dem, was in unserer Studie steht, bei ihnen wiederfinden lässt – aber auch Trumps Vizepräsident J. D. Vance passt in diese Reihe.

Meinen Sie damit Persönlichkeitsmerkmale wie die Dunkle Triade?

Wir haben in unserer in Großbritannien durchgeführten Studie mit mehr als 1000 Teilnehmern Narzissmus, Psychopathie und Machiavellismus abgefragt, also die Dunkle Triade – und zusätzlich Sadismus. Von diesen Faktoren spielte vor allem Sadismus eine Rolle, also die Neigung, andere Menschen zu demütigen oder sogar Freude daran zu empfinden, anderen Schaden zuzufügen. Eine kleinere Rolle spielte auch Psychopathie, also emotionale Kälte und geringe Empathie. Noch wichtiger waren allerdings zwei andere Faktoren. Der stärkste Prädiktor für Kriegsbefürwortung waren gewaltbezogene Männlichkeitsnormen. Dahinter steht die Vorstellung, dass ein „richtiger Mann“ Stärke durch Härte, Dominanz und notfalls Gewalt zeigen muss. Danach folgt autoritäre Unterwerfung, die Bereitschaft, sich starken Führern unterzuordnen.

Stichwort autoritäre Führung: Trump inszeniert sich in seinem inoffiziellen Regierungssitz Mar-a-Lago gern als „Feldherr“ in der Kommandozentrale. Wie wirken solche Bilder auf die politische Öffentlichkeit?

Die Reaktionen darauf sind stark polarisiert. Gegner seiner Politik empfinden solche Inszenierungen oft als martialisch oder autoritär. Für viele seiner Anhänger wirken sie dagegen attraktiv, weil sie Stärke, Dominanz und Führungsfähigkeit symbolisieren. Gerade bei Menschen mit autoritären Denkmustern sehen wir eine starke Orientierung an dominanten Führungsfiguren. Die eigene Unsicherheit wird dann stabilisiert, indem man sich mit einer scheinbar starken Person identifiziert und ihr folgt. Hinzu kommt, dass militärische Macht in solchen Darstellungen stark ästhetisiert wird. Der „Feldherr in der Kommandozentrale“ vermittelt Kontrolle, Strategie und Überlegenheit, während die tatsächlichen Folgen von Krieg – zerstörte Städte, tote und verletzte Menschen – ausgeblendet bleiben. Dadurch kann militärische Gewalt leichter als legitimes oder notwendiges Mittel erscheinen.

Sie haben J. D. Vance erwähnt. Was macht ihn für Sie in diesem Zusammenhang besonders interessant?

Es gibt ein sehr eindrückliches Fernsehinterview mit J. D. Vance, in dem er über Missbrauchserfahrungen in seiner Kindheit spricht. Solche biographischen Erfahrungen sind sensibel, und man muss mit psychologischen Deutungen vorsichtig sein. Aus der Forschung wissen wir aber, dass frühe Traumatisierungen unter ungünstigen Bedingungen zur Ausbildung bestimmter Persönlichkeitsmuster beitragen können. Problematisch wird es vor allem dann, wenn sich daraus Muster wie narzisstische Kränkungsanfälligkeit, paranoide Feindwahrnehmungen, emotionale Abspaltung im Sinne eher schizoider Muster oder auch antisoziale Tendenzen entwickeln. Solche Persönlichkeitsmerkmale stehen wiederum häufiger mit autoritären politischen Einstellungen und der Legitimation von Gewalt in Zusammenhang.

Sie beschreiben Externalisierung als einen wichtigen psychologischen Mechanismus. Was passiert dabei?

Innere Unsicherheit oder Verletzlichkeit werden nach außen projiziert und als Bedrohung durch andere wahrgenommen. In Biographien extremistischer Gewalttäter finden sich solche belasteten Hintergründe relativ häufig. In einer anderen Studie haben wir untersucht, welche Rolle Erziehungserfahrungen bei der Entwicklung solcher Persönlichkeitsmerkmale spielen. Dabei haben wir Jugendliche gefragt, wie sie das Erziehungsverhalten ihrer Eltern erinnern. Es zeigt sich, dass negative Erziehungserfahrungen wie Ablehnung, harte Strafen oder starke Kontrolle mit der Entwicklung sogenannter dunkler Persönlichkeitsmerkmale zusammenhängen, also Machiavellismus, Narzissmus und Psychopathie. Diese Persönlichkeitsmerkmale wiederum erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass Jugendliche Gewalt befürworten. Besonders interessant ist, dass emotionale Wärme des Vaters hier teilweise als Schutzfaktor wirkt.

Alexander Yendell
Alexander Yendellprivat

Und die Mütter?

Bei den Müttern zeigte sich ein anderes Muster. In unserer Analyse waren die Effekte des mütterlichen Erziehungsverhaltens sogar stärker. Besonders Kontrolle, Überbehütung und auch ablehnende oder strafende Erziehungspraktiken standen mit der Entwicklung solcher Persönlichkeitsmerkmale in Zusammenhang, die mit Gewaltbefürwortung verbunden sind.

Wenn bestimmte Persönlichkeitsmuster aus frühen Erfahrungen entstehen: Werden Kriege auch aus einer Art verletzter oder verunsicherter Männlichkeit heraus unterstützt?

Die Ergebnisse unserer Studie geben Hinweise darauf, dass auch verunsicherte Formen von Männlichkeit eine Rolle spielen können. Besonders Männlichkeitsvorstellungen, die stark mit Härte, Dominanz und Gewalt verbunden sind, hängen mit der Unterstützung von Krieg zusammen. Gewalt kann dabei eine Möglichkeit sein, Unsicherheit zu überdecken und Stärke zu demonstrieren. Interessant ist, dass dieser Zusammenhang bestätigt, was Klaus Theweleit schon vor rund fünfzig Jahren beschrieben hat. In „Männerphantasien“ argumentiert er, dass militarisierte Männlichkeit häufig eine Abwehr von Verletzlichkeit ist. Bedrohlich wirkt dabei das, was kulturell mit dem Weiblichen verbunden wird – etwa Emotionalität oder Ambivalenz –, weil manche Männer darin eine Gefahr für ihre eigene Kontrolle erleben. Gewalt und militärische Härte können dann zu einer Art psychischem Schutzpanzer werden.

Das Thema Männlichkeit spielt in rechtsextremen Milieus hierzulande, etwa bei der AfD, eine wichtige Rolle.

Die rechten Akteure haben dieses Thema strategisch besetzt. Denken Sie an Influencer wie Andrew Tate oder Maximilian Krah von der AfD, die gezielt junge Männer ansprechen und sagen: Echte Männer sind rechts und Patrioten. Das Gefährliche ist, dass viele junge Männer auf der Suche nach einer männlichen Identität sind und Schwierigkeiten haben, eine Form von Männlichkeit zu entwickeln, die emotional reif ist. Diese Akteure geben ihnen das Gefühl, dass da jemand ist, der sich wirklich um sie kümmert.

Wie bewerten Sie die Art und Weise, wie wir über Männlichkeit diskutieren? Sind Begriffe wie toxische Männlichkeit nicht kontraproduktiv, weil sich dadurch viele Männer unter Generalverdacht fühlen?

Der Begriff hat schon eine gewisse Berechtigung, weil er auf ein reales Phänomen hinweist. In vielen politischen und gesellschaftlichen Kontexten werden aggressive Dominanz, Härte oder mangelnde Empathie immer noch als besonders „männlich“ inszeniert. Man denke auch hier an Trump oder Putin. Paradoxerweise wird Verhalten, das psychologisch eher auf Unsicherheit oder mangelnde Selbstkontrolle hinweist – etwa cholerische Ausbrüche oder extreme Kränkbarkeit – dann als Stärke interpretiert.

Wo sehen Sie die Grenzen dieses Begriffs?

Er kann schnell so wirken, als stünden Männer generell unter Verdacht. Tatsächlich sind diese Dynamiken komplexer. Solche autoritären Muster werden nicht nur von Männern, sondern auch von Frauen getragen und gesellschaftlich stabilisiert – etwa durch Erwartungen, Erziehung oder Zustimmung im Umfeld. Psychologisch betrachtet geht es dabei häufig um narzisstische Dynamiken: also um eine starke Fixierung auf Dominanz, Status und die Abwehr von Kränkung. Diese Dynamiken drücken sich dann oft über bestimmte Männlichkeitsbilder aus.

Wie stark prägt das gesellschaftliche Umfeld, ob Menschen Kriegen gegenüber eher positiv eingestellt sind?

Nehmen Sie Russland. Die dortige Gewaltbereitschaft beruht auf einer komplexen Mischung aus historischen, nicht aufgearbeiteten Traumata, politischer Repression und sozialen Strukturen. Sadismus spielt auch im zwischenmenschlichen Umgang eine Rolle. Es gibt dazu eine sehr interessante Arte-Dokumentation. Der ukrainische Geheimdienst hat Telefonate russischer Soldaten mit ihren Angehörigen abgehört, darunter häufig auch mit Frauen aus der Familie. In einigen dieser Gespräche erzählen Soldaten offen von Folterungen oder Vergewaltigungen. Erschütternd ist, dass manche Angehörige darauf nicht mit Entsetzen reagieren, sondern dieses Verhalten teilweise sogar noch bestärken.

Die Vorstellung, Krieg sei Teil der menschlichen Natur, ist weit verbreitet. Sehen Sie das auch so?

Ich glaube, es ist ein Fehler, davon auszugehen, Krieg sei gewissermaßen im Menschen angelegt. Zugespitzt gesagt lernen wir das schon in der Schule, wenn wir „Herr der Fliegen“ lesen und daraus schließen, dass Menschen sofort zu Barbaren werden. Ich glaube das nicht. Wir lassen uns zu oft auf die Rationalisierungen ein, mit denen Kriege begründet werden, und übernehmen die Rhetorik derjenigen, die Kriege führen. Über die psychologischen Mechanismen zu sprechen, ist unangenehm und schmerzhaft. Das merke ich auch in meinen Vorträgen: Die meisten Fragen beziehen sich auf die deskriptiven Aspekte von Krieg, Rechtsextremismus und Radikalisierung, nicht auf die psychologischen Dynamiken, die dahinterstehen könnten.

Was kann Gesellschaften widerstandsfähiger gegen Gewaltphantasien und Kriegsüberhöhung machen?

Im Kern geht es um etwas Grundlegendes: wie Menschen miteinander umgehen. Gewaltbereitschaft entsteht nicht nur aus Ideologien oder politischen Konflikten, sondern auch aus emotionalen und sozialen Erfahrungen. Gesellschaften werden stabiler, wenn Menschen in ihrem Alltag Mitgefühl, Respekt und einen liebevollen Umgang miteinander lernen. Das klingt fast banal, ist aber sozialpsychologisch zentral. Wer gelernt hat, andere als gleichwertig wahrzunehmen, ist weniger anfällig für Entmenschlichung und Gewaltphantasien. Gleichzeitig braucht es ein besseres Verständnis für die massenpsychologischen Dynamiken von Krieg und Autoritarismus. Autoritäre Führer arbeiten mit Angst, Kränkung und dem Versprechen von Stärke und Ordnung. Gesellschaften werden widerstandsfähiger, wenn Menschen diese Formen der politischen Verführung erkennen und ihnen nicht so leicht folgen.

Dr. Alexander Yendell ist Soziologe an der Universität Leipzig und im „Leipzig Research Centre Global Dynamics“ tätig. Außerdem ist er Mitglied des „Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt, Standort Leipzig“.

Source: faz.net